Baumeister, Proalpha

Wilhelm Baumeister ist Product Manager Accounting bei Proalpha und Experte für das Thema Internationalisierung. - Bild: Proalpha

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ihre Kunden bei der Internationalisierung des Rechnungswesens?

Die Besonderheiten sind, dass wir in den jeweiligen Ländern immer spezielle Rechnungslegungsanforderungen haben. In Österreich gibt es beispielsweise ein spezielles Verfahren zur Abbildung des Skonto. In der Schweiz gibt es einen andersartigen Zahlungsverkehr. In Frankreich gibt es einen vorgegebenen Kontenrahmen. In Italien gibt es eine besondere Abschreibungsform. Diese Reihe könnte noch beliebig erweitert werden. Das heißt, wir haben eine Vielzahl von speziellen Anforderungen im Rahmen des Rechnungswesens, die länderspezifisch sind. Unternehmen, die in diese Länder gehen, müssen diese rechtlichen Besonderheiten berücksichtigen und sie umsetzen. Eine weitere Herausforderung ist es, ein gemeinsames Reporting über die Ländergrenzen hinweg zu erstellen. Das heißt, die vielen Besonderheiten der verschiedenen Länder müssen in einen gemeinsamen Jahresabschluss überführt werden. Dazu gehört es eben auch, die verschiedenen Bewertungsvorschriften zu berücksichtigen.

Was sind die Herausforderungen für Sie als ERP-Anbieter?

Eine der Herausforderungen für uns als Software-Unternehmen ist es, immer am Ball bleiben zu müssen. Das Rechnungswesen ist nicht starr, es bewegt sich und verändert sich. So müssen wir beispielsweise in der EU viele Harmonisierungsvorschriften umsetzen. Aber das gilt auch gerade für weit entfernte Länder wie China. Wir müssen also so nah am Ball sein, dass wir diese Veränderungen frühzeitig mitbekommen. Erst dann haben wir die Möglichkeit, unsere Software-Lösung entsprechend anzupassen. Die Zeit brauchen wir ebenso, um uns das entsprechende Fachwissen aufzubauen.

Wie sieht Ihr Experten-Team aus?

Das Team besteht im Wesentlichen aus Rechnungswesen-Beratern, die unter der Leitung des Produktmanagements stehen.  Dabei besteht enger Kontakt zu den Kollegen aus den jeweiligen Ländern. Darüber hinaus haben wir ein Team, das aus externen Mitarbeitern besteht. Das sind meist Wirtschafts- oder Steuerberater aus den jeweiligen Ländern. Selbstverständlich ist auch eine große Software-Entwicklungsabteilung Teil des Teams. Denn letztendlich muss auch die Software entsprechend den neuen Gesetzgebungen angepasst werden. Dazu gehört auch eine Dokumentations- und Qualitätssicherungsabteilung.

Wie schnell können Sie auf Gesetzesänderungen reagieren?

Das geschieht in wenigen Tagen. So schnell müssen wir reagieren können.

Gibt es dafür ein Beispiel aus der Praxis?

Vor kurzem hatten wir das Thema Reverse Charge, wo der Gesetzgebermehrere Durchgänge bis zur endgültigen Entscheidung brauchte. Im Prinzip geht es dabei um eine Umkehrung der Steuerlast. Ein weiteres Beispiel ist die zögerliche Einführung einer Bagatellgrenze. Unser Weg war es, eine Lösung zu schaffen, die die nötige Flexibilität beinhaltet, so dass wir gut auf die geänderten rechtlichen Vorgaben reagieren konnten. Wenn wir vor solchen Herausforderungen stehen, versuchen wir immer Lösungen zu finden, welche Spielraum bieten, um reagieren zu können, wenn der Gesetzgeber doch noch einmal Veränderungen vornimmt. Und das ist eigentlich immer der Fall.

Wie groß ist Ihr Team?

Das ist immer vom Land abhängig. Wir versuchen aber in jedem Fall einen Wirtschafts- oder Steuerberater vor Ort zu haben, der uns mit den nötigen Informationen versorgt. So werden wir schon frühzeitig auf Gesetzesänderungen aufmerksam. Außerdem haben wir oft weitere Berater vor Ort. Denn es ändern sich nicht nur Gesetze, sondern auch Gewohnheiten und Praxen. Im Grunde ist das Handelsrecht auch gelebte Praxis in vielen Dingen. Dementsprechend haben wir unser Ohr dann ganz nah am Markt.

Bleiben wir beim Thema beziehungsweise dem Land China. Was sind dort die Herausforderungen und wie lösen Sie diese?

Ein ganz wichtiger Aspekt dort ist das Thema Steuerfindung. Das komplette Verfahren dazu haben wir in unserer Software-Lösung komplett neu gebaut. Die Steuerfindung ist somit den Gegebenheiten in China sehr gut angepasst.

In welchen Ländern lässt sich das Thema Internationalisierung schwer respektive leicht umsetzen?

Etwas leichter geht das natürlich in unseren Nachbarstaaten Österreich und Schweiz. Dort gibt es viele Parallelen im Handelsrecht. Zunehmend machen wir auch die Erfahrung, dass Harmonisierungsvorschriften der EU in den Ländern identisch umgesetzt werden. Wenn wir etwas verändern müssen, können wir das gleichermaßen für Deutschland und Europa tun. Das andere Extrem ist China.  Eine Schwierigkeit ist die Sprache, die wir auf den ersten Blick nicht einmal lesen können.