Carbon sorgt für Stabilität und kommt im sogenannten Carbonbeton zum Einsatz. Prof. Chokri Cherif erklärt das Forschungs-Ergebnis und Nutzen. So haben Konstruktionen aus Carbonbeton ein geringeres Gewicht als Konstruktionen aus herkömmlichem Stahlbeton.

Carbon sorgt für Stabilität und kommt im sogenannten Carbonbeton zum Einsatz. Prof. Chokri Cherif erklärt das Forschungs-Ergebnis und Nutzen. So haben Konstruktionen aus Carbonbeton ein geringeres Gewicht als Konstruktionen aus herkömmlichem Stahlbeton. - Bild: Sven Hofmann

| von Susanne Nördinger

Ein Automobil besteht aus weit über 10.000 Einzelteilen, viele davon aus thermoplastischen Kunststoffen. Leichtbau wird heute in der Regel aus einem Mix unterschiedlichster Materialien realisiert. Als technologischer und wirtschaftlicher Quantensprung gilt das neue Ultraschall-Stauchnieten, das erstmals auch die Ultraschall-Vernietung von Hochtemperaturkunststoffen und glasfaserverstärkten Kunststoffen ermöglicht. Entwickelt wurde es von der Herrmann Ultraschalltechnik GmbH in Karlsbad in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fördertechnik und Kunststoffe der TU Chemnitz.

Das patentrechtlich geschützte Verfahren sichert dem Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal und einen Wettbewerbsvorteil. Der Gesamtmarkt für das Ultraschallnieten wird weltweit auf immerhin jährlich rund 100 Mio Euro geschätzt.

Neben der Automobilindustrie gibt es eine Reihe weiterer Anwendungsfelder, etwa die Medizintechnik. Der deutsche Staat sieht es gern, wenn sich Unternehmen im Markt behaupten und fördert derartige Entwicklungen finanziell, in diesem Fall aus dem Etat von ‚ZIM‘.

ZIM steht für das 2008 ins Leben gerufene ‚Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand‘ des Bundes. Seit 2008 wurden rund 30 000 Projekte mit einem zugesagten Fördervolumen von rund 4 Mrd EUR auf den Weg gebracht und zum Teil mit bis zu 50 % bezuschusst. In 2018 stehen im Haushalt des dafür zuständigen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) 543,5  Mio EUR zur Verfügung.

Grundlagenforschung und an­wendungsnahe Entwicklungsarbeiten

„ZIM ist ein im Vergleich zu anderen nationalen und internationalen Förderprogrammen einfaches und unbürokratisches Förderprogramm und war für Herrmann Ultraschall als kreatives und innovatives Unternehmen eine wichtige Plattform zur Förderung von Forschungsvorhaben“, betont Dr. Marco Lanza, Leiter Forschung und Entwicklung des Unternehmens am Nordrand des Schwarzwalds. Gemeinsam mit Partnern und Hochschulen habe man Grundlagenforschung und an­wendungsnahe Entwicklungsarbeiten betreiben und dadurch seine Technologieführerschaft sichern können.

Lanza: „Das Stauchnieten hat inzwischen Marktreife erreicht und ist bereits erfolgreich bei Kunden im Einsatz.“ Mittelständler können auf drei Wegen an Zuschüsse für innovative Vorhaben gelangen: im Alleingang mit sogenannten FuE-Einzelprojekten, in F&E-Kooperationsprojekten und im Rahmen von F&E-Kooperationsnetzwerken. Die Einzelförderung beträgt bis zu 45 % der Projektkosten von maximal 380 000 EUR, bei Teilprojekten im Rahmen von Kooperationen bis zu 50 % in Form eines nicht rückzahlbaren Zuschusses. Orientierung und Unterstützung bei der Antragstellung für ein ZIM-Projekt erhalten Unternehmen direkt beim BMWi oder den von ihm zertifizierten Projektträgern (siehe Kasten).

Hier gibt es Geld vom Staat:

ZIM-Einzelprojekte
Projektträger: EuroNorm GmbH/www.euronrom.de

ZIM-Kooperationsprojekte und internationale Kooperationen
Projektträger: AiF Projekt GmbH/www.aif.de

ZIM-Kooperationsnetzwerke
Projektträger: VDI/VDE Innovation + Technik GmbH/www.vdivde-it.de
vorwettbewerbliche Forschung: www.bmwi.de

IGF Förderrichtlinien und Förderdatenbank des Bundes, der Länder
und der EU: www.foerderdatenbank.de

IGF-Antragsverfahren: www.aif.de
Förderberatung des Bundes: www.foerderinfo.bund.de

Weitere 169 Mio EUR fließen 2018 in die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF), mit der seit 1954 über 222 000 Vorhaben gefördert wurden. KMU wird eine aktive Teilnahme an der Forschung ermöglicht beziehungsweise sie erhalten Zugang zu den aktuellen Forschungsergebnissen. Es handelt sich um eine ‚vorwettbewerbliche‘ Förderung – um eine Brücke von der Grundlagenforschung zur Anwendungsforschung sozusagen. Das Prozedere: Unternehmen können Projekte vorschlagen, die sodann von einer Fachjury bewertet werden.

Innovationspotenzial für die ganze Branche?

Zuständig sind 100 branchenspezifische Forschungsvereinigungen der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen ‚Otto von Guericke e. V.‘ (AiF). Unter anderem wird untersucht, ob ein Vorschlag Innovationspotenzial für die gesamte Branche enthält.

Ende 2017 gab es rund 20 500 Unternehmensbeteiligungen an IGF-Projekten. Gefördert werden unter anderem Personalausgaben, Geräte und Leistungen Dritter, etwa von Experten. Die Höhe des Zuschusses beträgt bis zu 100 % der förderfähigen Ausgaben. Das Volumen des IGF-Programms soll in den nächsten Jahren auf mindestens 200 Mio EUR steigen. Die AiF betreut die Projekte von der Antragstellung über die fachliche Begutachtung bis zur Auszahlung der Fördermittel.

Mit einem IGF-Projekt begann beispielsweise die Erfolgsgeschichte von Carbonbeton, einer neuen Baustofftechnologie, die 2016 mit dem Zukunftspreis für Technik und Innovation ausgezeichnet wurde. Herkömmlicher Stahlbeton wird aus einer Bewehrung mit Stahl hergestellt, Carbonbeton hingegen aus textilen Bewehrungen. So entfällt die Notwendigkeit für eine Betondeckung als Korrosionsschutz und die Konstruktionen haben ein geringeres Gewicht. Beteiligt waren das Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM) der Universität Dresden und ein Konsortium von rund 140 weitgehend deutschen Instituten und Unternehmen.

Interdisziplinäre Forschung

„Das ITM ist als Innovationsführer und durch seine interdisziplinäre Forschung besonders ausgewiesen; und es ist ein weltweit führendes Innovations- und Ausbildungszentrum für die gesamte Wertschöpfungskette von Hochleistungstextilien. Die Forschungsaktivitäten sind interdisziplinär, branchenübergreifend und mit dem Fokus auf nationale sowie internationale Entwicklungstrends ausgerichtet“ beschreibt Institutsleiter Prof. Dr.-Ing. Chokri Cherif den Nutzen solcher Kooperationen als Innovationstreiber.

ZIM und IGF sind nicht die einzigen Geldquellen, aus denen ideen­reiche Unternehmen schöpfen können. Über ihre Tochterfirmen AiF Projekt GmbH und die AiF FTK GmbH betreut die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen weitere Förderprogramme der öffentlichen Hand. Allein bei den Bundes­ministerien gibt es über 40 Programme, zusammen mit denen der Länder und der EU sind es mehrere Hundert.

Dahinter steht der politische Wille, den Technologiestandort und die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen zu stärken. Bei ZIM dürfen Antragsteller beispielsweise 50 Mio Euro Umsatz oder 43 Mio Euro Bilanzsumme nicht überschreiten und maximal 500 Mitarbeiter haben. Rund 3 Mio Unternehmen könnten somit Anträge stellen, nur etwa 40 000 haben es bisher getan. Schwer vorstellbar, dass den übrigen 99 % der Mittelständler bisher nichts Innovatives eingefallen ist.

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Eine aktuelle Studie des BMWi unterstreicht den Stellenwert von Angeboten wie ZIM und IGF für den innovativen Mittelstand. Wesentliche Alleinstellungsmerkmale sorgten für eine schnelle Ausbreitung neuer Trends sowie für den effektiven Transfer von Wissen in den Markt und über Branchengrenzen hinweg, lautet ein zentrales Ergebnis.

Ein großer Teil der beobachteten Technologietrends habe sich parallel zur Diskussion in der Fachcommunity entwickelt, andere sogar noch bevor die Thematiken von Fachkreisen aufgegriffen worden seien. „Dass IGF und ZIM wichtige Katalysatoren für das Innovationsgeschehen unseres Landes sind, ist bekannt und mehrfach durch Evaluationen belegt worden. Dass die beiden Programme auch als Trendsetter und Trendbeschleuniger wirken, war uns zwar intuitiv bewusst, aber durch die ­BMWi-Studie konnte dies klar nachgewiesen werden, was uns sehr freut“, so AiF-Präsident Professor Sebastian Bauer.

Wer staatliche Mittel erhalten will, muss aber erst das Förderdickicht erforschen. Ein Wegweiser ist die Datenbank des Bundes (siehe Kasten). Von dort aus gelangt man zu den einzelnen Programmen und den Antragsunterlagen zum Download. Die Prüfungs- und Genehmigungsverfahren liegen in den Händen erfahrener Ingenieure und Naturwissenschaftler. Neben der technischen oder wissenschaftlichen Qualität werden aber auch die praktische Realisierbarkeit und die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten geprüft. Unter anderem gilt es nachzuweisen, dass eine Firma finanziell solide ist und den Eigenanteil der Förderung aufbringen kann.

Umsetzungsreif, aber noch politisch nicht abgesegnet, ist die Idee einer steuerlichen Forschungsförderung. Unternehmen sollen nicht nur 100 % der Personalkosten ihrer F&E-Abteilungen, sondern darüber hinaus weitere 15 % geltend machen können. Dieser Überabzug soll die Innovationskraft des Mittelstands stärken, was Kritiker allerdings bezweifeln. Nur große Unternehmen mit einer umfangreichen eigenen F&E hätten davon einen Vorteil.