Es ist Feierabend, irgendwann in der Zukunft. Ich gehe schnell nach Hause, denn heute Abend geht’s mit Freunden in unsere Lieblingspizzeria nach Italien. Um 18:30 Uhr sitze ich in der Kapsel nach Neapel und um 19:30 Uhr in dem schnuckligen Restaurant am Hafen. Eine Pizza Napoli, zwei Gläser Rotwein und 45 Minuten Fahrt später liege ich wieder in meinem Bett und überlege, wo es nächste Woche hingeht – denn dank der neuen Hyperloop-Strecken sind viele Ziele in weniger als einer Stunde zu erreichen. Eine schöne Vorstellung – doch wie weit sind wir von dieser Zukunft noch entfernt?

Gleich zwei Unternehmen tüfteln derzeit an der Entwicklung des Hyperloops, einem Transportsystem, das Passagiere und Güter in Kapseln mit Geschwindigkeiten bis zu 1 200 km/h transportieren soll und das besonders energiesparend und emissionsarm.

Im August 2013 hatte Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk ein Konzept veröffentlicht, in dem Aufbau und Funktionsweise des Hyperloops beschrieben sind. Die Röhren des Systems sollen auf Pfeilern über der Erde verlegt werden. Die Befestigung an den Stützen kann über Dämpfer erfolgen, um Bewegungen des Bodens sowie Ausdehnung und Verkürzung durch Temperaturunterschiede auszugleichen. Innerhalb der Röhren soll eine Umgebung mit einem Luftdruck von 1 hPa (etwa 1/1000 des Normaldrucks auf der Erde) mithilfe von Vakuumpumpen hergestellt werden, um die gewünschten hohen Geschwindigkeiten zu ermöglichen.

Zusätzlich werden die in den Röhren gleitenden Kapseln an der Vorderseite einen Kompressor erhalten, der die Luft vor der Kapsel einsaugt, um so den restlichen Luftwiderstand weiter zu verkleinern. Die angesaugte Luft kann dann dazu verwendet werden, unter den Kapseln ein Luftkissen zu erzeugen, auf dem diese schweben. So gibt es wenig Reibung und es kann Energie gespart werden, da kein konstanter Antrieb notwendig ist. Die Kapsel muss lediglich zu Beginn beschleunigt, am Ende wieder abgebremst und dazwischen in regelmäßigen Abständen‚ angeschuckt‘ werden. Dazu sollen lineare Induktionsmotoren eingesetzt werden. Die Energieversorgung soll über auf den Röhren angebrachte Solarzellen erfolgen – der Hyperloop ist quasi ein Selbstversorger.

Hyperloop ist quasi ein Selbstversorger

Musks genauere Planungen beziehen sich auf eine Strecke zwischen San Francisco und Los Angeles. Nur 35 Minuten soll die Fahrt dauern. Doch allgemein ist der Hyperloop als Transportlösung zwischen Städten gedacht, die weniger als 1 500 km auseinander liegen. Bei Entfernungen darüber wäre laut Musk ein Überschallflugzeug wirtschaftlicher. Einhergehend mit der Veröffentlichung stellte Musk sein Konzept allen zur Verfügung, die Interesse daran haben, die Idee zur Umsetzung zu führen. Mittlerweile haben sich zwei Unternehmen der Konstruktion des Hyperloops angenommen.

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Für die Strecke von San Francisco nach Los Angeles würden Reisende bei Nutzung des Hyperloops lediglich 50 Minuten benötigen. - Bild: Hyperloop One

Erste voll funktionsfähige Strecke im Quay Valley bis 2018

Dirk Ahlborn, Mitbegründer des Crowdfunding-Unternehmens Jumpstarter, gründete im November 2013 Hyperloop Transport Technologies (HTT), nachdem er von Musks Idee gehört und überdie Plattform JumpStartFund erste finanzielle Mittel und Mitarbeiter gewonnen hatte. Erste Kapselprototypen wurden von HTT bereits gebaut. Nun möchte das Unternehmen bis 2018 eine erste voll funktionsfähige Strecke im Quay Valley in Kalifornien bauen.

Auch der Investor Shervin Pishevar, ein Freund Musks, erfuhr von dem Konzept und gründete gemeinsam mit dem früheren SpaceX-Ingenieur Brogan Bambrogan das Unternehmen Hyperloop One (damals zunächst Hyperloop Technologies), welches im November 2014 die Arbeit aufnahm. Im Mai 2016 führte das Unternehmen einen öffentlichen Antriebstest durch und im April 2017 wurde der DevLoop fertiggestellt, die erste Teststrecke in Originalgröße für das gesamte System. Zudem plant das Unternehmen bereits Strecken in den USA, Finnland, den VAE, Russland und der Schweiz.

Video: The Hyperloop One System

Wie weit genau diese Pläne und auch die technologischen Entwicklungen schon fortgeschritten sind, das behalten die Unternehmen größtenteils für sich. Dies lässt viel Spielraum für Spekulationen, gerade wenn es darum geht, wie realistisch die Pläne überhaupt sind.

„Ich stelle mir die Umsetzung dieser Technologie komplexer vor, als es im Ersten klingen mag“, meint Marc Giesen, Consulting-Leiter bei DB Engineering & Consulting. Die Deutsche Bahn-Tochter wurde von Hyperloop One beauftragt, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen und unterstützt das Unternehmen auf dem Weg vom Konzept zur Umsetzung. „Die Technologie muss genehmigungsfähig gemacht werden“, erläutert Giesen weiter. „Ich glaube, die Realisierung als solches geht schnell, denn der Hyperloop hat eine hohe Standardisierung. Allerdings halte ich das Genehmigungsverfahren gerade im ersten Fall für relativ langwierig, denn diese Technologie ist für jeden Neuland.“ Das technologische Konzept stellt Giesen nicht infrage, es bleibe eher offen, ob die verbleibenden Fragen zu Notfallplänen und Sicherheit geklärt werden können und vor allem ob es überhaupt einen Business Case für den Hyperloop gibt.

Die Frage, ob der Bau eines Hyperloops notwendig ist, stellt sich auch Prof. Harald Kipke, Leiter des Labors für Verkehrswesen der TH Nürnberg: „Ich frage mich, ob ein solches auf Geschwindigkeit basierendes Transportsystem von der Gesellschaft in Zukunft überhaupt noch erwünscht ist.“ Kipke sieht den Hyperloop nicht nur in Konkurrenz zu den heutigen Transportmitteln, sondern vor allem auch als Wettbewerber der modernen Kommunikationsmittel – denn diese machen es teilweise unnötig, direkt vor Ort zu sein. „Wir haben heutzutage dank des Internets diverse Möglichkeiten der nicht-physischen Informationsübertragung. So stellt sich die Frage, ob für schnelle Transportsysteme noch ein Markt besteht“, erläutert er.

Hinzu komme zudem die Akzeptanzfrage, nämlich ob die Menschen überhaupt bereit wären, in solche Kapseln, die durch Röhren geschossen werden, einzusteigen. Doch diese sei schwer zu beantworten. „Wir versuchen mit unserer heutigen Denkweise und Prägung, in die Zukunft zu sehen“, sagt der Verkehrswissenschaftler. „Man geht davon aus, dass Menschen schnell irgendwo hinkommen und lange Wege zurücklegen möchten, da das momentan so ist. Doch ebendies kann sich schnell ändern“, spekuliert Kipke. Damit wäre dann auch der Hyperloop eine eher unnötige Erfindung.

Video: World's First Full Scale Passenger Hyperloop Capsule

Giesen sieht das etwas differenzierter. „In Deutschland sehe ich für den Hyperloop keine Notwendigkeit, wir haben bereits eine sehr gute Infrastruktur“, erklärt er. „Aber in einem Land, das noch keine funktionierende Landinfrastruktur hat, wie zum Beispiel die arabische Halbinsel, halte ich ein solches Transportmittel für deutlich sinnvoller.“

Ob wir in Zukunft ein weltweites Hyperloop-Netz haben werden, lediglich einige einzelne Strecken gebaut werden oder ob die ganze Idee vielleicht doch wieder in der Versenkung verschwindet, bleibt abzuwarten. Aber eben mal zum Pizzaessen nach Italien, das wäre schon was.

Video: Hyperloop bald auch in Deutschland?