Industry Business Network 4.0

Gründungsmitglieder des Industry Business Network 4.0: Hersteller und Forscher aus der Blechbearbeitung wollen die Potenziale einer vernetzten Fertigung erschließen. - Bild: MicroStep

Die Funken fliegen durch die Produktionshalle, schwere Maschinen wuchten Stahlplatten umher. Die Lautstärke ist ohrenbetäubend. Blechbearbeitung ist eben nach wie vor noch echter Heavy Metal. Doch Applaus für diesen Sound ernten die Blechler  nicht mehr. Auch sie können sich vor dem digitalen Wandel nicht verschließen. Ihre Kunden fordern Industrie 4.0-Lösungen. Das ergab eine Umfrage von ‚Produktion‘ auf der diesjährigen EuroBLECH unter Besuchern und Ausstellern.

Der Eindruck verstärkte sich insbesondere beim Besuch des Messestands von Trumpf. Der Branchenriese zeigte mit TruConnect ein Konzept für die vernetzte Fertigung. Ein Einstieg in die Welt von Industrie 4.0 soll dabei beispielsweise die Datenausgangsschnittstelle Central Link sein. Sie soll Informationen zum Produktionsstatus sicher zur Verfügung stellen. "Die Kunden sollen damit Web-Applikationen, -Plattformen und über das Kommunikationsprotokoll OPC UA auch lokale Systeme einfach anbinden können", wie Trumpf verspricht. Central Link sei damit die Basis für mehr Transparenz in der Fertigungssteuerung. Es übermittelt Informationen zum Stand der Produktion sowohl an lokale ERP-Systeme als auch an cloudbasierte Lösungen – wie an die Geschäftsplattform Axoom aus der Trumpf-Gruppe.

Systemanbieter für Blechbearbeitung

Das Beispiel zeigt: Der Technologie-Konzern positioniert sich als Systemanbieter in Sachen Blechbearbeitung 4.0. Kein Wunder, die Ditzinger sind überzeugt, dass in der Prozesskette Blech noch viel Optimierungspotenzial in den vor- und nachgelagerten Aufgaben liegt. Das fängt an beim Bestellvorgang und geht über die Materialbeschaffung bis zur Auslieferung und Rechnungsstellung. Trumpf sagt: Unsere Maschinen sind heute so schnell, dass die Teile-Bearbeitungszeit nicht mehr in jedem Fall im Vordergrund steht. Stattdessen stecken 80 Prozent des Verbesserungspotenzials in den indirekten Prozessen. Das ist Ergebnis einer Studie von Trumpf und Fraunhofer IPA.

Hinzu kommt, dass die zu fertigenden Teile immer komplexer werden, während die Losgrößen sinken. So ergab die Studie, dass bereits die Hälfte der Fertigungsaufträge eine Losgröße zwischen eins und vier haben. Gleichzeitig sind weniger als 50 Prozent  der Aufträge Wiederholteile.

In der eigenen Fertigung geht Trumpf in Sachen Digitalisierung voran. Am Stammsitz Ditzingen unterstützt ein Shopfloor Management System die Digitalisierung der Produktionsprozesse. Fertigungsaufträge werden digital erzeugt und gesteuert, die Maschinenzustände in Echtzeit angezeigt. Auch die Logistikprozesse sind jederzeit transparent.

Aktuell läuft in Ditzingen das Pilotprojekt ‚Intelligente Fertigungsfeinplanung‘ aus dem TruConnect Baukasten. Ziel ist es dabei, die komplexen Steuerungsprozesse zum Teil zu automatisieren. Damit nicht genug.

Derzeit laufen in Chicago die Bauarbeiten für "eine neue Fabrik mit wegweisenden Industrie 4.0-Lösungen und Geschäftsmodellen", wie das Unternehmen mitteilte.

Eröffnung? Schon Mitte 2017. Die Vision von der Smart Factory will Trumpf im gesamten Produktionsverbund innerhalb von fünf Jahren umsetzen.

Matthias Kammüller, Vorsitzender des Trumpf Geschäftsbereichs Werkzeugmaschinen, verspricht sich davon einiges: "Durch die flächendeckende digitale Vernetzung werden wir einen Produktivitätsgewinn von 30 Prozent erreichen."

Die Schwaben nehmen damit laut Branchenbeobachtern die ­Pole Position in Sachen Industrie 4.0 ein. Andere Experten formulieren es weniger freundlich und sprechen vom "Google der Blechbearbeitung". Sie meinen damit die dominierende Position des Silicon-Valley-Unternehmens im Internet-Geschäft, das sich dank prall gefüllter Kriegskasse die besten Leute und die heißesten Start-ups einkaufen kann.

Parallele zu Trumpf: Die Schwaben haben eine Venture Capital Gesellschaft für die Finanzierung von Technologie-Start-ups gegründet. Zum 1. Juli 2016 nahm die Trumpf Venture GmbH ihre Geschäftstätigkeit auf. Offizielles Ziel: Die Förderung von vielversprechenden Jungunternehmen, die die Industrie der Zukunft mitgestalten wollen. Dazu baut die Trumpf Venture GmbH in den kommenden fünf Jahren ein Investitions-Portfolio in Höhe von rund 40 Millionen Euro auf.

Christof Siebert, Leiter Technologiemanagement bei Trumpf, sagt: "Im eingeschwungenen Zustand wollen wir in ungefähr fünf Start-ups pro Jahr einsteigen." Inhaltlich interessieren sich die Schwaben dabei besonders für die Felder Photonik und digitalisierte vernetzte Fertigung. Aber auch neuartige Fertigungsverfahren, Smart Components und High-Tech-Materialien hat Trumpf im Visier.

Gespräche mit den ersten Start-ups haben bereits stattgefunden. Ist Trumpf damit den Wettbewerbern uneinholbar enteilt? Zumindest ein Gang über die EuroBLECH könnte rein optisch diesen Eindruck vermitteln. Der riesige Trumpf-Stand nimmt einen Großteil der Halle 11 auf der Hannover Messe ein.