Intralogistik, Transportroboter, Individualisierung

Noch sind Routenzüge in der Intralogistik nicht wegzudenken. Doch Transportroboter sind im Kommen. - Bild: BMW Group

Die Intralogistik befindet sich im Wandel. Autonome Systeme und Roboter sind auf dem Vormarsch. Auch für den Menschen ändert sich einiges. Philipp Wrycza, Projektleiter AutoID-Technologien, Abteilung Verpackungs- und Handelslogistik, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, sieht vor allem die Individualisierung als Treiber: „Nahezu kein Auto ist wie das andere, wir können Limonaden mit unserem Namen auf der Flasche kaufen oder unser Müsli beliebig zusammenstellen. In Zahlen gibt es beispielsweise 1025 theoretisch mögliche Varianten an Autos über alle deutschen Hersteller.“

Der zunehmende Grad der Individualisierung habe Einfluss auf alle Unternehmen entlang der gesamten Supply Chain. So werde versucht, den Entkopplungspunkt der kundenindividuellen Produktion möglichst am Ende der Supply Chain, nahe dem Endkunden, durchzuführen. „Intention ist, eine optimale Auslastung der Produktion bei einem niedrigen Lagerrisiko zu erreichen. Trotz aller Anstrengungen führt diese Entwicklung zu kleineren Losgrößen in Produktion und Logistik und damit zu neuen Anforderungen an die Unternehmen“, findet Wrycza.

Dadurch steige die Nachfrage nach flexiblen Logistiklösungen, das Stichwort laute Skalierbarkeit. „Technische Lösungen müssen somit anpassbar sein und können nicht mehr auf einen gleichbleibenden Durchsatz oder eine bestimmte Artikelgröße ausgelegt werden. Neben skalierbaren Lösungen wie dem klassischen Gabelstapler und den fahrerlosen Transportfahrzeugen gibt es daher auch zunehmend neue dezentrale, skalierbare Konzepte, wie beispielweise Drohnen.

Im Bereich der Produktion spielen neben neuen Produktionsverfahren wie dem 3D-Druck auch alternative Produktionsprinzipien wie die Auflösung des Taktes oder die vollkommen vernetzte Produktion eine große Rolle“, so Wrycza.

Nachfolgend stellen wichtige Anbieter von Intralogistik-Lösungen ihre Ideen und Gedanken dazu vor:

1. Thomas Wiesmann, Vertriebsleiter Sortier- und Verteiltechnik, Beumer Group

Welche Veränderungen sind in der Intralogistik nötig, um auf die steigende Variantenvielfalt reagieren zu können?

Wiesmann: Mit der fortschreitenden Entwicklung der Warenströme im Zuge des E-Commerce steigt auch die Anforderung an den Grad der Vernetzung, der Automatisierung und der Systemintegration. Um diese zunehmende Komplexität in der Logistik zu beherrschen, ist immer mehr Informationstechnik erforderlich. Diese reicht in der Intralogistik mittlerweile weit über Lager und Distributionszentren hinaus. Sie integriert beispielsweise die Fertigung oder die Versorgung von Montage-Arbeitsplätzen, aber auch die Verbraucher. Damit steigert die IT die Wertschöpfung und Profitabilität aller Beteiligten entlang der gesamten Lieferkette. Das wirkt sich auch auf den Maschinen- und Anlagenbau aus. Bei der Entwicklung neuer Lösungen kann der Anteil der Software schon bis zu 50 Prozent betragen. Je leistungsfähiger diese ist, desto effizienter ist die Anlage.

Thomas Wiesmann, Beumer Group
Thomas Wiesmann, Vertriebsleiter Sortier- und Verteiltechnik, Beumer Group. - Bild: Beumer Group

Inwieweit reicht ein Automatisieren nicht mehr aus und autonome Systeme kommen ins Spiel?

Wiesmann: Infolge von E-Commerce und Automatisierung nimmt die Bedeutung kartonverpackter Ware immer weiter zu und damit auch die Bedeutung kleiner Ladungsträger. Deshalb setzen immer mehr Logistikunternehmen und Lagerbetreiber auf autonom agierende innerbetriebliche Transportsysteme, die ihre Route eigenständig organisieren, oder auf Lager, die Leerstände in Echtzeit erkennen und füllen. Kleinteilige, multifunktional einsetzbare Fahrzeuge sind zum Beispiel sehr flexibel. Die Fahrzeuge stimmen sich selbstständig ab, wer welchen Auftrag übernimmt und welche Route fährt.

An welchen Stellen gibt es noch den größten Entwicklungsbedarf?

Wiesmann: Um die Supply Chain intelligent zu vernetzen, ist die Entwicklung leistungsfähiger vernetzter Sensoren und Aktoren erforderlich. Denn die Vernetzung führt zu gigantischen Mengen von Daten und Metadaten entlang der Wertschöpfungskette. Prozessoren, Bedienelemente, Software oder Steuerungen müssen in ein harmonisches, ergonomisches, leistungsfähiges und bedienbares System integriert werden, mit dem sich dieses riesige Datenaufkommen effizient steuern lässt. Nur mit IT kann die Komplexität in der Logistik beherrscht werden und nur damit lassen sich künftig sämtliche Warenflüsse intelligent steuern.

Welche Systeme werden dadurch unwichtiger, welche wichtiger?

Wiesmann: Steigerungen bei Leistung und Effizienz sind heute oft nur noch durch leistungsfähigere Software möglich, ohne dass wir zwangsläufig auch die Maschine und Anlage anfassen müssen. Unsere Anlagen statten wir von Beginn an mit intelligenter Software und Steuerungen aus. Anwender bekommen einen klaren Mehrwert: Ihre Abläufe sind flexibler, auch bei Losgröße 1 arbeiten sie effizient.

Welche Rolle nimmt der Mensch darin ein?

Wiesmann: Der Mensch wird eine neue Rolle in der Intralogistik einnehmen. Maschinen werden immer mehr einfache, sich wiederholende Aufgaben übernehmen. Der Mensch wird komplexere, nicht reproduzierbare Abläufe durchführen. Damit wird Arbeit nicht nur effizienter, sondern ergonomischer gestaltet werden können.

2. Volker Welsch, Leitung Vertrieb Deutschland, Psb Intralogistics GmbH

Welche Veränderungen sind in der Intralogistik nötig, um auf die steigende Variantenvielfalt reagieren zu können?

Welsch: Psb hat seine Intralogistiksysteme vor vielen Jahren aus der Produktionslogistik in die Distributionslogistik entwickelt. Wir kennen daher die Anforderungen einer modernen Produktionslogistik. ‚One-piece-flow‘ oder ‚Produktion in Stückzahl 1‘ wird seit geraumer Zeit immer wieder in unsere Auftragsbücher geschrieben. Ob wir nun ein Teil für den Versandhandel in Richtung Endkunde oder ein Teil für die Produktion in Richtung Montage­linie senden, bedeutet prinzipiell das Gleiche.

Volker Welsch, Psb Intralogistics
Volker Welsch, Leitung Vertrieb Deutschland, Psb Intralogistics GmbH. - Bild: Psb Intralogistics

Inwieweit reicht ein Automatisieren nicht mehr aus, sondern benötigt man schon autonome Systeme?

Welsch: Autonome Systeme oder Roboter sind lediglich ein Teil der Automatisierungskette. In Psb-Produktionsversorgungssystemen gehört ein hoher Automatisierungsgrad immer zu den Hauptmerkmalen. Wir installieren mehr als 95 % Ware-zur-Person-Systeme. Hierbei ist immer die Entscheidung zu treffen, ob die menschliche Hand oder der Robotergreifer den eigentlichen Rüstvorgang, oder Pickvorgang, durchführt. Und gerade bei ‚One-piece-flow‘-Anforderungen, bei denen jeweils nur wenige Teile der gleichen Bauart gegriffen werden, zeigt sich die Überlegenheit der menschlichen Haptik gegenüber dem Robotergreifer. Für besondere Leistungsanforderungen bis deutlich über 1 000 Picks pro Stunde setzen wir beispielsweise das Hochleistungs-Kommissioniersystem ‚Rotapick‘ ein, das ohne einen menschlichen Bediener undenkbar wäre.

An welchen Stellen gibt es noch den größten Entwicklungsbedarf?

Welsch: Es sind bereits große Fortschritte im Bereich der Bildverarbeitung bezüglich Lageerkennung der Teile in einem Behälter oder auf einer Palette gemacht worden. Hier erwarten wir weitere Innovationsschritte. Zudem halten aktuelle Steuerungsthemen wie Schwarmintelligenz Einzug in die Praxis. Kommunizierende fahrerlose Fahrzeuge teilen die Transportlast selbstständig auf. Immer öfter kann auf überlagerte Informationsebenen verzichtet werden.

Welche Systeme werden dadurch unwichtiger, welche wichtiger?

Welsch: Die Entwicklung geht hin zu Systemen die skalierbar sind und flexibel auf sich ändernde Anforderungen reagieren können. Man kann davon ausgehen, dass starre und unflexible Systeme beziehungsweise Konzepte zukünftig mehr und mehr an Boden verlieren.

Welche Rolle nimmt der Mensch darin ein?

Welsch: Wir werden auch in zehn Jahren Menschen an Arbeitsplätzen benötigen. Die Schreckensvision Industrie 4.0, bei der nur noch vollautomatisierte Prozesse durch Roboter ausgeführt werden, bleibt eine Schreckensvision, die nicht zur Realität wird. Die Automatisierung nimmt zu; sie wird jedoch den Menschen am Arbeitsplatz nicht ablösen. Diese fortschreitende Automatisierung wird zudem mehr Fachleute für Wartung, Service und Instandhaltung benötigen. Die qualifizierte Ausbildung junger Menschen zeigt heute bereits deutliche Mangelerscheinungen. Hier muss jetzt und schnell gehandelt werden, damit die benötigten Fachkräfte in zehn Jahren auch zur Verfügung stehen.