Low Cost Automation, Lean Production, Eissmann Automotive

Mehr Produktivität mit einer einfachen und kostengünstigen Automatisierung erzielen – das ist das Ziel der 'Low Cost Automation'. - Bild: Okea/Fotolia.com

Mehr Produktivität mit einer einfachen und kostengünstigen Automatisierung erzielen – das ist das Ziel der ‚Low Cost Automation‘. Eine eindeutige Definition für diese Art der Automatisierung gibt es nicht, gerade im Umfeld von Lean ist die Technik aber im Kommen.

Fabrik des Jahres-Kategoriesieger Eissmann Automotive Hungaria setzt beispielsweise auf die Methode. „Wir verstehen unter dem Begriff ‚low cost automation‘ technologische und technische Lösungen, die Prozessen und Menschen dienen und die von jedem gern gelebt werden“, berichtet Managing Director Attila Böszörményi.

Dabei sei es sehr wichtig, dass diese Lösungen einfach, schnell und möglicherweise billig verwirklicht werden können. Nur dann könnten die Ergebnisse von den gemeinsam entdeckten Vorschlägen in kürzester Zeit genutzt werden. So kommt Böszörményi dem ‚Prinzip der Einbindung der Mitarbeiter‘ nach, die der Motor einer kontinuierlichen Entwicklung sind.

Attila Böszörmenyi
"Wir verstehen unter Low Cost Automation technologische und technische Lösungen, die Prozessen und Menschen dienen und die von jedem gern gelebt werden", sagte Attila Böszörmenyi, Managing Director Eissmann Automotive Hungaria. - Bild: Eissmann

Aus Sicht von Eissmann müssen für eine Low Cost Automation drei Hauptthemen betrachtet werden. Zunächst gilt es, Arbeitsplätze aus Mitarbeitersicht ergonomisch zu gestalten. Böszörményi: „Dazu reduzieren wir Bewegungsverschwendung, Zweihändige Arbeit, und vor allem ersetzen wir unsinnige Arbeit, also Arbeit ohne Wertschätzung, durch einfache Geräte, da die Verschwendung von menschlichem Wissen die größte Verschwendung ist.“

Das zweite Thema im Bereich Low Cost Automation ist bei Eissmann das Linieaufbaukonzept. „Hier achten wir immer auf die einfache Montierbarkeit, Nutzung von kostengünstigem und wiederverwendbarem Material, wie etwa flexible Rohrsysteme, Cartonplast und alltägliche Nutzungsmaterialien“, erläutert Böszörményi. Deswegen arbeiten bei Eissmann immer die Mitarbeiter, die später an der Linie arbeiten, bei der Entwicklung einer Linie mit.

Weiterhin denken die Mitarbeiter von Eissmann auch bei IT-Systemen auf Low-Cost-Ebene. „Wir haben uns dafür selbst eine Software entwickelt“, berichtet Böszörményi. Die notwendige Mannschaft aus Programmierern und Elektronikern gehört direkt zur Lean-Gruppe und sorgt für einfache und Low-Cost-Lösungen. Zusammengefasst heißt Low Cost Automation für Böszörményi: „Kostenwirksamkeit, Flexibilität, Schnelligkeit – diese sind nötig für eine nachhaltige, kontinuierliche Verbesserung.“

Auch das Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) der TU Darmstadt nutzt die Methode Low Cost Automation in der sogenannten Schlanken Zerspanungszelle in der Prozesslernfabrik (siehe 5. Lösung). Der Begriff der Low Cost Automation ist für Oberingenieur Stefan Seifermann sowohl in der industriellen Praxis als auch in der Literatur sehr vielfältig besetzt.

 

„Die Spanne reicht von Automatisierungslösungen, die im Vergleich zu anderen Lösungen in der Anschaffung etwas kostengünstiger sind, über einzelne Automatisierungselemente, deren Lebenszykluskosten gering sind, bis hin zum umfassenden Verständnis von Low Cost Automation im Sinne der Schlanken Produktion.“ Letzteres propagiere einfache, an die Situation und den Bediener angepasste, eigenentwickelte Automatisierungslösungen mit einem sinnvoll begrenzten Automatisierungsgrad.

Aus Sicht von Seifermann muss Low Cost Automation sechs Dimensionen erfüllen:

  • Einfachheit und Angepasstheit
  • Bedienerfreundlichkeit und Beherrschbarkeit
  • Fehlersicherheit
  • Angemessener Automatisierungsgrad
  • Entwicklung unter Beteiligung der eigenen Mitarbeiter/Bediener
    Kostengünstigkeit

Trotz der Begriffsähnlichkeit sei ‚low cost‘ keinesfalls mit ‚low performance‘ gleichzusetzen. „Entsprechend ist der Begriff beziehungsweise sein Übertrag aus dem englischen Sprachgebrauch eventuell unglücklich und sollte vielleicht eher mit ‚angepasster Automatisierung‘ oder ‚Lean Automation‘ umschrieben werden“, so das Fazit von Seifermann.

Für Ralph Winkler, Geschäftsführer des Beratungshauses Lean Partners, wiederum geht es im Umfeld von Low Cost Automation immer darum, sich von Wett­bewerbern zu differenzieren. „Automatisierung von der Stange limitiert die Differenzierung“, erklärt der Geschäftsführer“, „wirkliche Vorteile gegenüber dem Wettbewerb können nur durch neue Lösungen erzeugt werden.“ Dafür müssten Unternehmen die Chancen nutzen, einzigartige, intelligente Automatisierungen zu entwickeln, die ihre Wirschaftlichkeit und Alleinstellung erhöhen. Diese Art der Automatisierung wird laut Winkler oft Low Cost Intelligent Automation (LCIA) genannt.

LCIA bedeutet aus Winklers Sicht, dass Automatisierung nur bis zu einem gewissen Grad günstig ist, dann eher teuer wird. Diesem Ansatz wohnt ein Grundgedanke inne: Menschen können bestimmte Bewegungen besonders gut, die nur schwer und teuer zu automatisieren sind. „Dazu gehören das Einlegen und Positionieren, das Erkennen von Ausrichtung von Teilen und Umgang mit kleinen Abweichungen/Ungenauigkeiten“, erklärt Winkler. Ziel von LCIA sei es also, genau diese menschlichen Fähigkeiten besonders pfiffig zu nutzen und Automatisierung nur für die anderen Bewegungen (Betreiben, Auswerfen, Transport) zu nutzen.

LCIA bietet der Erfahrung von Winkler nach auch Vorteile in der Phase des Anlagenbetriebs: komplizierte Systeme erforderten hochqualifizierte Experten für die Instandhaltung, Fehlerbehebung, Reparatur und die Weiterentwicklung. LCIA-Anlagen seien einfacher zu pflegen.

„LCIA sind einfache, aber intelligente Automatisierungslösungen, die einen hohen wirtschaftlichen Effekt bei verhältnismäßig niedrigen Investitionskosten haben“, fasst Winkler zusammen. LCIA nutze dabei speziell die menschlichen Fähigkeiten beim Einlegen und Positionieren von Teilen, aber auch die Kreativität der Menschen im Prozess.
Bastian Nordmeyer, Geschäftsführer von Tinkerforge, versteht unter Low Cost Automation eine ähnliche Automatisierungs-Philosophie: „Hierbei soll jeder, der etwas zu automatisieren hat, die Möglichkeit dazu haben. Dies soll zum einen durch kostengünstige Automatisierungskomponenten, die flexibel eingesetzt werden können, gewährleistet werden. Zum anderen aber auch durch andere Nutzungskonzepte, sodass teures Fachpersonal dafür nicht notwendig ist.“

Weitere Anregungen zur Umsetzung von Low Cost Automation bieten die von Produktion recherchierten folgenden Lösungsbeispiele.