Satellitensystem Galileo

Bild: ESA

| von Sebastian Moser

Dann kam der Schub durch große Projekte, wie 'Galileo', 'MeteoSat' und 'SARah'. Die Auftragssummen für OHB System liegen pro Projekt bei rund 800 Millionen Euro und katapultierten das Unternehmen an die Spitze der weltweit größten Satellitenbauer.

So hat sich die Zahl der Mitarbeiter am Standort Bremen innerhalb weniger Jahre auf derzeit rund 700 (2 000 im Konzern) fast verdreifacht. Und weil die Raumfahrt eine technische Königsdisziplin ist, haben rund 80 Prozent des OHB-Personals studiert. Darunter befinden sich Physiker, Maschinenbauer, Elektroniker, Informatiker und natürlich Raumfahrttechniker.

Sie haben eine Menge zu tun: Rund 25 000 Arbeitsstunden stecken beispielsweise in einem Satelliten für das Navigationssystem Galileo. Dieser rund 40 Millionen Euro teure Satellit hat die Größe einer Telefonzelle und wiegt etwas über 700 kg. OHB System konnte sich die Aufträge für 22 des insgesamt aus 30 Satelliten bestehenden Systems sichern. "Für ein Raumfahrtprojekt ist das sehr viel", berichtet Dr.-Ing. Ingo Engeln, Vorstandsmitglied bei OHB System AG.

Grund genug, auch bei der Satellitenproduktion eine Art Serienproduktion einzuführen. Wobei dieser Begriff angesichts des großen Anteils von äußerst diffiziler Handarbeit natürlich relativ ist. Daher wurde daraus in der Praxis eine Art Inselfertigung: Jeder Satellit durchläuft bei seiner Fertigung innerhalb von rund 11 Monaten insgesamt 13 dieser Fertigungsinseln.

Der Weg von Bremen in den Orbit

Von der Bestellung zur Montage

OHB System, Arbeiter in Schutzkleidung
Bild: OHB System

Los geht es mit der Bestellung der Subsysteme bei den rund 30 Lieferanten. Basis der Montage ist das zunächst 'nackte' Strukturmodell, das von Insel zu Insel schrittweise mit den verschiedenen Komponenten bestückt wird. Dieses Strukturmodell besteht aus den aufgeklappten sechs Seitenwänden des Satellitengrundkörpers, an die alle wesentlichen Komponenten montiert werden.

Die Bestückung von vier dieser Strukturbauteile wird komplett von zwei Zulieferern für die Navigationsnutzlast und das Antriebsmodul übernommen. Montiert werden dabei alle für den Betrieb des Satelliten notwendigen Komponenten wie Sendeeinheit, Signalverstärker, Uhren, Sensoren, Empfänger oder Heizmatten.

Abbildung Ingo Engeln, dunkler Anzug, Krawatte
Ingo Engeln: "In den letzten Fertigungsinseln werden alle Strukturbauteile ausführlichen Tests unterzogen. Diese Tests sind sehr zeitaufwändig und mühsam." - Bild: Produktion

OHB System selbst bestückt zwei große Seitenwände und kümmert sich um die Innenstruktur der Satelliten. Hier sind zentrale Elemente untergebracht, wie die Drallräder für die Lagekontrolle des Satelliten, der Zentralrechner sowie die Einheit zum Ver- und Entschlüsseln der Navigationssignale. Insel für Insel erfolgt so die schrittweise Montage aller Komponenten an den aufgeklappten Seitenwänden sowie im Innenraum des Satelliten.

Um Fehler auszuschließen, wird auf Kabelsteckverbindungen komplett verzichtet. In den letzten Fertigungsinseln werden alle Strukturbauteile ausführlichen Tests unterzogen. "Diese Tests sind sehr zeitaufwändig und mühsam", berichtet Engeln. Beispielsweise müsse jeder einzelne Sensor mit dem Föhn erhitzt werden, um seine Funktion zu testen. Erst dann werden die einzelnen Seitenwände zusammengeklappt und es erfolgt der Transport zum European Space Research and Technology Center in den Niederlanden.

OHB greift nach den Sternen

Nach Kourou und dann ab ins All

Rakete startet am Startplatz Kourou in Französisch-Guayana
Nach der Montage der Solarpanels erfolgt die Verschiffung an den Startplatz Kourou in Französisch-Guayana. Von dort aus wird der Satellit ins All befördert. - Bild: Esa

Dort wird der komplette Satellit in der Thermalvakuumkammer unter simulierten Weltraumbedingungen erneut getestet. Gleichzeitig wird sein Schwerpunkt bestimmt, was eine wichtige Information für den Start des Satelliten ist.

Nach der Montage der Solarpanels erfolgt die Verschiffung an den Startplatz Kourou in Französisch-Guayana. Erneut finden hier Tests statt und anschließend wird der Satellit betankt. Erst nach der Montage der Satelliten an ihre Startvorrichtung endet die Verantwortung von OHB System und der Satellit geht in das Eigentum der ESA über. Von Montagebeginn bis zu dieser endgültigen Übergabe erfolgt alles lückenlos unter Reinraumbedingungen.

Engeln berichtet, dass das anfangs pannengeplagte Satellitennavigationssystem Galileo nun auf gutem Kurs ist. Dies bestätigt der Raumfahrtexperte Peter Pletschacher: "Ich denke, das System wird jetzt zügig ausgebaut und bis 2020 sind alle Satelliten im Orbit". Bis Ende des kommenden Jahres will Engeln alle 22 Satelliten 'vom Hof' haben.

Dabei waren die Verzögerungen des Systems nie technisch bedingt, sondern fast immer politischer Natur. Immer wieder gab es Streit um Aufträge und Zuständigkeiten. Und weil die Lebensdauer jedes Satelliten bei rund 12 Jahren liegt, darf sich OHB System berechtigte Hoffnungen auf Folgeaufträge machen. Denn wenn das System in Betrieb geht, stehen die ersten gestarteten Satelliten bereits kurz vor Ende ihrer Einsatzzeit. Sie werden dann auf den sogenannten Friedhofsorbit gehoben.

Der Weg von Bremen in den Orbit