Professor Syska warnt davor, alle Produktionsdaten im Rahmen von Industrie 4.0 in die Cloud

Professor Syska warnt davor, alle Produktionsdaten im Rahmen von Industrie 4.0 in die Cloud auszulagern. Dadurch würde Industriespionage sehr vereinfacht werden. - Bild: privat

Professor Syska, Sie sagen, dass Industrie 4.0 mit dem bisherigen Ansatz nicht funktionieren wird. Warum?
Industrie 4.0 basiert auf dem fundamentalen Denkfehler, man könne ein komplexes, chaotisches und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuern. Das wird nicht funktionieren, so ausgeklügelt diese auch sein mögen. Außerdem wurden die Heilsversprechen in schwindelerregende Höhen geschraubt. Was soll Industrie 4.0 nicht alles können? Die Fabriken würden nicht nur produktiver, sondern auch sozial sowie demokratisch und machen den Mitarbeiter zum Dirigenten der Wertschöpfung. Das alles kann Industrie 4.0 nicht leisten und es wird Enttäuschung geben.

Was beschränkt den Erfolg von Industrie 4.0?
Industrie 4.0 ist ein Kind der Stückfertigung kleiner Serien nach dem Verrichtungsprinzip. Dort liegen ihre geistigen Wurzeln. Darüber hinaus ist der Begriff Industrie 4.0 unglücklich gewählt. Er beschränkt das Thema auf die Fabrik und grenzt den Markt damit aus. Nicht einmal Produktentwicklung und Marketing werden sich so angesprochen fühlen.

Welcher Begriff wäre besser?
Die Amerikaner nennen das Thema Industrial Internet und denken es horizontal, also vom Kunden her. Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply-Chains und Fabriken. Das ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz. Der deutsche Ansatz hingegen ist vertikal – man denkt in technischen Schnittstellen, zum Beispiel von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. Ich sehe hierzulande größtenteils fabrikinterne technische Lösungen. So werden die Produktioner außerhalb der Produktion einmal mehr nicht wahrgenommen. Die Amerikaner erzeugen Märkte, die Deutschen tüfteln an Schnittstellen. Was für ein fundamentaler Unterschied. Der Deutsche fragt: Wie bringe ich das ans Laufen? Der Amerikaner fragt: Welches Geschäft kann ich damit machen?

Welche Gefahren gibt es durch Industrie 4.0?
Viele Vertriebler von IT-Firmen wissen zwar noch gar nicht genau, was Industrie 4.0 ist. Was sie aber genau wissen, dass man dafür unbedingt Cloud-Lösungen braucht. Dies mag beim US-amerikanischen, horizontalen Ansatz richtig sein, aber beim deutschen, vertikalen Ansatz der fabrikinternen Schnittstellen? Das ist kaum zu verstehen. Den schlüssigen Nachweis, dass Industrie 4.0 ohne Cloud nicht geht, bleiben diese Vertriebsprofis schuldig.

Was befürchten Sie?
‘Industrie 4.0 und die Cloud’ bedeutet nichts geringeres, als dass alle Daten über Produkttechnologien und Produktionsverfahren sowie sämtliche Bewegungsdaten, aus denen man Rückschlüsse auf Produktivität, Qualität, Flexibilität und Kostenstruktur produzierender Firmen ziehen kann – also alles, was den Wettbewerbsvorteil ausmacht – in Online-Datenspeichern aufbewahrt werden sollen. Von denen wissen wir spätestens seit Edward Snowden, wie unsicher sie sind. Wenn nach der Vorstellung der Cloud-Anhänger alle deutschen Industriefirmen ihre Daten auf diese Art speichern, dann liegen alle Geheimnisse des Wettbewerbsvorsprungs und des Wohlstands einer weltweit führenden Industrienation in diesen Datenspeichern.

Welche Auswirkungen hat dies?
Naiv zu glauben, dass dies keine Begehrlichkeiten weckt. Schließlich müsste man nicht mehr Tausende von unternehmenseigenen Firewalls überwinden, sondern nur noch eine Handvoll Clouds anzapfen. So würde Industriespionage natürlich richtig Spaß machen! Solange diese Probleme nicht gelöst sind, ist Industrie 4.0 nichts geringeres als der Frontalangriff auf unseren Wohlstand.

Sie kritisieren eine einseitige Fixierung auf Technik bei Industrie 4.0. Was folgt daraus?
Unbestritten: Die Integration von Systemen bringt stets Vorteile. Von diesem Ansatz her ist Industrie 4.0 ja auch richtig. Dass solche Systeme aber nur funktionieren, wenn der Mitarbeiter mitgenommen wird, sollte allen klar sein. Ansätze dafür sucht man aber vergebens. Pauschale Hinweise darauf, dass die Arbeitswelt irgendwie schöner wird, helfen nicht weiter. Im Gegenteil: Die mit Industrie 4.0 verbundenen Risiken, wie schleichender Verlust der Entscheidungsfreiheit des Mitarbeiters durch vernetzte Maschinen, werden nicht einmal im Ansatz diskutiert. Wir bauen mit Hochdruck an denjenigen technischen Systemen, die uns entmündigen werden, und keinen scheint es zu interessieren. Industrie 4.0, wie es sich gegenwärtig darstellt, wird nicht erfolgreich sein, weil sie am Menschen vorbeientwickelt wird. Unter anderem an dem Punkt ist auch CIM gescheitert. Noch ist die Formel: ‘Industrie 4.0 gleich CIM 2.0′ nicht widerlegt.

Wie kommt es dazu, dass Industrie 4.0 so viele Fachleute interessiert?
Weil bei Industrie 4.0 der Ingenieur endlich wieder Ingenieur sein darf. Nach all den Jahren der Beschäftigung mit Lean-Production, mit Shopfloormanagement, Kommunikation und Coaching hat man mit Industrie 4.0 endlich wieder ein echtes Ingenieurthema. Maschinenelemente, Hardware und Software werden miteinander verbunden. Begeistert sind alle, die Betriebsführung gleichsetzen mit der Gestaltung von technischen Systemen.

Wer profitiert am meisten von der Entwicklung zu Industrie 4.0?
Die Anbieter von Fabrikautomation wie Sensoren, Robotik, Steuerungstechnik und Verkabelungen, knapp gefolgt von Software­häusern. Beide wittern ein großes Geschäft und drängen die Anwender in diese Richtung. Mit etwas Abstand folgen die großen Unternehmensberatungen, die darauf verzichten, substanzielle Beiträge zu leisten, aber auch bei dem Thema die Deutungshoheit beanspruchen. Auch sie sehen das große Geschäft.

Wie stehen die Anwender dem Thema gegenüber?
Allein die Anwender sind skeptisch. Mehr noch: Sie fühlen sich gedrängt. Hinter vorgehaltener Hand ist bereits die Rede von ‘Industrie 4.0-Drückerkolonnen’, die zunächst unter dem Stichwort ‘Kostenreduktion’ auf Gier setzen, und, wo das nicht hilft, auf Angst – nach dem Motto ‘Wenn Ihr es nicht macht, dann die Konkurrenz’. Ganz nebenbei: Die kolportierten Angaben über erwartete Produktivitätssteigerungen durch Industrie 4.0 lassen jeden gestandenen Produktioner kalt. Diese sind auch mit Lean-Production erreichbar – und das ganz ohne Investitionsrisiko. Deshalb sieht der typische mittelständische Unternehmer auch keinen Grund, warum er sich mit Industrie 4.0 beschäftigen sollte.

Welche Themen sollten die Firmen derzeit nicht vernachlässigen?
Es wäre fatal, würden die Unternehmen denken, dass das Thema Lean-Production abgeschlossen sei. Davon kann gar keine Rede sein, wie ich in der täglichen Praxis erkenne. Die Möglichkeiten von Lean-Production sind gerademal ansatzweise genutzt. Die Fabrik der Zukunft muss zudem flüchtig und lernfähig sein und sie hat eine völlig andere Aufbauorganisation. Sie muss ein offenes System sein, deren Mitarbeiter und Partner in temporären Netzwerken tätig sind.

Gunnar Knüpffer