Digitalisierung der Wertschöpfungskette

„Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette steht ganz oben auf der Agenda“, sagt Robert Blackburn, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Dabei sei die  Logistik Treiber der digitalen Veränderung. „Denn für mehr als die Hälfte der Logistikdienstleister ist Digitalisierung fester Bestandteil der Geschäftsstrategie. Die Mehrheit der deutschen Logistikdienstleister investiert vor allem in Software und digitale Lösungen“, beschreibt Blackburn.

Digitaler Wandel macht Logistik intelligent

„Auch uns treibt die Digitalisierung um“, meint Alexander Birken, Vorstandsvorsitzender der Otto Group. Mut sei in diesem Zusammenhang ein zentraler Baustein und zentrales Erfolgskriterium, um einen digitalen Wandel erfolgreich zu erlangen. Mut sei zudem ein Muskel, der umso stärker werde, je öfter man ihn nutze. „Wir brauchen auch ein ‚equal plain field‘ und müssen dazu auch Stellung beziehen. Denn es kann einfach nicht angehen, dass einzelne große Konzerne aus dem Ausland und nicht aus Europa durch Einzelvereinbarungen mit einzelnen Staaten steuerliche Privilegien erzielen“, warnt Birken.

Intelligente Logistik in Produktion und Wirtschaft

Was aber passiert genau, wenn die Digitalisierung tatsächlich in der Industrie Einzug hält? Dazu erklärt Jana Koehler, CEO und Director, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz: „Wir sehen, dass die kundenindividuelle Fertigung und die dynamische Produktionsplanung kommen werden. Demnach produziere ich das Produkt X nicht mehr am Ort A, sondern dort, wo ich es jetzt gerade am besten produzieren kann.“

Das heiße natürlich auch für die Logistik, dass sie sich entsprechend anpassen müsse. Ganz wichtig sei dabei die Flexibilität: „Kann ich mich anpassen?“, stellt Koehler als rhetorische Frage in den Raum.

KI-Technologien auch für schnelleren Transport

Mit Blick auf die Lieferzeiten bezieht sie sich auf das Seidenstraßenprojekt: „Es geht darum, die Produktion näher an Europa ranzurücken. Denn es kann halt nicht mehr drei Monate dauern, bis irgendetwas bei uns im Hafen eintrifft, sondern es kommt über Landweg innerhalb von nur einer Woche.“ Zudem werde man sehen, dass durch die Automatisierung – auch mit KI-Technologien – Dinge, die aufgrund von Lohnkosten ausgelagert wurden, jetzt zurückkämen.

Der Mensch bleibt im System wichtig

So wie beispielsweise das  große Batteriewerk in Erfurt. „Denn Lohnkosten sind für hochtechnologisierte Unternehmen kein Faktor mehr. Das Know-how spielt eine wesentlich größere Rolle. So kann ich locker an die teuersten Standorte in Europa gehen und dort 5 000 Leute beschäftigen. Denn die Wertschöpfung ist so hoch, dass die Lohnkosten keine Rolle spielen“, sagt Koehler und nennt Amazon und Google als Beispiele. Andere Faktoren wie ein gutes Umfeld und eine perfekte Infrastruktur seien wichtiger.

Chancen und Möglichkeiten durch KI

Lars Brzoska, Vorstandsvorsitzender bei Jungheinrich, blickt  auch auf das derzeitige politische Umfeld, in dem Themen wie der Brexit oder Handelsbeschränkungen an der Tagesordnung sind: „Es ist ein starker Vertrauensverlust entstanden und wir haben viele schwierige Rahmenbedingungen. Aber wir haben auch viele Chancen und Möglichkeiten – eben durch KI.

Diese Möglichkeiten liegen in der Technologie, weil wir damit viel mehr Prozess-Effizienz und Kundennutzen generieren können sowie viel mehr Geschäftsmodelle überhaupt etablieren können“, teilt Brzoska mit. Da seien wir führend, denn Deutschland sei weiterhin ein Logistikland. „Wir können aus eigenem Antrieb ganz viel schaffen, auch in einem schlechten Umfeld“, macht Brzoska Mut.

Wirtschaft durch Digitalisierung unter Druck

Frank Vorrath, Vice President Service Delivery EMEA bei Gartner, gibt zu verstehen, dass alles unter dem Einfluss der Digitalisierung steht: „Wir gehen davon aus, dass in zehn Jahren 25 Prozent von globalen Unternehmen geschwächt werden von dem Wettbewerb, der heute noch gar nicht existiert.“

Es werde auch immer mehr zu einer Verschmelzung von verschiedenen Industrien kommen, die man teilweise gar nicht mehr voneinander trennen könne. Das sehe man vor allem, wenn Plattformen zum Einsatz kämen. „Wir sind gerade in dem Wandel von der Verschmelzung der physischen Welt mit der digitalen Welt. Da müssen wir auch mit der Komplexität zurechtkommen, denn Geschäftsmodelle verändern sich und das Handling von Lieferketten wird komplexer.“

Menschlich trotz Künstlicher Intelligenz ist Thema

Virtualität werde die neue Realität werden. Auch das Konzept der Nachhaltigkeit werde in Zukunft das Konzept der Lieferketten noch mehr begleiten. „Interessant ist auch, dass 40 Prozent von den Daten der Unternehmen sich immer mehr auf Kundenerfahrungen fokussieren.  Das heißt, dass Kundenerfahrung in Zukunft ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen werden wird, die sich darauf fokussieren, aber dann auch die zur Verfügung stehenden Technologien dementsprechend einsetzen können“, blickt Vorrath in die nahe Zukunft.

Digitalisierung als Game Changer in der Wirtschaft

Von der Digitalisierung als Game Changer spricht Katja Windt, Mitglied der Geschäftsführung der SMS Group. „Dazu haben wir die SMS Digital ausgegründet. Denn wir kommen von einer auf Industrie 3.0 basierenden Automation hin zur Autonomisierung von Prozessen. Demnach schaffen wir, durch Rückmeldung der Sensorik und die entsprechenden Algorithmen dann über neuronale Netze in einen lernenden Prozess zu kommen. Genau da wollen wir unsere Kunden befähigen, das durchzuführen.“

Transformation durch KI Algorithmus

Das bedeute für die SMS Group, nicht nur für Kunden lernende Stahl- oder Aluminiumwerke zu entwickeln, sondern sich auch intern entsprechend aufzustellen. „Hier haben wir somit eine wirkliche Transformation vor uns, wo wir uns auch darum kümmern, die Potenziale, die S/4 Hana mit Memory Realtime Computing bietet, zu nutzen und auch die KI-Algorithmen für unser Unternehmen einzusetzen“, verdeutlicht Windt.

Algorithmus und maschinelles Lernen

Natürlich habe das Unternehmen immer noch automatisierte Prozesse und es werde weiter automatisieren. „Aber darüber hinaus wollen wir hin zu selbstlernenden autonomen Prozessen. Häufig sehen wir bei unseren Kunden, dass in der Regel ein Fehler passiert und erst dann wird reagiert“, berichtet Windt.

Man gucke also rückwärts und versuche, diesen Fehler auszuschalten. „Wir wollen in der Zukunft das Auftreten eines solchen Fehlers im Vorhinein sehen und verhindern. Das ist im Grunde der Switch von Industrie 3.0 zu 4.0. Wir setzen also Mustererkennungsprozesse ein, die Fehler erkennen und diese im Vorfeld vermeiden können“, sagt Windt.

Intelligente Systeme in der Logistik in Entwicklung

Zum Thematik des Wareneingangs im Zusammenhang der Digitalisierung spricht Bernd von Rosenberger, Vice President Global Industry Center Logistics Automation bei Sick: „In logistischen Ketten gibt es zwei Grundprinzipien, die immer vorkommen. Es gibt eine Lieferkette und irgendwann findet auch der Warenübergang statt. In dem Moment, wo die Ware in den Besitz des Kunden übergeht, möchte dieser auch die zugehörigen Daten besitzen“, betont von Rosenberger. Da stelle sich die Frage, wie man das löse.

Schnellere Technologie durch intelligentes System

Auf der Versenderseite sei dies gespiegelt: Derjenige, der online im E-Commerce bestelle und sich fragt, warum die Tracking-Nummer schon dastehe, aber die Ware noch gar nicht unterwegs sei, oder warum es bis zum ersten Scan immer so lange dauere. „Das ist, weil heute die physische und die digitale Welt auch in der ersten Meile noch nicht verheiratet sind“, erklärt von Rosenberger.

Mensch bleibt Thema bei der Warenübergabe

Die ‚klassische‘ Warenübergabe beinhalte immer ein gewisses Risiko. Dazu nennt von Rosenberger ein Beispiel aus der Praxis: „Werden 350 Pakete geliefert, sucht sich der Spediteur jemanden, der einen Stift halten und unterschreiben kann. Diese Person unterschreibt für 350 Pakete und geht eine rechtliche Verpflichtung – die Ware ist jetzt unsere – ein.“ Das sei heute akzeptierte Praxis. Ob diese Pakete aber wirklich für den Empfänger seien, lasse sich in dieser Zeit gar nicht prüfen, denn da gebe es einfach eine gewisse Vertrauensbasis.

Digitaler Abgleich statt menschlicher Übergabe in Industrie 4.0

„Technisch wäre es aber lösbar, schon vorher zu wissen, was angeliefert wird. Dann könnte ich mit den Daten etwas anfangen, denn ich habe nicht nur die physische, sondern auch die digitale Präsenz dazu“, erläutert von Rosenberger. Somit ließe sich Ware sogar rund um die Uhr empfangen – beispielsweise durch eine Klappe.

Auch die Priorisierung von Ware ließe sich mit den vorhandenen Daten ermöglichen: Welches Paket müsse zuerst weg, welches in die Entwicklung, welches in die Produktion. „Diese ganze Priorisierung ist heute Shop-Floor-Wissen in Köpfen von Menschen, die im Zweifelsfall gar nicht in genügender Anzahl zur Verfügung stehen.“

Datensouveränität bleibt wichtiges Thema in der Wirtschaft

Aktuell mache Sick dazu ein Projekt mit der Firma Krones. Wir vermitteln unsere Daten, die bei uns auf der Senderseite entstehen, zu Krones, und auf der dortigen Empfangsseite gibt es ein automatisches Vereinnahmen von Ware“, beschreibt von Rosenberger. Natürlich stelle sich die Frage nach der Datensouveränität. Denn der Versender möchte sicherstellen, dass seine Daten nur so Verwendung finden können, dass seine Business-Modelle und seine Use-Cases, die er auch verkauft, auch in Kundenhand sicher bleiben – auch wenn der Kunde die Daten benötige.

Fazit: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden Produktion und Logistik entscheidend verändern. Auch wenn ein intelligenter Algorithmus den Menschen nicht ersetzen kann, so kann KI gerade in der Logistik den Menschen unterstützen und Prozesse nicht nur vereinfachen, sondern sogar voraussehen. Digitale Technologien verändern nicht den Menschen, aber die Logistik. Doch die intelligenten Technologien werden den Transport in allen Systemen verbessern.

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