Programmierer im Großraumbüro besprechen sich vor dem Bildschirm

Progammierer feilen an ihren Rechnern an neuen Algorithmen. Zahlreiche osteuropäische Städte entwickeln sich immer mehr zu Zentren der Software-Entwicklung. - Bild: Fotolia/.shock

| von Gabriel Pankow

„Angesichts von aktuell 51 000 offenen Stellen für IT-Experten in der deutschen Wirtschaft haben es  gerade mittelständische Unternehmen zunehmend schwer, geeignetes Personal zu finden“, sagt Bitkom-Präsidiumsmitglied Dirk Röhrborn. Um den Fachkräftemangel zu beheben, fordert der Branchenverband der Digitalwirtschaft, dass das Digitale in die Schule gebracht wird.

Jungen und vor allem Mädchen sollen ermutigt werden, sich für Informatik zu interessieren. Doch auch wenn das gelingt, wird das den Fachkräftemangel kurzfristig nicht beseitigen. Deshalb geht Röhrborn davon aus, dass der Trend, Software-Entwicklungsdienstleistungen ins Ausland zu verlagern, wieder zunehmen wird.

Porsche Engineering geht nach Rumänien

Wie im Grunde alle Unternehmen, will auch die Porsche Engineering Group ihre Digital-Kompetenz stetig weiter ausbauen. Der Ingenieursdienstleister hat zu diesem Zweck eine Tochtergesellschaft, Porsche Engineering Romania SRL, in Rumänien gegründet. Als Standort wählten die Schwaben die Universitätsstadt Cluj-Napoca. Malte Radmann, Geschäftsführer der Porsche Engineering Group, erklärte gegenüber unserer Zeitung, Rumänien allgemein und Cluj-Napoca im besonderen gehören zu den aktivsten Regionen für die Software-Entwicklung in Europa.

„Die dortige Start-up-Szene und das dynamische Wirtschaftsumfeld steigern die Attraktivität der Stadt und bieten alle nötigen Voraussetzungen, um innovative Software für den Automobilsektor zu entwickeln“, erklärt Radmann. Zusätzlich waren die zahlreichen Bildungseinrichtungen und Universitäten, wie beispielsweise die Technische Universität von Cluj und die Babes-Bolyai-Universität, ausschlaggebend für die Standortwahl. „In Cluj-Napoca finden wir eine Vielzahl an hoch qualifizierten Fachkräften, insbesondere in der Software-Entwicklung“, berichtet der Manager.

Neben dem hohen Ausbildungsniveau punkten Rumänien und andere osteuropäische Länder mit ihrem Lohnniveau. Das liegt schließlich immer noch deutlich unter dem Niveau der mitteleuropäischen Staaten. „Das Brutto-pro-Kopf-Einkommen in Deutschland ist doppelt so hoch wie in Estland und sogar dreimal so hoch wie in Rumänien“, erläutert Henrik Groß, Senior Analyst bei Techconsult. Okay, allerdings ist in Indien das Ausbildungsniveau auch recht hoch, die Lohnkosten aber noch niedriger.

Gegenüber dem Subkontinent und anderen fernöstlichen Ländern punkten die Osteuropäer vor allem damit, dass die Geschäftszeiten nicht so stark differieren. „Somit ist die Zusammenarbeit von Projektteams aus Auftraggeber und Entwicklungsdienstleister einfacher zu koordinieren“, so Groß.

Nur logisch, schließlich beträgt zwischen Deutschland und manchem osteuropäischen Land die Zeitverschiebung maximal ein paar Stunden. Darüber hinaus sind im Gegensatz zu Indien die Sprachbarrieren deutlich niedriger. Neben Englisch finden sich in Osteuropa häufig auch Deutsch sprechende Ansprechpartner. Bei Bedarf ist es zudem einfacher möglich, ein Vor-Ort-Meeting zu organisieren. Nicht zuletzt gehören seit 2007 fast alle osteuropäischen Staaten zur Europäischen Union.

Training in Deutschland

Auch Porsche-Engineering-Chef Radmann betont: „Eine enge Zusammenarbeit und regelmäßige Abstimmung zwischen den Ingenieuren in Rumänien und den Ingenieuren in Deutschland sowie an unseren anderen Standorten ist für die erfolgreiche Projektabwicklung unabdingbar.“ Rund 25 Software-Entwickler beschäftigt das Unternehmen in Rumänien.

Trotz der räumlichen Distanz funktioniere die Zusammenarbeit mithilfe interner Kommunikationskanäle sowie persönlichem Austausch sehr gut. „Hier setzen wir von Beginn an auf eine enge Integration: Beispielsweise bekommen die Ingenieure in Cluj gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit ein Training in Deutschland“, sagt Radmann.

Dort lernen sie nicht nur die Porsche-Unternehmenskultur und ihre Kollegen kennen, sondern erhalten zusätzliche Qualifikationen im Projektmanagement sowie in fachspezifischen Themen. Gleichzeitig steht Porsche Engineering in einem regen Austausch mit der Technischen Universität und der Babes-Bolyai-Uni­versität von Cluj-Napoca. „Da­bei gestalten wir die Hochschullandschaft aktiv mit“, erklärt Radmann.

So hat der Engineering-Dienstleister eine langfristige Partnerschaft mit der Technischen Uni geschlossen, aus der unter anderem ein Masterstudiengang entstanden ist. „Wir möchten die Studenten auf die Anforderungen der Automobilindustrie vorbereiten und auf der anderen Seite Zugang zu erstklassig ausgebildeten Ingenieuren haben“, sagt der Manager.

Darüber hinaus hält die florierende Start-up-Szene der Stadt ausreichend versierte Programmierer vor. Auf die Frage, ob die für Porsche Engineering interessant seien, antwortete Radmann nur: „Wir konzentrieren uns darauf, durch spannende Projekte und eine gute Arbeitsatmosphäre die am besten qualifizierten Ingenieure für uns zu gewinnen.“

Nicht nur Rumänien eignet sich hervorragend als Standort für die Software-Entwicklung. Laut Analyst Groß ist es stark vom Auftrag und entsprechend vom Auftraggeber abhängig, welches Land sich am besten eignet. Auch Estland hat zum Beispiel eine herausragende Start-up-Szene und kann sich je nach Auftrag ebenfalls gut dazu eignen, um dort Software entwickeln zu lassen.

Des Weiteren gilt Polen als ein etablierter Outsourcing-Partner für deutsche Unternehmen. Ohnehin gilt die gesamte polnische Informationstechnologie-Branche – bis hin zu Technologie-basierten IT-Unternehmen – als extrem gut entwickelt.

Polens IT-Studenten gewinnen Programmierwettbewerbe

asiatische Software-Entwickler im Großraumbüro
Asiatische Software-Entwickler arbeiten gemeinsam im Großraum-Büro. Auch viele asiatische Länder sind beliebte Outsourcing-Ziele. - Bild: Fotolia/mast3r

Insbesondere ist das Niveau der Hochschulen im Informatik-Bereich in keinster Weise zu unterschätzen. Beispielsweise gewinnen polnische IT-Studenten regelmäßig internationale Programmier-Wettbewerbe oder sind zumindest unter den Top 5. Das ist gepaart mit einem dichten Netz an technischen Hochschulen – allen voran sind hier Krakau, Breslau, Lodz, Warschau und auch Danzig zu nennen.

In deren Umfeld sind in den letzten Jahren verschiedene Software-Entwicklungszentren entstanden. In Krakau und Breslau gibt es zudem Start-up-Zentren, die sich aus dem gesamten Wissenschaftsbereich heraus gründen. In deren Dunstkreis haben sich schon zahlreiche Entwicklungszentren angesiedelt – die wohl bedeutendsten sind von Google und Microsoft.

Auch Ungarn gilt als attraktiver Standort. In Budapest betreibt Thyssenkrupp ein eigenes Software- und Entwicklungszentrum. Dort bündelt das Unternehmen die komplette Softwareentwicklung für elektromechanische Lenkungen und entwickelt dort unter anderem neue Softwarefunktionen. Rund 400 Softwareingenieure stehen in Ungarns Hauptstadt  bei Thyssenkrupp in Lohn und Brot.

Nicht zuletzt eröffnete der Softwareanbieter Digital Worx seinen ersten Auslandsstandort in Serbien. Im neuen Innovations- und Entwicklungszentrum in Belgrad sollen die Software-Ingenieure die Entwicklung neuer Produkte und Softwarelösungen für das Internet der Dinge vorantreiben. Mirko Ross, Geschäftsführer des Unternehmens, sagt: „In Serbien ist das Angebot an hervorragend ausgebildeten Ingenieuren und Software-Entwicklern groß.“

Darauf müssen Unternehmen achten

Die Beispiele zeigen: Viele osteuropäische Länder eignen sich als Standorte für Software-Entwicklung. Gleichwohl gilt es, einiges zu beachten, will ein Unternehmen es Porsche Engineering, Thyssenkrupp und Co. gleichtun.

Techconsult-Analyst Groß sagt: „Generell können dieselben Schwierigkeiten auftreten, wie in allen Projekten, an denen unternehmensübergreifend und räumlich verteilt gearbeitet wird.“ Je nachdem, wie eng die Zusammenarbeit erfolgen soll, sind vor allem Verständigungsprobleme auszuschließen. Will heißen: Die Projektmitarbeiter sollten auf beiden Seiten dieselbe Sprache sprechen.

Auch eine gute Dokumentation ist essenziell – sowohl was den Auftrag angeht als auch das erstellte Produkt. Beide Seiten profitieren davon, wenn schriftlich exakt festgehalten wurde, was Gegenstand und Umfang des Auftrags ist.

„Sonst ergeben sich unter Umständen im Projektverlauf oder bei der Endabnahme Unzufriedenheiten, die auf Verständnisprobleme zurückzuführen sind“, sagt Groß. Speziell bei der ausgelagerten Software-Entwicklung sollte natürlich darauf geachtet werden, dass die Dokumentation der Software-Implementierung vollständig ist.

Dann kann man gegebenenfalls intern und mit anderen Dienstleistern weiterarbeiten, wenn beispielsweise Anpassungen notwendig sind. Dazu gehört auch, dass der Quellcode durchgängig und auf Englisch kommentiert ist.

„Je nach Komplexität des Projekts kann auch räumliche Nähe ein Vorteil sein“, erklärt Groß. Das gelte zum Beispiel dann, wenn in entscheidenden Phasen Vor-Ort-Meetings einberufen werden müssen oder wenn der enge Austausch zwischen einzelnen Entwicklern erforderlich ist.

So gibt es also durchaus Vorteile, seine Software-Entwickler in Deutschland sitzen zu haben – auch wenn aktuell der Trend eher Richtung Osteuropa geht. Auch in der Vergangenheit gab es schon einmal einen Software-Outsourcing-Trend. Viele Unternehmen sind damals aber wieder davon abgekommen, erklärt Bitkom-Präsidiumsmitglied Röhrborn.

Heute scheinen die Voraussetzungen besser zu sein, sodass das Outsourcing kein temporäres Phänomen bleibt. Gleichzeitig gibt es viele Bestrebungen, Deutschland als Standort für IT-Unternehmen und Software-Entwicklung attraktiver zu machen.

Digitale Hubs entstehen

„Von herausragender Bedeutung für das Gelingen der digitalen Transformation in Deutschland sind digitale Hubs, die derzeit rund um unsere Leitindustrien entstehen“, betont Röhrborn. Auf dem IT-Gipfel 2016 präsentierte der Branchenverband bereits die ersten fünf Hubs. Ziel der bundesweit maximal zwölf digitalen Hubs ist es, jeweils ein offenes, digitales Ökosystem rund um eine bestehende Leitindustrie wie Mobilität, Logistik oder Gesundheit zu bilden.

„In diesen physischen Orten kommen führende Großunternehmen, Start-ups und nicht zuletzt Mittelständler zusammen“, sagt Röhrborn. Sie treiben dort gemeinsam mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Kapitalgebern die digitale Transformation Deutschlands voran. Röhrborn: „Wichtig dabei ist: Es geht nicht länger ums Reden, sondern ums Ausprobieren und ums Machen.“

Nichtsdestotrotz schwebt das Damoklesschwert namens Fachkräftemangel über diesen Bestrebungen. Schließlich dauert es, bis aus den eingangs erwähnten IT-interessierten Schulkindern Softwareingenieure werden. Schnelle Hilfe könnten die Flüchtlinge sein, die nach Deutschland gekommen sind.

In einem Bitkom-Statement heißt es dazu: Es sei notwendig, in der kommenden Legislaturperiode Zuwanderung aktiv zu gestalten und ein Zuwanderungsgesetz zu verabschieden. Röhrborn ergänzt: „Ein modernes Zuwanderungsgesetz muss tatsächliche Kompetenz statt formaler Qualifikation in den Mittelpunkt rücken.“ Zugleich appelliert er an die Unternehmen, Flüchtlingen über Praktika den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Fazit: Viele Länder Osteuropas punkten mit gut ausgebildeten Software-Entwicklern,  niedrigen Lohnkosten und IT-Clustern rund um die Universitätsstädte. Beste Voraussetzungen also auch für deutsche Unternehmen, dort Software entwickeln zu lassen. Bis Deutschland wieder ausreichend Fachkräfte im IT-Sektor hat, wird es wohl noch eine Weile dauern. Und selbst wenn es soweit ist, werden die Osteuropäer nach wie vor mit ihren günstigen Lohnkosten locken können.

Der Eintrag "freemium_overlay_form_pro" existiert leider nicht.