Wer Daten verknüpfen will, braucht Vernetzung. - Bild: Vasily Merkushev - Fotolia

Wer Daten verknüpfen will, braucht Vernetzung. Jedoch sehen die vom Fraunhofer IPA befragten Firmen IT nicht so sehr als Enabler der Wertschöpfung, denn als Kostentreiber an. - Bild: Vasily Merkushev - Fotolia

Laut einer VDMA-Studie aus dem Jahr 2015 sind nur 5,6 % der Befragten 'Pioniere' der Umsetzung von Industrie 4.0. Zu den 'Einsteigern', die sich mit ersten Maßnahmen befassen, zählen 17,9 %. Ganze 76,5 % haben noch keine systematischen Schritte zur Umsetzung von Industrie 4.0 eingeleitet.

Volker Sieber, Leiter Entwicklung, Schnaithmann Maschinenbau GmbH
„Meines Erachtens haben immer noch zu viele Unternehmen keine Idee, wie man Industrie 4.0 für sich oder den Kunden sinnvoll nutzen kann. Und: Für die digitale Transformation braucht man Netzwerke und belastbare Partnerschaften. Noch zu viele Firmen schotten sich ab.“ Volker Sieber, Leiter Entwicklung, Schnaithmann Maschinenbau GmbH - Bild: Schnaithmann

Was genau hindert die Unternehmen an der Vernetzung? Das Fraunhofer IPA hat diese Frage in einer Studie untersucht. Am Beginn stand der Vergleich von 67 Studien, gefolgt von einer Delphi-Befragung.

Das wichtigste Ergebnis: Die mangelnde Flexibilität seiner IT-Systeme ist für den Mittelstand der größte Hemmschuh, neuen Marktanforderungen (etwa der stetig steigenden Anzahl von Produktvarianten) gerecht zu werden. „Viele KMU haben in der Vergangenheit ad hoc und auf spezifischen Bedarf hin unterschiedliche und aufgabenspezifische IT-Systeme als Insellösungen eingeführt. Eine Durchgängigkeit ist nicht mehr gegeben, die bestehende IT-Landschaft nicht mehr zu überblicken“, sagt dazu Volker Sieber, Leiter Entwicklung bei der Schnaithmann Maschinenbau GmbH.

Aus ähnlicher Situation heraus habe sein Unternehmen „mit zweijähriger Vorarbeit ein neues PDM-System eingeführt.“ Dabei seien die Fähigkeiten des Systems permanent an den Anforderungen der Zukunft gespiegelt worden.

Dr. Thomas Salmen,  Fachhochschule des Mittelstands, Bielefeld
„Am dringendsten fehlt es an einer systematischen Herangehensweise, Potenziale von Industrie 4.0 für das eigene Unternehmen zu erkennen und diese zielgerichtet zu realisieren. Hieran forscht derzeit die FHM, insbesondere mit Fokus auf kleine und mittelständische Unternehmen.“ Dr. Thomas Salmen, Fachhochschule des Mittelstands, Bielefeld - Bild: FHM Bielefeld

Viele mittelständische Unternehmen verfügten durchaus über eine gute IT-Ausstattung, sagt Prof. Dr. Thomas Salmen von der Fachhochschule des Mittelstandes (FHM) in Bielefeld. Nicht immer seien die Systeme jedoch kompatibel, Daten blieben daher ungenutzt. Der Engpass in der Umsetzung von Industrie 4.0 liege nicht so sehr in der Ausstattung, sondern „im fehlenden Wissen, systematisch Möglichkeiten zu erschließen und die richtigen Investitionsentscheidungen zur Profilierung im Wettbewerb zu treffen.“

Mittelständler sähen sich einer Vielzahl von Möglichkeiten gegenüber, deren Nutzen sie nur schwer einschätzen könnten. Die FHM forsche derzeit an „Lösungsmöglichkeiten, mit begrenzten Ressourcen die Potenziale des Industrie 4.0-Gedankens zu erschließen.“

An zweiter Stelle der Hindernisse für die Einführung von Industrie 4.0-Prozessen nennen 24,4 % der durch das Fraunhofer IPA Befragten die schlechte Planbarkeit. Genauer gesagt: die Ansprüche an die Produktions- und Unternehmens-IT werden von den immer dynamischeren Kundenanforderungen beeinflusst. Der Planungsaufwand ist dabei unabhängig vom Automatisierungsgrad der Produktion.

Dipl.-Ing. Frank Knafla,  Master Specialist Industrie 4.0,  Phoenix Contact
„Die Investitionen für Industrie 4.0 müssen sich stets an Wirtschaftlichkeit und Geschäftsmodell orientieren. Entscheidend wird sein, welches Geschäftsmodell gewählt wird, welche Erfolgsaussichten es hat und welcher Nutzen mit ihm verbunden ist.“ Dipl.-Ing. Frank Knafla, Master Specialist Industrie 4.0, Phoenix Contact - Bild: Phoenix

„Genaue Kenntnisse von Maschinenzuständen und -auslastung helfen, die Produktion zu glätten“, sagt Sieber. Es müsse nicht gleich die ganz große Lösung sein. Kleine Ziele sorgten für mehr Lerneffekt und seien überschaubarer. Wesentlich für eine erfolgreiche Vernetzung jedoch sei, dass Firmen erarbeiten, welchen Nutzen sie aus dieser für ihre eigenen Produktionssysteme ziehen, sagt Frank Knafla. Bei Phoenix Contact sei dies bereits geschehen. Die Auswertung und der Austausch von Daten ermögliche neue Geschäftsmodelle und Optimierungen von Produkten und Prozessen.

Jedoch dient Produktions-IT noch bei Weitem nicht diesen Zwecken: Laut der Fraunhofer-Studie wird sie bisher noch weitgehend auf Unternehmens- (36,4 %) oder auf Maschinenebene (31,1 %) eingesetzt. Die Mehrheit der Befragten sieht den Hauptnutzen aktueller Daten aus der Produktion für die Produktion und Produktionsplanung (27 %) und die Logistik (19,4%) – laut den Studienautoren deshalb, weil Industrie 4.0 derzeit noch in erster Linie auf den Produktionskontext fokussiert.

„Meines Erachtens haben immer noch zu viele Unternehmen keine Idee, wie man Industrie 4.0 für sich oder den Kunden sinnvoll nutzen kann“, sagt Volker Sieber. Damit die Potenziale von Industrie 4.0 erkannt werden können, fehle es an einer systematischen Herangehensweise, so Prof. Salmen.

Immerhin haben die IPA-Forscher eine Grundvoraussetzung der vernetzten Produktion identifiziert: die Digitalisierung des Wertschöpfungssytems. Erst wenn diese erfolgt sei, könnten weitere Entwicklungsfelder angegangen werden, etwa die automatisierte Fertigung personalisierter Produkte. Oberstes Ziel: der selbststeuernde Betrieb. Wie diese Entwicklungsfelder leben, zeigt das Fraunhofer IPA künftig an 30 neuen Demonstratoren in seinem Applikationszentrum Industrie 4.0 in Stuttgart.

KMU zum Thema Produktions-IT

  • Fraunhofer-Studie

    In welchen Unternehmensbereichen würden Ihnen aktuelle Daten aus der Produktion den größten Mehrwert bringen? n = 526; Mehrfachnennungen möglich - Quelle: Fraunhofer IPA

  • Fraunhofer-Studie

    Welche Auswirkungen sehen Sie aufgrund der Integration von Produktions-IT auf die Planung von Maschinen und Anlagen? n = 353; Mehrfachnennungen möglich - Quelle: Fraunhofer IPA

  • Fraunhofer-Studie

    Welche Begriffe beschreiben Ihrer Meinung nach die Hemmnisse für den Einsatz von Produktions-IT? n = 485; Mehrfachnennungen möglich - Quelle: Fraunhofer IPA

  • Fraunhofer-Studie

    Wo setzen Sie Produktions-IT aktuell ein? n = 453; Mehrfachnennungen möglich - Quelle: Fraunhofer IPA

Kongress zu Industrie 4.0

Der 4. Fachkongress Industrie 4.0 am 30. 11. und 1. 12. 2016 in Ulm zeigt, wie Robert Bosch Software Innovations oder Axoom entsprechende Methoden einsetzen. Fachvorträge bieten Einblick in neue Trends.

Eine Werksbesichtigung bei Robert Bosch in Blaichach zeigt die Praxis. Auch wird der Industrie 4.0-Award (Fachzeitung Produktion und ROI Management Consulting) vergeben. Hier lesen Sie mehr zum Fachkongress Industrie 4.0.