Industrie 4.0 ist in China angekommen - aber noch nicht überall

Industrie 4.0 ist in China angekommen - aber noch nicht überall. - Bild: Fotolia/naruecha

| von Gerd Mischler

Technikbegeisterung kennt in Shanghai keine Grenzen. Als Volker Sauer in der ostchinesischen Metropole vor einiger Zeit Blumen für seine Frau mit der Kreditkarte zahlen wollte, stieß der Technikchef von Bosch Rexroth China bei der 70-jährigen Verkäuferin auf Unverständnis. „So geht das!“, erklärte sie ihm, nahm dem Ingenieur das Smartphone ab und zeigte ihm, wie er den QR-Code auf der Ware scannt und über eine App bezahlt.

Chinesische Unternehmer teilen diese Technikaffinität. Für neun von zehn Vorständen im Reich der Mitte gibt es kein wichtigeres Thema als die Digitalisierung ihrer Produktion. In Deutschland sehen dies nur zwei von drei Managern so. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey. Jedes dritte chinesische Unternehmen prognostiziert die Nachfrage nach seinen Produkten zudem bereits mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und optimiert seine Produktion mit Big Data. Hierzulande tut dies erst jedes fünfte Unternehmen.

Industrie 4.0 als Plan für China 2025

„Während Verantwortliche in Deutschland diskutieren, ob sich Industrie 4.0 lohnt, probieren Chinesen neue Technologien einfach aus“, fasst Andreas Behrendt zusammen. Als Partner ist er bei McKinsey für Industrie 4.0 zuständig. „Das gilt zwar nicht für alle chinesischen Unternehmen“, ergänzt er, „aber für die, die sich auf dem Weltmarkt behaupten müssen.“

Konzerne wie Huawei, Haier, Midea oder Lenovo haben einen festen Plan und gehen die Digitalisierung ihrer Produktion mit großem Nachdruck an, bestätigt Lutz Berners, Chef der auf China spezialisierten Unternehmensberatung Berners Consulting. „Topmanager dieser Unternehmen analysieren genau, was sie mit Künstlicher Intelligenz, dem Internet of Things und Business Analytics gewinnen können und führen die Technologien dann in großem Maßstab ein“, berichtet Berners. Zahlen von McKinsey geben ihm Recht: 2016 investierten chinesische Konzerne zwölf Prozent mehr in IT als im Vorjahr. Weltweit erhöhten Unternehmer ihre IT-Budgets nur um zwei Prozent. 

Keine Konkurrenz zu menschlicher Arbeitskraft

Neben den Vorreitern aus der Elektronik haben vor allem Autobauer und ihre Zulieferer in Industrie 4.0 investiert. Maschinenbauer haben ihre Produktion dagegen bislang oft nicht mal automatisiert. „Vor allem im Westen Chinas ist es für Betriebe noch leicht, Arbeitskräfte zu finden. Daher investieren sie noch nicht so viel in Robotik oder Digitalisierung, um günstig produzieren zu können.

Bei Modernisierungsmaßnahmen  rechnen sich Investitionen in neueste Fertigungstechnologien dort nicht immer“, erklärt Volker Sauer, Technikchef und Mitglied der Geschäftsführung von Bosch Rexroth in China die Unterschiede in der Entwicklung. Die Chefs dieser Unternehmen begeistere Industrie 4.0 aber nicht weniger als die Konzernvorstände an der Ostküste. „Und bei Fabrikneubauten setzen Chinas Manager ohnehin landesweit auf neueste Technologien“, ergänzt der Ingenieur.

Wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen, haben viele chinesische Betriebe auch keine Alternative. Ihre Produktivität legt nach Berechnungen der DBS Bank in Singapur nur um gut fünf Prozent pro Jahr zu. „Gleichzeitig haben Unternehmen vor allem in den Küstenregionen mit jährlichen Lohnsteigerungen von rund zehn Prozent zu kämpfen“, weiß Ulrich Ackermann, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). „Selbst kleinere Automobilzulieferer versuchen dieses Problem mit Industrie-4.0-Anwendungen zu lösen, mit denen sie die Effizienz ihrer Fertigung steigern und Ausschuss verringern können“, berichtet Berater Berners.

„Industrie-4.0-Anlagen müssen nicht nur aufgebaut, sondern auch betrieben und ständig verbessert werden.“ - Volker Sauer, Technikchef von Bosch Rexroth China

Konform zum Plan China 2025

Um ältere Mitarbeiter körperlich zu entlasten und den durch die Alterung der Bevölkerung zunehmenden Arbeitskräftemangel auszugleichen, schafften chinesische Betriebe 2016 zudem 87000 Roboter an – fast so viele wie alle Unternehmen in Europa und den USA zusammen. Das meldet die International Federation of Robotics (IFR) in ihrem aktuellen World Robotics Report. Noch liegt die Volksrepublik mit 68 Robotern pro 10.000 Beschäftigten im internationalen Vergleich zwar auf Platz 23. Die Bundesrepublik belegt mit 309 Robotern pro 10.000 Arbeitnehmern Rang drei. Doch nimmt die Roboterdichte nirgendwo so schnell zu wie im Reich der Mitte. Die IFR erwartet, dass chinesische Fabriken 2019 vier von zehn weltweit produzierten Robotern abnehmen.

Die chinesische Regierung in Peking fördert dies mit ihrer Initiative „Made in China 2025“. Der Aktionsplan „Internet plus“ unterstützt Unternehmen zudem, wenn sie mobiles  Internet, Cloud-Computing oder das Internet of Things (IoT) nutzen. „Da die Regierung dafür gewaltige Fördermittel bereitstellt, versuchen viele Betriebe, auf den Industrie-4.0- und Automatisierungszug aufzuspringen“, berichtet Ackermann vom VDMA. Immerhin fördert Peking smarte Produktionstechnologien mit 2,7 Milliarden Euro. Deutschland kann da mit 260 Millionen Euro Forschungsförderung für Industrie 4.0 nicht mithalten.

Selbst herstellen kann die chinesische Industrie die geförderten Technologien aber oft nicht. So ist es chinesischen Herstellern noch nicht gelungen, belastbare Untersetzungsgetriebe und sechsachsige Robotern zu fertigen. Auch fehlt es an Softwareschmieden, die Plattformen programmieren können, mit denen sich die in der Industrie 4.0 gesammelten Datenmengen verwalten und auswerten lassen.

Technologien, die in der Volksrepublik für ihre Digitalisierung und Automatisierung fehlen, kaufen chinesische Betriebe jedoch im Ausland zu. Zuletzt übernahm der größte private Mischkonzern der Volksrepublik, Fosun, im Juni 2018 FFT aus Fulda. Der Mittelständler stellt schüsselfertige, automatisierte Produktionsanlagen her.

Berater Berners beobachtet auch, dass immer mehr chinesische Unternehmen, nicht mehr nur ihre Produkte entwickeln, sondern auch die Anlagen, die sie für deren Fertigung brauchen. So stellen die 85.000 Mitarbeiter von Gree heute neben Klimaanlagen und Haushaltsgeräten auch Zerspanungsmaschinen und Roboter her. „Beides brauchte das Unternehmen aus Zhuhai für seine Werke, fand aber keine Anbieter“, erzählt Berners. Gree entwickelte die Automatisierungslösungen kurzer Hand selbst.

"Es kann schnell gehen"

„Ähnliche Entwicklungen laufen mit Unterstützung des Staates in einigen Unternehmen der Volksrepublik ab“, weiß Berners. Er erwartet daher, dass chinesische Produkte mit aller Macht auf westliche Märkte drängen, sobald sie ihre Automatisierungs- und Industrie-4.0-Lösungen weit genug entwickelt haben. „Wann genau das passiert, ist schwer zu sagen. Aber es kann schnell gehen“, meint Berners. Da Chinas Regierung ausländische Unternehmen in der Industrie 4.0 jedoch nicht aus der Volksrepublik fernhalte, könnten sich deutsche Unternehmen in diesem Bereich auf dem chinesischen Markt engagieren. „Das tut nur kaum ein westliches Unternehmen“, beobachtet Berners.

Video: Showcase Industrie 4.0

Eine Ausnahme ist Bosch Rexroth. Das Unternehmen aus Lohr am Main beliefert Maschinenbauer unter anderem mit Montage-, Antriebs- und Steuerungstechnik sowie Komponenten, um Maschinen über das IoT zu vernetzen. In China sind die Kunden meist Anbieter kompletter Montage- und Fertigungsanlagen. „Über diese Systemintegratoren verkaufen wir unsere Produkte an chinesische Betriebe und profitieren so davon, dass sie ihre Fertigung vernetzen und automatisieren“, erklärt Sauer aus Sicht der Geschäftsführung von Bosch Rexroth in China.

Ausbildung in Sachen Industrie 4.0 in China

Der Erfolg beruht dabei nicht nur auf dem Ruf, den sich Bosch in China seit 1909 als Anbieter hochwertiger Geräte erarbeitet hat. „Um die Anforderungen unserer Kunden möglichst gut erfüllen zu können, haben wir in China für alle Produktbereiche Entwicklungszentren aufgebaut“, ergänzt Sauer. Seit 2017 vermittelt Bosch Rexroth in einem Schulungszentrum in Chengdu chinesischen Fachkräften zudem Wissen, das sie brauchen, um die Produktion in ihren Betrieben zu verschlanken.

„Industrie-4.0-Anlagen müssen nicht nur aufgebaut, sondern auch betrieben und ständig verbessert werden“, erklärt Sauer. Dazu brauche es Mitarbeiter, die Prozesse immer effizienter machen wollen. Derart qualifizierte Kräfte fehlen in China aber noch oft. Das Engagement in Asien lohnt sich für Bosch Rexroth: 2017 steigerten die 4.700 Mitarbeiter in Asien ihren Umsatz um über 20 Prozent auf 1,37 Milliarden Euro. Den Großteil davon erwirtschafteten sie im Kernmarkt China.

Video: Made in China 2025 umarmt Deutschlands Industrie 4.0

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