MAN, Bus-Fertigung, Starachowice
Durchschnittlich benötigt MAN 1.000 Stunden für die Montage eines Busses. - Bild: MAN

Arbeitgeber zieht um, Job weg. Der sprichwörtliche Teppich wird den Mitarbeitern unter den Füßen weggezogen. Der Schock sitzt tief. Ein Standortumzug belastet den sozialen Frieden, kann schlimmstenfalls die Produktion zum Erliegen bringen. „Wenn man auf den betroffenen Standort zugeht, geht es zunächst einmal darum, den Schock zu verarbeiten, den Blick wieder nach vorne zu richten und Sicherheit zu erzeugen“, erklärt Michael Kobriger, Senior Vice President Production Unit Truck & Bus bei MAN.

Der erste Kommunikationsevent in Posen, als die Werker von der Standortverlagerung erfuhren, hatte einen Big-Bang-Charakter. Der MAN-Vorstand flog ein, im Gepäck die Nachricht „Wir schließen euren Standort“. Die Mitarbeiter purzeln die Maslow’sche Bedürfnispyramide nach ganz unten. Ihre existentielle Sicherheit ist ohne Job auf der untersten Ebene bedroht.

„Das erste Ziel, das man hat, besteht darin, bei den Menschen wieder eine gewisse Sicherheit zu erzeugen“, berichtet Kobriger. Es geht darum den Mitarbeiter aus einem Konflikt- und Kampfmodus – in dem er sich möglicherweise befindet – in einen Kooperationsmodus zu bringen.  Der MAN-Manager weiß um die Bedeutung des Faktor Mensch: „Eine Maschine von A nach B zu versetzen, ist nicht das wesentliche Problem, mit dem wir uns auseinander setzen müssen.“

Einerseits besteht die Gefahr, dass gefrustete Werker die Produktion sabotieren, andererseits könnte es zu Arbeitskämpfen kommen. Werden solche Kämpfe in der Öffentlichkeit ausgetragen, kann das einem Unternehmen langfristig schaden. MAN hatte Glück. Als Teil des Volkswagen-Konzerns bot sich die Gelegenheit, den MAN-Werkern aus Posen einen neuen Job im neuen VW-Nutzfahrzeuge-Werk in der Nähe Posens anzubieten.

Von mehr als 1 000 Mitarbeitern des MAN-Standorts Posen wechselten rund 500 zur Konzernschwester. „Die sind bei uns ausgeschieden und haben am nächsten Tag bei VW angefangen“, so Kobriger. Es gab keine Unterbrechung im Arbeitsverhältnis. VW erkannte die Betriebszugehörigkeit an, das Gehalt war abgesichert auf dem gleichen Niveau.

Weitere 500 MANler erhielten eine aufgestockte Abfindungszahlung, suchten sich in der Region einen neuen Arbeitgeber. Bei gerade einmal 3 Prozent Arbeitslosigkeit in der Gegend um Posen war es für die meisten leicht, schnell einen neuen Job zu finden. Weitere 50 Mitarbeiter zogen mit der Busproduktion nach Starachowice. In Summe nicht sehr viele, doch unter ihnen befinden sich viele Experten, die für eine reibungslose Produktion wichtig sind. „Diejenigen, die wir unbedingt dabei haben wollten, haben wir auch weitestgehend bekommen“, berichtet der Manager.

Des Weiteren beschäftigt MAN am Standort Posen nach wie vor 50 Konstruktionsmitarbeiter. Deren Know-how und teils 20-jährige Erfahrung gilt als so wichtig, dass MAN sogar die Distanz von 380 Kilometern zwischen altem und neuem Standort akzeptiert.Ohne diese glückliche Fügung wäre es für den Bus-Hersteller schwierig geworden, die Interessen seiner Mitarbeiter zu wahren.

„Ich weiß nicht, wie weit wir bei unseren Plänen tatsächlich gekommen wären, wenn wir keine Lösung für unsere Mitarbeiter gefunden hätten“, gibt Kobriger zu. Im November 2014 erfuhren die MAN-Werker vom Standort-Umzug.  Im Januar 2015 waren die Vereinbarungen mit den Gewerkschaften unterschrieben, alle Mitarbeitergespräche geführt. „Ab Februar habe ich dann gefühlt wahrgenommen, dass die Welt wieder normaler war“, sagt Kobriger. Die Produktion lief reibungslos. Ein Beleg dafür: 2015 war für das Werk Posen ein absolutes Rekordjahr – beste Produktivität, beste Qualitätsergebnisse, beste Liefertreue.

„Wenn man dort jeweils die historisch besten Ergebnisse erzielt, in einem Jahr, in dem man eine Werksschließung angekündigt hat, kann man davon ausgehen, dass die Mannschaft hinter einem stand“, freut sich Kobriger. In den ganzen zwei Jahren in Posen – zwischen Ankündigung des Umzugs und Auslaufen der Produktion – gab es lediglich zwei Fälle, die als Sabotage bezeichnet werden könnten.