E-Mobilität, Werkzeugmaschinen
Rechnet derzeit nicht mit Absatzrückgängen für die Werkzeugmaschinenhersteller: Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken).

Produktion: Von welchen Prognosen bezüglich der Marktdurchdringung der Elektromobilität geht der VDW momentan aus?

Dr. Wilfried Schäfer: "Hohe Dynamik für die kommenden zehn bis 15 Jahre prognostizieren derzeit alle großen internationalen Beratungsgesellschaften und Automobilforscher, die bisher Studien zur Elektromobilität vorgelegt haben. Wo die Reise tatsächlich hingehen wird und welche Folgen sie für unsere Branche hat, ist indes in letzter Konsequenz noch offen. Es sind längst nicht einmal die drängendsten Fragen geklärt.

Das betrifft zum einen die Zahlen: Wie hoch wird der Anteil reiner Elektrofahrzeuge künftig tatsächlich sein? Wie viel Zerspanungsvolumen wird dadurch wegfallen? Wie werden sich die Spanzeiten an höher integrierten Werkstücken beispielsweise in Hybridfahrzeugen verändern?

Nach Auffassung von Prof. Eberhard Abele, Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen an der TU Darmstadt, wird das dynamische Aufkommen von Hybridantrieben mit einer Spanzeiterhöhung in einer Größenordnung von 10 % verbunden sein. Begründet wird dies mit kleineren, aber höher integrierten Antrieben.

Fakt ist jedenfalls, dass es für eine längere Übergangszeit einen höheren Anteil an Hybridfahrzeugen geben wird. Ihr Komplexitätsgrad durch die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotoren dürfte weiterhin hohe Spanvolumina erfordern.

Auch andere Aspekte im Hinblick auf den breiten Einsatz von Elektrofahrzeugen rufen Fragezeichen hervor: Wie wird der zusätzliche Strombedarf gedeckt, vor allem nachhaltig und ökonomisch im Sinne der Gesamtenergiebilanz? Wie schnell wird es gelingen, weltweit die benötigte Ladeinfrastruktur zu installieren?"

Produktion: Drohen den Herstellern spanender Werkzeugmaschinen bei einem Siegeszug der Elektromobilität ernsthafte Absatzeinbrüche?

Schäfer: "Dies ist derzeit nicht absehbar. Neben den bereits beschriebenen Hinweisen kommen zwei weitere Aspekte hinzu. Zum einen geht das Gros der aktuell verfügbaren Untersuchungen davon aus, dass auch bis 2030 rund 80 % der neu zugelassenen Pkw, SUVs, Pick-ups und Lieferwagen kleineren Zuschnitts mit hybriden Antrieben, optimierten Verbrennungsmotoren und dem dazugehörigen Getriebe ausgestattet sein werden.

Zum anderen gehen die Experten davon aus, dass die Automobilproduktion zwischen 2016 und 2025 um mehr als ein Fünftel wachsen wird. Dies entschärft die Situation, denn hinzu kommen außerdem große Unterschiede in den regionalen Automobilmärkten bei der verfügbaren Infrastruktur. Lücken im Netz der Ladestationen können den Absatz von Elektrofahrzeugen ausbremsen."

Produktion: Was raten Sie Ihren Mitgliedsunternehmen, um sich auf die Elektromobilität vorzubereiten?

Schäfer: "Firmen, die ihre Maschinen in die Automobilindustrie liefern, müssen sich folgende Fragen beantworten: In welchen Märkten ist mein Unternehmen automobil am stärksten engagiert? Beispielsweise im anspruchsvollen Westeuropa oder im (lade-)infrastrukturell schwachen Osteuropa, im Flächenmarkt USA mit großen Entfernungen im ländlichen Raum oder gar in Asien mit Mega-Citys und riesigen, oft nur schwach erschlossenen Landmassen im Hinterland?

Schließlich stellt sich die Frage, ob es Kompensationspotenziale gibt, wenn bestehende Anlagen anders oder breiter ausgelegt würden. Abhängig von den Antworten auf diese Fragen ist jedes Unternehmen gut beraten, seine Strategie zu entwickeln."

Produktion: Gibt es bestimmte Arten spanender Werkzeugmaschinen, die sogar von der Elektromobilität profitieren könnten?

Schäfer: "Der beschriebene Ausbau der Hybridtechnologien könnte das Drehen stärker begünstigen als die Fräsbearbeitung, das Bohren und Schleifen. Belastbare Prognosen lassen sich dazu aber aktuell noch nicht treffen."

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