Seidenstraße, China

Was früher einmal die Kamelkarawane war, sind heute Züge, neue Straßen und Schifffahrtswege. - Bild: Fotolia/jefwod

Eine alte chinesischen Weisheit rät: Von Stein zu Stein tastend den Fluss zu überqueren. So nimmt die neue Seidenstraße oder das Projekt One Belt, One Road, wie die Chinesen es nennen, langsam aber sicher Formen an.

Darunter ist eine Gaspipeline vom Kaspischen Meer bis nach Südeuropa, Stromnetze in Bangladesch, ein Gaskraftwerk in Myanmar, eine Straße, die Tadschikistan mit Usbekistan verbindet, die Erweiterung eines Staudamms in Pakistan. Ein Ausläufer der Neuen Seidenstraße reicht sogar bis nach Nordrhein-Westfalen, zum Duisburger Hafen, dem größten Binnenhafen Europas. 

In Duisburg befindet sich seit 2014 der Endpunkt einer Bahnstrecke, die im chinesischen Chongqing beginnt. Mehr als 16 Tage benötigen die Züge für die über 10 000  Kilometer lange Strecke. Der Transport auf dieser Strecke ist halb so teuer wie Luftfracht und doppelt so schnell wie der Seeweg. 

Von Mao Zedong stammt der Ausspruch, die politische Macht komme aus den Gewehrläufen. Unter dem aktuellen Staatsoberhaupt Xi Jinping kommt sie aus den Betonmischern. Chinas Staatskonzerne, halb staatliche Betriebe und sonstige Konglomerate bauen Bahntrassen, Straßen, Kraftwerke und Häfen – eben alles, was das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten benötigt. Xi löst mit dem Konjunkturprogramm ein großes Problem: Die Überkapazitäten von Chinas Bauunternehmen, Stahlkochern und Zementfabriken abbauen. 

Zudem schafft Xi Arbeitsplätze, schließlich arbeiten im Wesentlichen chinesische Arbeiter auf den Baustellen. Allein in Laos schuften 100 000 Chinesen, um die Lücke zwischen der chinesischen Provinz Yunnan und dem Stadtstaat Singapur, einem weiteren wichtigen Endpunkt der Neuen Seidenstraße, zu schließen. „Die Überlegung, zu diesem Ziel Infrastruktur auf der ganzen Welt zu bauen und eigene Ressourcen und Arbeiter dafür zu verwenden, ist strategisch nachvollziehbar“, meint Jan Gaspers, Leiter der European China Policy Unit am Mercator Institute for China Studies (MERICS). 

Kommen Sie zum Maschinenbaugipfel 2018!

2 Tage vernetzen, vordenken, verändern

  • Das Top-Event des Maschinen- und Anlagenbaus
  • Vernetzen Sie sich mit 500 Firmenchefs, Top-Managern, Technik-Visionären, Digital-Trendsettern und hochrangigen Politikern
  • Holen Sie sich exklusives Know-how zu den Mega-Trends der Branche

JETZT INFORMIEREN UND TICKET SICHERN!

Wann: 16. und 17. Oktober 2018
Wo: Berlin, Maritim in der Stauffenbergstraße

Horrende Summen müssen investiert werden

Doch wer soll das bezahlen? 1 000 Milliarden Dollar soll die Neue Seidenstraße kosten. Peking muss für das riesige, globale Infrastrukturprojekt eine Reihe von Geldtöpfen anzapfen. Ob die Summe jemals zusammen kommt? Unklar! Zum Vergleich: Die mächtige Weltbank sitzt auf 240 Milliarden Dollar.

Von den besagten 1 000 Milliarden Dollar ist bislang nur ein Drittel investiert worden. „Der Rest sind Versprechungen, von denen wir nicht wissen, ob sie einge-

löst werden“, sagt Gaspers von ­MERICS. Ein Beispiel sind die 16+1-Treffen Chinas mit ost- und südosteuropäischen Ländern. „Die chinesische Seite verspricht den Teilnehmern seit zwei Jahren Investitionen von zehn Milliarden Dollar. Ein Fonds wurde bereits aufgelegt. Dieser hat jedoch noch keine einzige Transaktion in den vergangenen zwei Jahren getätigt“, so Gaspers. Das Beispiel ist nicht ungewöhnlich für Projekte rund um die Neue Seidenstraße. Viele Investitionen, die angekündigt wurden, bleiben nur Versprechungen. 

Die Chinesen gehen bei der Finanzierung ins Risiko. Sie tun dies aber nicht ohne Hintergedanken. „Politisch-strategisch spielt in China das Kalkül mit, durch die Projekte Abhängigkeiten zu schaffen“, sagt Gaspers. Denn gerade kleine Staaten dürften erhebliche Schwierigkeiten haben, die von chinesischer Seite gewährten Projekt-Kredite zurückzuzahlen. Beispiel Mazedonien. Dort bauen die Chinesen Autobahnen. Die Finanzierungshöhe entspricht etwa einem Drittel des mazedonischen Bruttoinlandsprodukts. „Das wird die Regierung, die eine Garantie gegeben hat, nur mit großen Schwierigkeiten zurückzahlen können. Den chinesischen Banken ist offenbar durchaus klar, dass sie ihr Geld womöglich nie zurückbekommen. Im zentralasiatischen Raum werde man 50 Prozent der Investitionen nie wieder sehen, heißt es hinter vorgehaltener Hand in China“, so Gaspers. 

Chinesische Importe werden steigen

Ein weiterer langfristiger Gedanke hinter dem Konzept ist für deutsche Unternehmen bedeutend: Es geht darum, Handelspartner zu rekonfigurieren. Es geht darum, entlang der Seidenstraße chinesische Exporte voranzutreiben. Es geht darum, Präsenz zu schaffen. Dafür wird Infrastruktur gebaut.

„Denn chinesische Unternehmen sind durch den Bau natürlich erst einmal in den jeweiligen Ländern vor Ort. Handelsströme entlang der Seidenstraße sollen neu definiert werden – bis nach Europa hinein. Es wird dadurch auch auf unserem Kontinent mehr chinesische Importe geben“, erklärt der China-Experte. In Zentralasien zeichnet sich das heute schon ab.

Dennoch hoffen viele deutsche Unternehmen und auch die hiesige Politik, an den ungefähr tausend Projekten im Zusammenhang mit der neuen Seidenstraße teilzuhaben. So macht sich der IHK-Bezirk Bayerisch-Schwaben durchaus Hoffnungen.

Jana Lovell, Leiterin Geschäftsfeld International der Industrie- und Handelskammer Schwaben in Augsburg, sagt: „Im IHK-Bezirk Bayerisch-Schwaben gibt es viele Hidden Champions, die mit ihrem Know-how sicherlich einen wertvollen Beitrag zur Realisierung dieses Mammut-Projekts leisten können.“ Aufgrund der großen Projektvolumina könnten hier vor allem Verbundlösungen erfolgreich sein.

Die spannende Frage sei aber, wie schwäbische Unternehmen überhaupt von der Neuen Seidenstraße profitieren können. „Ob die Bauwirtschaft kurzfristig von diesem großen Vorhaben profitieren wird, ist derzeit schwer absehbar“, so Lovell. Sie nennt als Grund dafür ebenfalls das Vorhaben der Chinesen, bestehende Überkapazitäten in China abzubauen. „Dennoch wissen wir aus unserer Beratungspraxis, dass schon einige schwäbische Unternehmen an konkreten Projekten partizipieren konnten. Insgesamt sehen wir durchaus Potenziale für die bayerisch-schwäbische Wirtschaft“, so Lovell.

Wie können deutsche Firmen partizipieren?

Laut MERICS ist aber die Gesamtzahl der Projekte, an denen tatsächlich ausländische Unternehmen beteiligt sind, gering. In der Regel stehen dahinter chinesische Finanzierungsmodelle, die wiederum chinesischen Firmen zugute kommen, welche die Projekte umsetzen.

Gaspers kommentiert: „Große deutsche oder europäische Unternehmen haben sicher eher als kleine und mittelständische die Möglichkeit, beim Bau der Neuen Seidenstraße mitzumischen. Das betrifft sowohl eine Beteiligung an der Finanzierung als auch den Bau neuer Bahnrouten, wo sich Deutsche Bahn und DHL beteiligen beziehungsweise diese Strecken dann bespielen wollen.“ Gute Chancen haben laut dem Experten auch die großen Zulieferer für Baumaschinen. „Denn hier haben deutsche Unternehmen oft noch Wettbewerbsvorteile gegenüber den Chinesen, was die Technik betrifft.“ 

Ein großes deutsches Unternehmen, das von der Neuen Seidenstraße profitieren will, ist Siemens. Vorstandsmitglied Cedrik Neike, der für die Region Asien/Pazifik verantwortlich ist, sagt: „Bei der Initiative handelt es sich um das wichtigste und wegweisendste globale Infrastrukturprogramm unserer Zeit. Es besitzt das Potenzial, die Blaupause für eine neue Weltordnung zu werden.“ 

Karte, Neue Seidenstraße
Die Karte verdeutlicht, dass die Neue Seidenstraße ein komplexes Konstrukt ist. - Grafik: Merics

Siemens macht sich große Hoffnungen

Siemens begrüße dieses eindrucksvolle Projekt, da es die überfällige Infrastrukturmodernisierung in den etwa 70 teilnehmenden Ländern vorantreibt. Gleichzeitig werde dadurch das wirtschaftliche Wachstum gefördert und die Lebensqualität der jeweiligen Bevölkerung verbessert.

„Als weltweiter Innovator freuen wir uns daher auf die Zusammenarbeit mit verschiedenen chinesischen Unternehmen, die in den Ländern entlang der Neuen Seidenstraße tätig sind“, sagt Neike und betont: „Wir werden in China und der Region der Neuen Seidenstraße jedoch nicht nur Beteiligter, sondern weiterhin Marktführer sein.“  Aus diesem Grund wird Siemens Anfang 2018 in Peking ein sogenanntes BRI-Büro eröffnen, wobei BRI für Belt and Road Initiative steht. Ziel sei es, nah bei den Entscheidern zu sitzen, um „damit sicherzustellen, dass sowohl Siemens als auch die chinesischen Unternehmen und die Menschen in den jeweiligen teilnehmenden Ländern gleichermaßen von der Neuen Seidenstraße profitieren“, so Neike. 

Es sind also eher die größeren Player, die profitieren. „Für Mittelständler ist es schwieriger. Denn bei solchen Großprojekten gibt es natürlich Risiken – sowohl finanzieller als auch geo- und sicherheitspolitischer Natur“, sagt MERICS-Mann Gaspers. Viele Aktivitäten sind im zentralasiatischen Raum angesiedelt. „Dort haben Unternehmen mit allen möglichen politischen und wirtschaftlichen Widrigkeiten zu kämpfen. Und dafür sind Mittelständler in der Regel nicht so gut aufgestellt“, so der China-Experte. 

Turkstaaten werden zu interessanten Beschaffungsmärkten

Kurzfristig werden laut Gaspers deutsche Logistiker und Infrastrukturunternehmen von der Initiative profitieren können. Sie können sich neue Märkte erschließen. Ein Beispiel dafür ist die deutsche Kosmetikindustrie, die in Kasachstan nun stark vertreten ist. Durch die Zugverbindung ist es attraktiv geworden, dort Produkte zu verkaufen.

Jana Lovell von der IHK Schwaben nennt noch einen weiteren Vorteil für deutsche Unternehmen: „Bedeutung kommt auch der besseren Anbindung der Turkstaaten wie Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan oder Turkmenistan zu. Diese Länder könnten durch eine bessere Infrastruktur-Anbindung für die schwäbischen Unternehmen durchaus interessante Beschaffungsmärkte sein.“ Möglicherweise könne damit auch ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung verbunden sein, der wiederum schwäbischen Unternehmen neue Absatzmärkte eröffnen könne.

„Auf der anderen Seite muss uns aber auch bewusst sein, dass die bessere Anbindung über den Landweg auch dazu führt, dass sich Transportzeiten und damit Kosten für chinesische Produkte nach Europa reduzieren werden“, gibt Lovell zu bedenken. Gaspers von MERICS stimmt dem zu: „Langfristig sollte allen klar sein: China will vor allem seine eigenen Produkte verkaufen. Deshalb muss eine exportorientierte Wirtschaft wie die deutsche auch aufpassen.“ 

So gibt sicherlich auch günstige Gelegenheiten für deutsche Unternehmen, an der Initiative mitzuwirken. Aber diese müssen laut MERICS-Mann Gaspers umsichtig sein und darauf achten, wer in den Projekten beratend tätig ist, besonders die Werbetrommel rührt, und welche Institutionen dahinterstehen. Gerade Mittelständler sollten vorsichtig sein und genau hinschauen, wenn sie nicht mit einer Beteiligung am Megaprojekt untergehen wollen.

Gastkommentar: Pro & Contra Seidenstraße

China investiert riesige Summen in das Infrastrukturprojekt Neue Seidenstraße. Jörg Junghanns von Accenture erklärt in einem Gastkommentar warum die Neue Seidenstraße Chance und Risiko zugleich ist. 

Hier geht es zum Gastkommentar