Intralogistik, Logistik, Materialfluss, Gabelstapler, Stapler, Lagerverwaltungssystem

Das systemgesteuerte Lagerverwaltungssystem SAP EWM sorgt bei der Bechtle AG für Transparenz in den logistischen Prozessen. - Bild: SAP

Der Prozess der Digitalisierung im Bereich Mobilität ist in vollem Gange. Dies gilt, so die Einschätzung führender Industrieverbände, insbesondere auch für die Produktion und für die Transport- und Logistikbranche. Die digitale Transformation umfasst dabei unterschiedliche strategische Schwerpunkte wie Unternehmenswandel, Weiterentwicklung der IT, Datennutzung oder Förderung von Innovationen.

Dazu verdeutlicht Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung Bundesvereinigung Logistik (BVL): „Mit der Digitalisierung treten neue Geschäftspartner mit anderen Unternehmenskulturen auf den Plan, die es produktiv zu integrieren gilt. Folglich sind alle Akteure aufgefordert, aktiv mitzuwirken, damit sich Unternehmen und Wirtschaftsstandorte im digitalen Wettbewerb erfolgreich positionieren können.“ Doch die Realität sehe vielfach noch anders aus.

Logistik, Intralogistik, Digitalisierung, Digitaler Wandel
Flottenmanagement bei Still: Dabei gibt die Digitalisierung den Beschäftigten auch die Chance, sich durch eine höhere Qualifikation weiterzuentwickeln. - Bild: Still

Transportlogistik und Supply Chain

Im Hause SAP SE wird der Mobilitätsbegriff heute sehr weit gefasst und ist daher schon lange nicht mehr auf das Fahren von Pkw beschränkt. Im Gegenteil: Neben der Automotive-Branche im klassischen Sinne und neuen Themen wie Elektromobilität oder Right-Sharing stehen auch Transport und Logistik, Warehouse Management bis hin zur Vernetzung kommerzieller Fahrzeuge vom Stapler bis hin zum Minenfahrzeug hoch im Kurs – „aber immer eingebunden in die Geschäftsprozesse der Anwenderunternehmen“, präzisiert Stephan Brand, bei SAP als Senior Vice President P&I IoT Moving Assets für die Mobilitätsdienste mitverantwortlich.

Europas größtes unabhängiges Softwarehaus hat derzeit keine Pläne, selbst in den Markt als Anbieter für Mobilität einzusteigen: „Wir möchten aber auch im Bereich kommerzieller Fahrzeuge die Plattform für Mobilitätsanbieter zur Verfügung stellen, damit sie darauf aufbauend ihre Dienstleistungen offerieren können“, skizziert Brand die Unternehmensstrategie.

"Schwierig wird es mit der ­Vernetzung immer dann, wenn hersteller- und systemübergreifend gemischte Fahrzeugflotten zum Einsatz kommen", sagt Erik Düwel, Produktmanager für Advanced Solutions Still GmbH

Lieferkette als Digitale Supply Chain

Ziel der Softwareschmiede ist es, auf Basis ihrer generellen Aufstellung im Bereich Internet of Things (IoT), ausgehend von der SAP-Cloud-Plattform, Anwendern spezielle Lösungen und Services anzubieten: entweder eine bestimmte Lösung für einen Prozess oder ein Thema oder aber eine Entwicklungsumgebung, um eigenständige Erweiterungen für bestimmte Prozesse vornehmen zu können.

„Zu den grundlegenden Services gehört in der Logistik, zunächst das Fahrzeug abzubilden und darauf aufbauend Dienste wie Routen-Optimierung, Fahreffizienz, Transparenz über die Fahrzeug­standorte in der Werkstadt oder Produktionsstätte sowie – derzeit sehr stark nachgefragt – Predic­tive Maintenance und Remote Dia­gnostic zu realisieren“, erläutert Brand.

"In der Logistik sind derzeit ­Predictive Maintenance
und Remote Diagnostic sehr stark nachgefragt", sagt Stephan Brand, Senior Vice President P&I IoT Moving Assets, SAP

Der smarte Handel

Über diesen funktionalen Bestandteilen, die durch Feedback der Anwender und neue Praxisanforderungen ständig ergänzt und erweitert werden, steht bei den Walldorfern die Ebene der Geschäftsnetzwerke wie beispielsweise das SAP Logistics Network.

Der Senior Vice President verdeutlicht: „Damit unterstützen wir branchenspezifisch das Zusammenspiel der Anwender oberhalb der technischen Ebene, zum Beispiel die prozessseitige Kollaboration der unterschiedlichen Beteiligten im logistischen Prozess: Auftraggeber, Spediteur und Disponent.“

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Chancen der Digitalisierung

Ziel des ganzen Unterfangens ist es, auf dem Weg über Sensorik und Vernetzung eine weitgehende Transparenz der einzelnen Prozesse zu erlangen. Zu erfolgreichen SAP-Anwendern zählen einzelne Unternehmen wie beispielsweise Caterpillar, ein international operierender Hersteller von Nutzfahrzeugen, die BPW Bergische Achsen KG, aber auch das Industriekonsortium DKE, in dem teilweise im Wettbewerb zueinander stehende Firmen über die Plattform Agrirouter die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung gemeinsam angehen.

Brand: „Um letztendlich sehen zu können, wie und wo welche Teile zu welchem Band transportiert werden, wie die Ausnutzung der verschiedenen Einheiten in diesem Prozess ist usw., müssen neben Produktionsmitteln wie Maschinen und Förderbändern auch die beweglichen ‚Assets‘ wie Stapler und Handling Units vernetzt und in die übergeordneten Prozesssysteme integriert werden.“

Technischer Fortschritt ist nachrüstbar

Die Vernetzung von homogenen Staplerflotten sowie die Auswertung und Bereitstellung der gewonnenen Daten ist für Gabelstaplerhersteller und Intralogistiksystemanbieter wie beispielsweise die Still GmbH an sich ‚ein alter Hut‘. „Die Technologie dafür, zum Beispiel die Sensorik auf dem Fahrzeug, wird von uns zur Verfügung gestellt“, erläutert Erik Düwel, Produktmanager Advanced Solutions.

Das Herzstück der Flurförderzeuge bildet daher heute ein Computer, der wie in modernen Pkw unablässig Daten sammelt und diese regelmäßig an einen Server überträgt, sofern der Anwender dies auch so haben möchte. Düwel: „Das gilt für weitgehend alle Still-Produkte; ältere Fahrzeuge können nachgerüstet werden.“

Hersteller- und systemübergreifend

Schwierig wird es mit der Vernetzung offenbar immer dann, wenn – wie in der Praxis häufig vorzufinden – hersteller- und systemübergreifend gemischte Fahrzeugflotten zum Einsatz kommen. „Stand heute ist es, dass in diesen Fällen nicht alle Daten der Flotte in einem System zu sehen sind“, sagt der Produktmanager.

Eine Lösung für dieses Problem sei aber bereits in Sichtweite: Auf Anwenderwunsch habe sich die Industrie zusammengesetzt und als freiwillige Vereinbarung beschlossen, zukünftig eine neutrale VDI-Schnittstelle als generelle Kommunikationsschnittstelle für den Datenaustausch heterogener Fahrzeugflotten einzurichten. Düwel: „Neben der Still-Schnittstelle wäre es eine Überlegung, auch die VDI-Schnittstelle in unsere Produkte zu integrieren.“

Auch SAP meint, genau an dieser Schwachstelle seine Stärken ausspielen zu können. Brand: „Nicht jede bereits vorhandene Telematiklösung muss ersetzt werden, aber das Zusammenspiel der Informationen aus verschiedenen Fahrzeugarten von unterschiedlichen Herstellern muss zu 100 Prozent gewährleistet sein.“

Vorteile in der Lagerlogistik

Ein zweiter strategischer Schwerpunkt bei der Digitalisierung bildet vor allem auch die Weiterentwicklung der kommerziellen Fahrzeuge und Intralogistiksysteme durch autonomes und automatisiertes Fahren: „Im Unterschied zu automatisierten Systemen wie dem komplett ohne den Menschen auskommenden Routenzug, wo Handlungsabläufe und Wegstrecken vorab festgelegt wurden, entscheiden autonome Fahrzeuge völlig selbstständig, was sie tun und welchen Weg sie nehmen“, erläutert der Produktmanager.

Niemand habe beim iGo neo, dem ersten Still-Fahrzeug, das mit einer entsprechenden Zulassung völlig autonom im Lager unterwegs ist, feste Handlungsschritte vorab programmiert. Düwel: „Vergleichbar mit einem Hund, der seinem Herrchen oder Frauchen folgt, hat das Fahrzeug die Aufgabe bekommen, seinen Bediener zu begleiten und an der gewählten Palettenposition anzuhalten.“ Vorteil: Die selektierte Palette kommt direkt neben dem Bediener zum Stehen, der dann nur noch ins Regal greifen, die Ware entgegennehmen und ablegen muss.

Persönliche Bindung zum System

Sind vor diesem Hintergrund Bilder wie die menschenleere Fabrik oder das Lager völlig ohne Staplerfahrer die Zukunft der Mobilität in Produktion, Transport und Logistik? „Bei Still sehen wir das nicht so“, postuliert Düwel. Das aufgezeigte Beispiel aus der Kommissionierung belege ja eindrucksvoll, dass bei heterogenen Produkten auf den Menschen als ‚führendes System‘ nicht verzichtet werden könne. Der Produktmanager sieht die Zukunft vielmehr in einem Teamplay zwischen Mensch und Maschine.

Düwel: „Wenn Sie sich persönlich im Lager umschauen, werden Sie feststellen, dass die Lagerarbeiter faktisch eine Beziehung, eine Art persönlicher Bindung zum System aufgebaut haben.“ Aber auch in der Produktion und Logistik werde es künftig Anwendungsfälle geben – zunächst einmal die einfachen und langweiligen Fälle, in denen die Fahrzeuge komplett alleine unterwegs sind. Düwel: „Der Mensch wird zukünftig primär für komplexe und schwierigere Aufgaben herangezogen werden.“

"Bestimmte Berufszweige werden beeinträchtigt"

Ins gleiche Horn stößt auch Stephan Brand: „Beim Einsatz von Robotern und anderen automatischen Systemen darf nicht vergessen werden, dass Menschen auch deshalb durch Maschinen ersetzt wurden, weil man es den Menschen nicht mehr zumuten wollte, ergonomisch nicht mehr tragbare oder stupide Tätigkeiten auszuführen.“ Wie bei allen Modernisierungsthemen gebe es ein Für und ein Wider. „Natürlich werden bestimmte Berufszweige beeinträchtigt werden. Andererseits gibt die Digitalisierung den Beschäftigten auch die Chance, sich durch eine höhere Qualifikation in andere Bereiche weiterzuentwickeln. Dass wir eine zunehmende Automatisierung auch in der Mobilität kommerzieller Fahrzeuge sehen werden, ist allerdings ein Fakt.“

Serienreife nur in der Intralogistik

In der Intralogistik bewegen sich – so eine aktuelle Einschätzung von Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung Bundesvereinigung Logistik (BVL) – autonome Fahrzeuge in den Werkshallen oder auf dem Firmengelände in der Regel auf eigens für ihre Fahrwege gekennzeichneten Routen, für die hohe Sicherheitsstandards gelten. Vielfach sind ‚Orientierungshilfen‘ wie Wegmarken, Reflektoren, Begrenzungskabel und mehr im Einsatz.

Die Mitarbeiter sind für den Umgang mit den Fahrzeugen geschult. Die nächste Stufe, auf der bereits eine Reihe von Versuchen mit teilautonomen Fahrzeugen laufen, ist der Werksverkehr.

Auch hier geht es um regelmäßige Routen – in einigen Fällen sogar unter Einbeziehung öffentlicher Straßen. Da sind zum Beispiel MAN, VW oder Porsche aktiv.

Am Frankfurter Flughafen waren Ende Oktober deutschlandweit erstmalig zwei selbstfahrende Shuttlebusse im Einsatz. Zwei Wochen lang pendelten sie zwischen Autos, Flugzeugschleppern, Rettungsdiensten sowie Fracht- und Gepäcktransporten auf einer 1,5 Kilometer langen Strecke.

Ganz frisch ist ein Projekt, das von DB Schenker gemeinsam mit MAN Truck & Bus und der Hochschule Fresenius durchgeführt wird: Lkw-Kolonnen im Regelbetrieb von DB Schenker werden über mehrere Monate im realen Straßenverkehr auf der A9 zwischen München und Nürnberg getestet.

Zum ­ersten Mal werden dabei keine Testfahrer, sondern Berufskraftfahrer von DB Schenker am Steuer sitzen. Deren Erfahrungen, Einschätzungen und Bewertungen dieses ‚Platooning‘-Fahrbetriebs stehen im Fokus der Arbeit der Hochschule Fresenius, die die wissenschaftliche Begleitung der Testfahrten übernimmt.

Es ist also viel in Bewegung. Serienreif sind autonome Fahrzeuge und ­ihre Einsatzmöglichkeiten aber in der Tat derzeit nur in der und für die Intralogistik.  Thomas Wimmer, Vorsitzender der ­Geschäftsführung Bundesvereinigung Logistik.