ZVEI-Präsident Friedhelm Loh:

ZVEI-Präsident Friedhelm Loh: "Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die Dynamik im Jahresverlauf allmählich weiter zunehmen wird." Bild: Archiv

Rittal setzt nicht nur auf einen weltweiten Produktionsverbund – auch die Forschung und Entwicklung unterliegt globalen Spielregeln. Im Interview mit Produktion-Redakteur Claus Wilk gewährt Friedhelm Loh, Rittal-Inhaber und Vorsitzender der Geschäftsführung, Einblicke in seine Strategie.
Sind Sie überall auf der Welt mit den gleichen Produkten oder Produktgruppen vertreten?
Ja – deshalb wurde aus einer Vielzahl von Einzelprodukten ‘Rittal – Das System’. Ein auf der Welt einmalig erfolgreiches Konzept vom Schaltschrank über Kühlsysteme, intelligenten Stromverteilungen bis hin zu IT-Rechenzentren, Software und Service. Diese intelligente Plattform kommt in allen Bereichen der Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau, der Gebäudetechnik sowie in der ITK-Branche zum Einsatz. Wir unterstützen unsere Kunden in über 100 Ländern mit dem kompletten System und einer hervorragenden Logistik. Das Rittal System steht weltweit auf der gleichen Plattform, angefangen beim Rittal TS8 als globalem Standardschaltschrank in der Industrie und IT bis hin zu standardisierten Produkten im Bereich der IT-Sicherheit. Die Rittal Stromverteilungssysteme sind typgeprüft nach IEC/DIN und UL-approbiert und die energieeffizienten Kühlgeräte bekommen unsere Kunden ebenfalls für den weltweiten Einsatz serienmäßig mit Approbationen. IT-Infrastrukturlösungen setzen wir auf der ganzen Welt um. Das Rechenzentrum am Flughafen in Johannesburg oder in der Zentrale bei Microsoft in Redmond und auch die 2,2 Megavoltampere-USV-Anlage für die Börse in Korea sind nur einige Beispiele für die Anwendungsvielfalt von Rittal-System.

Stellen Sie möglichst alle Produkte vor Ort in den jeweiligen Vertriebsregionen/Ländern her oder präferieren Sie bestimmte Fabriken zur Herstellung bestimmter Produkte?
Rittal hat einen weltweiten Produktionsverbund. Zusätzlich zu den sechs Werken in Deutschland betreiben wir große internationale Produktionsstandorte in China, England, Indien, Italien und den USA. Regional bedienen wir von diesen großen Werken den lokalen Markt und angrenzende Länder. Dabei konzentrieren wir uns bei der Fertigung auf die Schlüsselprodukte Schaltschränke und Schaltschrankklimatisierung, andere Produktbereiche werden folgen. Dies ist dringend aus Wettbewerbs- und Währungsgründen erforderlich.

Gibt es trotz möglicher lokaler Unterschiede so etwas wie Welt-Produkte im Hause Rittal?
Ja, denn unsere Produkte sind für den Weltmarkt ausgerichtet und werden in unserem akkreditierten Labor für den weltweiten Einsatz auf Herz und Nieren geprüft und gemäß der gültigen Normen freigegeben. Nehmen Sie beispielsweise das Kleingehäuse AE, den ‘Allerersten’. Davon haben wir seit Gründung von Rittal vor 50 Jahren insgesamt 26 Millionen produziert. Der TS8 Schaltschrank zählt bei den Anwendern in Industrie und IT zum absoluten Standard. Vom TS8 wurden in unserem globalen Produktionsverbund bis heute über 7,7, Millionen Stück gefertigt. Ein weiteres Beispiel sind unsere Kühlgeräte. Diese lassen sich durch die vielfältigen Approbationen wie GS, CSA, UL, cUR, UR international einsetzen. Die Energiespar-Kühlgeräte der ‘Blue e’-Generation im Leistungsbereich von 500 Watt bis 4 Kilowatt verbrauchen im Vergleich zur Vorgängergeneration gleicher Leistung bis zu 70 Prozent weniger Energie. Ein eindeutiger Beweis für technologische Weiterentwicklungen mit dem Ziel hoher Energieeffizienz.

Gibt es Länder, in denen Sie keine Produktion aufbauen würden?
Bis heute ist die sofortige Verfügbarkeit unserer Produkte eines unserer stärksten Argumente. Dafür haben wir bereits in den ersten Jahren seit Gründung von Rittal den Slogan ‘Das große Sofort-Schaltschrankprogramm’ geprägt. Wir konnten zeigen, dass standardisierte Schaltschänke, genau dem Trend der Zeit entsprachen. Deshalb lag und liegt in unserer Lieferfähigkeit eine der Kernkompetenzen. Dabei ist uns die Nähe zu unseren Kunden besonders wichtig. Die Zuverlässigkeit in der Qualität, der Vorsprung im Preis-/Leistungsverhältnis und unsere sofortige Lieferfähigkeit waren die maßgeblichen Erfolgsfaktoren für die erreichte Marktführerschaft. Bereits in 1971 wurde die erste Rittal-Tochtergesellschaft in Schweden gestartet. Bereits in den nächsten drei Jahren folgte die Gründung in vier weiteren europäischen Ländern bis dann 1981 die erste Übersee-Gesellschaft in den USA hinzu kam. Heute sind es insgesamt 63 Auslandsgesellschaften, die über hundert Lieferzentren unterhalten. Darüber hinaus arbeiten wir mit 40 Vertretungen in Ländern, die keine hohe Industriedichte haben. Kurzum: Die Verfügbarkeit der Rittal-Produkte ist entsprechend unserem Motto ‘schneller – besser – überall’ für unsere Kunden gesichert.

Spiegelt sich das, was Sie im Bereich der Produktion realisieren, auch im Bereich der Forschung & Entwicklung wider?
Eindeutig, denn zur Globalisierung gehört neben der Vor-Ort-Präsenz die Internationalisierung unsere F&E-Aktivitäten. Internationale Innovationsteams spielen eine wichtige Rolle, da unsere Produkte die jeweils gültigen technischen Vorschriften der Länder erfüllen müssen. Im F&E-Bereich gibt es viele weitere themenspezifische Schritte, beispielsweise die Förderung der Einzelkreativität durch strukturiertes Ideenmanagement oder die Kooperationen mit internationalen Forschungsinstituten und Hochschulen. Das Networking und der regelmäßige Austausch über Technologie- und Methodikthemen mit international marktführenden Unternehmen in angrenzenden Produktbereichen sind weitere Aktivitäten. Der intensive und gut organisierte Dialog mit unseren Kunden und Anwendern unter anderem auf internationalen Fachmessen liefert schon immer Kreativimpulse für weitere Experimentiermöglichkeiten und gehört zum Rittal Innovationsprozess. Diese Zusammenarbeit beschleunigt letztlich die führende Produkt- und Leistungsdifferenzierung.

Wie profitiert der Standort Deutschland von Ihrer ‚internationalen‘ Arbeitsteilung?
Wir müssen in Deutschland vor allem auf den Brainfaktor setzen, der hier erwiesenermaßen eine große Stärke ist. Nur wenn wir uns auf unsere Stärken im Wettbewerb konzentrieren, können wir Kunden mit ganzheitlichen Lösungsansätzen faszinieren und erfolgreich sein. Wir wissen aus Erfahrung um die Bedeutung von weltweit einheitlichen vergleichbaren Produkt-, Produktions- und Vertriebskonzepten. ‘Rittal – Das System’ hat und wird auch in Zukunft den Weltstandard der Gehäusetechnik, der Klimatisierung und der IT-Welt entscheidend mitbestimmen. Wir werden unsere Innovationskraft durch die permanente Verbesserung der Produkte und Serviceleistungen weiterentwickeln und durch neue Produktbereiche stärken. Dafür ist die internationale Zusammenarbeit zum Beispiel in Forschung und Entwicklung entscheidender Teil der Wertschöpfung und unsere Kunden profitieren dadurch von dem Vorsprung unserer Leistungen – heute und in Zukunft.

Inwieweit liegen der internationalen Arbeitsteilung von Rittal Handelshemmnisse zu Grunde?
Handelshemmnisse waren und sind in der Regel nicht der ausschlaggebende Aspekt für die internationale Fertigungsstrategie und Arbeitsteilung von Rittal. Es geht zunächst immer nur darum, wie wir unsere Kunden vor Ort optimal bedienen können. Selbstverständlich ist es von Vorteil, wenn man in Ländern mit hohen tarifären Handelshemmnissen oder stark schwankenden Geldwertparitäten entsprechende lokale Wertschöpfungsmöglichkeiten hat. Rittal ist aufgrund seiner frühen Globalisierung gut aufgestellt.

Im Falle von Währungsturbulenzen jedweder Art: Können Sie quasi auf Knopfdruck die Herstellung bestimmter Produkte von einem Standort auf den anderen verlagern bzw. die Stückzahlen an einem Standort zurück, an einem anderen dafür im gleichen Maße hochfahren?
Unser weltweiter Produktionsverbund bietet grundsätzlich die Flexibilität, die Fertigung der Rittal Kernprodukte von einem Standort auf den anderen Standort zu verlagern. Allerdings müssen wir in diesem Fall die entsprechenden Lieferströme innerhalb der Supply Chain berücksichtigen und anpassen. Das geschieht nicht auf ‘Knopfdruck’, sondern in enger Abstimmung mit den Produktionsstätten und unseren Zulieferanten. Dabei nutzen wir erfolgreich unser weltweit einheitliches ERP-System. Das wissen unsere globalen Kunden sehr zu schätzen, denn wir sichern so die Lieferfähigkeit.

„Internationale Arbeitsteilung“ ist der Titel des Forum A beim ‚5. Deutschen Maschinenbau-Gipfel‘ am 18. und 19. Oktober 2011 in Berlin. Dort sprechen neben Werner Ressing, Leiter der Abteilung Industriepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG, und Dr. Thomas Steffen, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung von Rittal. Weitere Informationen HIER.