Thomas Kautzsch ist Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman: Der Exportdruck Chinas wird

Thomas Kautzsch ist Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman: Der Exportdruck Chinas wird zunehmen (Bild: Oliver Wyman).

von Andreas Karius

Funktioniert das alte Rezept “Hightech aus D, billige Massenprodukte aus China“ nicht mehr?
Dieses Konzept ist sicher nach wie vor valide, wir sehen aber gerade vor dem Hintergrund des neuen Fünfjahresplans mittelfristig auch die andere Seite, nämlich China als Wettbewerber.

Welche Folgen hat der Fünfjahresplan für den deutschen Maschinenbau?
Insgesamt richtet sich der Fokus jetzt stärker auf Konsum und weniger auf die Förderung von Investitionen. Das bedeutet, dass Kapazitäten frei werden, die auf die Exportmärkte drängen werden. Außerdem sollen ganz bewusst kleinere Unternehmen zu größeren Einheiten fusioniert und ‚nationale Champions‘ geschaffen werden, die auch international konkurrenzfähig sind.

Ist die Entwicklung vergleichbar mit der Japans in den 80er- und 90er-Jahren?
Hier gibt es viele Gemeinsamkeiten: Auch Japan wurde lange Zeit unterschätzt. Vergleichbar sind der große, abgeschottete Binnenmarkt, die politische Steuerung, die vielen kleinen Unternehmen, die sich langsam aus dem Niedrigleistungsbereich nach oben gearbeitet haben und letztlich in den westlichen Märkten, vor allem in den USA, viele einheimische Unternehmen verdrängt haben. Diese Entwicklung wird sicher nicht von heute auf morgen eintreten, sondern erst im Zeitraum von 3-5 Jahren. Aber die europäischen Anbieter müssen sich rechtzeitig vorbereiten, weil die Gegenmaßnahmen einen entsprechend langen Vorlauf brauchen.

Welche Gegenmaßnahmen sollten das sein?
Da gibt es eine sehr große Spannbreite, und es kommt sehr auf die Art des Unternehmens an. Für einen Nischen-Player, der mit wenigen Wettbewerbern für einen kleinen Markt hochspezialisierte Komponenten baut, hat es keinen Sinn, Wertschöpfung in großem Umfang nach China zu verlagern und dort einen zweiten Standort aufzubauen. Im Gegensatz dazu müssen Unternehmen mit großen Märkten im Mid-Market-Segment in China vor Ort sein, weil sie sonst mittelfristig in großen Teilen des Marktes keine Chance haben.

Wesentliche Ziele in Chinas neuem Fünfjahresplan sind Nachhaltigkeit und Qualitätsprodukte. Ist das eine Gefahr oder eine Chance für den deutschen Maschinenbau?
In einigen Segmenten ist das sicher eine Chance. Bei Windenergie oder Photovoltaik ist China aber schon ganz vorn dabei und in großen Teilen der Wertschöpfung nicht mehr auf deutsche Technologie angewiesen.

Haben die deutschen Maschinenbauer überhaupt noch eine Chance?
Natürlich. Der deutsche Maschinenbau hat auch die Japan-Krise gut gemeistert. Für einige Unternehmen, die zu spät reagiert haben, war es sicherlich eine bittere Erfahrung. Einige sind sogar ganz verschwunden. Die übrigen sind letzten Endes gestärkt aus der Krise der 90er-Jahre hervorgegangen: Die Profitabilität der Branche ist gestiegen und die Position im Weltmarkt hat sich verbessert, weil die Unternehmen konsequent an die nötigen Änderungen herangegangen sind. Unser Plädoyer ist es, dass die Unternehmen aktiv und mit dem nötigen Vorlauf die Herausforderungen angehen sollten. Dann hat der deutsche Maschinenbau gerade mit seiner Hochtechnologie-Positionierung eine sehr gute Chance. Andere Anbieter, die kleiner und nicht so international aufgestellt sind, müssen sich hier eher Sorgen machen, beispielsweise viele italienische Anbieter.

Welche Unterschiede zwischen China und Japan gibt es?
Japanische Unternehmen haben kaum Firmen gekauft, sondern die Internationalisierung aus eigener Kraft vorangetrieben. Chinesen sind hier wesentlich aggressiver und teilweise auch schon an Grenzen gestoßen, etwa in den USA im Ölsektor. Die nächste Strategie wird daher sein, Minderheitsbeteiligungen wie bei EMAG oder im Automotive-Sektor bei Getrag einzugehen. China hat einen großen Kapitalstock, der unproduktiv angelegt ist, und wird versuchen, in strategisch relevanten Bereichen wie dem Maschinenbau Technologien einzukaufen.

Bedeutet das die Gefahr von Know-how-Abfluss und Verlagerung der Wertschöpfung oder ist das eine Chance?
Für den Standort stellt das eine Gefahr dar, da bei einigen Übernahmefällen massiv Know-how und Beschäftigung nach China abgeflossen sind. Für einen Investor ist das in Einzelfällen die Chance, einen überproportionalen Verkaufspreis zu erzielen. Die Branche muss sich auf alle Fälle darauf einstellen, dass Akquisitionen nicht nur in eine, sondern in beide Richtungen gehen.