Der Maschinenbau muss sich in Zukunft auf gravierende Veränderungen einstellen (Bild: Oliver J.

Der Maschinenbau muss sich in Zukunft auf gravierende Veränderungen einstellen (Bild: Oliver J. Graf - Fotolia.com).

MÜNCHEN (ks). Noch haben viele westliche Wettbewerber einen komfortablen Vorsprung. In den kommenden drei bis fünf Jahren aber werden chinesische Maschinenbauer zu einem rasanten Überholmanöver ansetzen. Analog zur japanischen Großoffensive in den 1980er-Jahren werden sie zunächst in andere Schwellenländer expandieren, um anschließend in die Triademärkte USA, Japan und Europa zu drängen. Auf den sich dadurch dramatisch verschärfenden Wettbewerb heißt es sich heute vorzubereiten. Dies sind Ergebnisse der Oliver Wyman-Studie „Maschinenbau 2015“.

Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise hat der deutsche Maschinen- und Anlagenbau weltweit eine starke Position eingenommen. Auch die Krise selbst hat das Gros der Unternehmen im Vergleich zu ihren internationalen Wettbewerbern gut überstanden, erklärt Oliver Wyman. Bewährt habe sich das schnelle Umsetzen von Sofortmaßnahmen wie Kurzarbeit, Rückführung von Zeitarbeit und der Abbau von Working Capital. Zeit zum Ausruhen aber bleibt nicht. In den nächsten Jahren, so hat Oliver Wyman in seiner aktuellen Studie ermittelt, kommen auf die Branche massive strukturelle Veränderungen zu. Diese schließen Markt, Kunden und Wettbewerb gleichermaßen ein. „Insgesamt wird die Welt für den Maschinen- und Anlagenbau künftig volatiler, komplexer und riskanter“, betont Thomas Kautzsch, Partner bei Oliver Wyman. „Flexibilität wird in den nächsten Jahren zum Erfolgskriterium schlechthin.“

Risiken schüren Unsicherheit
Eine grundlegende Veränderung ist der Abschied vom klassischen Konjunkturzyklus. Künftig wird es zu kürzeren Zyklen mit weitaus stärkeren Marktschwankungen als in der Vergangenheit kommen. Ursächlich dafür sind die stärker vernetzten Märkte und insbesondere die Vielzahl der weltweiten Risiken. Dazu gehören die anhaltende Immobilienkrise ebenso wie zunehmende Wechselkursverwerfungen, die extremen Rohstoffpreisschwankungen und die hohe Verschuldung von EU-Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal. Verlässliche Prognosen werden nahezu unmöglich. Selbst die Vorhersage für das nächste Jahr, für das Oliver Wyman ein Produktionswachstum von fünf bis acht Prozent erwartet, enthält einen hohen Unsicherheitsfaktor, ob die zuletzt beobachtete V-förmige Erholung beim Auftragseingang anhält. Dies hat für Maschinenbauer eine Reihe von Konsequenzen. Sie müssen ihre Arbeitszeitmodelle noch variabler gestalten, administrative Funktionen verstärkt outsourcen, die Fixkosten weiter reduzieren und Ineffizienzen in der Supply Chain beseitigen. „Zugleich brauchen die Unternehmen Planungs- und Steuerungssysteme, die auf eine unsichere Welt ausgerichtet sind“, sagt Tobias Sitte, Associate Partner bei Oliver Wyman. „Es gilt, auf unerwartete Schwankungen vorbereitet zu sein. Gefordert sind künftig neben einer Basisplanung auch Alternativszenarien für Abweichungen sowie eine rollierende Anpassung.“

Heterogene Kundenansprüche werden zur Nagelprobe
Die Anforderungen der Kunden werden zunehmend heterogener. In der Vergangenheit agierten viele deutsche Maschinen- und Anlagenbauer vor allem in den Triademärkten USA, Japan und Europa, die sich in ihren Ansprüchen in puncto Technik und Qualität nicht grundsätzlich unterscheiden. Nun stellt das starke Wachstum der Schwellenländer – allen voran China – die Unternehmen vor neue Herausforderungen. Wer in diesen Märkten erfolgreich sein will, braucht geeignete lokalisierte Produkte. Gefragt sind technisch einfachere Maschinen mit geringerem Automatisierungsgrad zu einem deutlich günstigeren Preis. An der Fertigung vor Ort führt damit kein Weg vorbei. Entsprechend müssen die Maschinen- und Anlagenbauer Produktions- sowie zunehmend auch Entwicklungskapazitäten in die Schwellenländer verlagern. Gleichzeitig verschieben sich die Ansprüche der Kunden in den Stammmärkten. Bislang stand die Maschine im Vordergrund. Künftig liegt der Fokus auf der ganzheitlichen Lösung zur Optimierung des gesamten Produktionsprozesses. „Auf die Branche wartet ein enormer Spagat“, erklärt Sitte. „Einige Hersteller müssen in den Emerging Markets konsequent den Low-Cost-Weg einschlagen, andere in den etablierten Märkten den Schwerpunkt auf hocheffiziente Gesamtlösungen legen.“


China geht in die Offensive
Rüsten aber müssen sich die Maschinen- und Anlagenbauer vor allem für einen starken Wettbewerb aus China. Die chinesischen Unternehmen haben zuletzt massiv zugelegt. Die 15 größten Maschinenbauer Chinas erzielen heute im Schnitt einen Umsatz von drei Milliarden Euro. Vor fünf Jahren lagen dieselben Unternehmen noch bei durchschnittlich 700 Millionen Euro. Hält das Wachstum der chinesischen Wettbewerber an, dürften sie in den kommenden fünf Jahren auf durchschnittlich rund zehn Milliarden Euro zulegen. Damit sind sie mit den größten deutschen Maschinenbauern vergleichbar und werden zu einer echten Bedrohung auf den entwickelten Weltmärkten.

Exportieren werden vor allem chinesische Branchensegmente, die im Fokus des vergangenen, elften Fünfjahresplans standen. Dazu gehören Textilmaschinen, Bau- und Bergbaumaschinen, Metallurgieausrüstung und Schiffbau. „Noch aber wird die Gefahr, die von China ausgeht, in Deutschland unterschätzt“, so Kautzsch. „Dabei haben chinesische Anbieter ihre deutschen Wettbewerber in den vergangenen Jahren klar überholt.“ Mit einem Umsatz von 209 Milliarden Euro lagen diese 2007 noch knapp hinter dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau mit 215 Milliarden Euro. Zwei Jahre später waren die Chinesen mit 343 Milliarden Euro fast doppelt so stark wie die Deutschen.

Entschlossenes Vorgehen notwendig
Die Situation weist deutliche Parallelen zum Wettbewerb mit japanischen Maschinen- und Anlagenbauern in den 1980er-Jahren auf. Viele Jahre verharmlost stachen die Japaner zuerst die amerikanischen Wettbewerber aus und eroberten dann in einigen Marktsegmenten große Teile des Weltmarkts. Im Wettbewerb mit China kommt eine zusätzliche Bedrohung hinzu. Im Gegensatz zu ihren japanischen Pendants streben chinesische Unternehmen Firmenkäufe an, durch die westliche Unternehmen künftig auch in ihren Stammmärkten gefährdet sein könnten. Zwar sind die Übernahmegesetze in Europa und auch in Deutschland zunehmend restriktiver geworden und komplette Akquisitionen nicht zu erwarten. Dennoch werden chinesische Unternehmen versuchen, Einfluss zu nehmen, zum Beispiel durch den Aufkauf von Schulden oder den Erwerb von Minderheitsbeteiligungen. Kapital ist ausreichend vorhanden.

Für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau stellt die wachsende Marktmacht China in den nächsten Jahren die größte Herausforderung dar. Es gilt, die strategischen Schachzüge der chinesischen Anbieter zu verstehen und zu kontern. Dies erfordert nach den überwiegend operativen Optimierungsmaßnahmen in den Boomjahren und in Zeiten der Krise ein langfristigeres Denken. Die Unternehmen müssen eine fundierte Standortbestimmung vornehmen, ihre Ziele für die nächsten Jahre klar definieren, die Richtung festlegen, die sie für das Erreichen dieser Ziele einschlagen wollen, und ihre Geschäftsmodelle entsprechend weiterentwickeln. „Für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer ist es jetzt an der Zeit, sich auf den chinesischen Wettbewerb einzustellen und ihre Organisation schlagkräftig aufzustellen“, erklärt Berater Kautzsch. „Auch die Japan-Offensive wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren letztlich erfolgreich abgewehrt.“

Über die Studie
Für die Studie „Maschinenbau 2015“ befragte Oliver Wyman Geschäftsführer und Vorstände von führenden deutschen Maschinen- und Anlagenbauern sowie Komponentenherstellern. Die Studie untersucht Erfolgsfaktoren der Wachstumsperiode 2002 bis 2008, den Verlauf und die Auswirkungen der Krise sowie strukturelle Veränderungen und Branchentrends bis zum Jahr 2015. Im Ergebnis zeigt sich, welchen zentralen Herausforderungen sich die Unternehmen stellen müssen und wie Geschäftsmodell und Strategie weiterentwickelt werden können.