Franz Müntefering machte sich auf dem Maschinenbau-Gipfel für eine längere Lebensarbeitszeit

Franz Müntefering machte sich auf dem Maschinenbau-Gipfel für eine längere Lebensarbeitszeit stark. Er selbst ist mit 72 noch beruflich aktiv (Bild: Anna McMaster).

von Andreas Karius

BERLIN. Die Zahlen, die der ehemalige Bundesminister und Vizekanzler präsentierte, sprechen für sich: 2010 gab es in Deutschland 50 Mio Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 64, im Jahr 2050 werden es nur noch 33-40 Mio, also etwa ein Drittel weniger sein – und das auch nur, wenn jährlich netto 100.000 Menschen nach Deutschland einwandern. Hinzu kommt: Die Bevölkerung schrumpft nicht nur, sie altert auch dramatisch: 1960 waren 10% der Deutschen über 65, jetzt etwa 20% und im Jahr 2040 etwa 30% über 65.

Auch weil jetzt schon viel weniger Menschen ins Erwerbsalter als ins Rentenalter kommen, entsteht eine Konkurrenz zwischen den großen Industriebetrieben und den kleinen und mittleren Unternehmen sowie zwischen Metropolen und Regionen.

“Mit Produktivitätssteigerungen allein werden wir dieses Problem nicht lösen”, sagte Müntefering. Helfen könnte aber eine höhere Erwerbsquote: “Tröstlich ist, dass wir eine Erwerbstätigkeitsquote von 75% haben”, erklärte der Bundestagsabgeordnete. Ursache für die niedrige Quote sei vor allem die alte Tradition in Westdeutschland, dass viele Frauen daheimbleiben, die Kinder aufziehen und Hausfrauen sind. “Die große Frage ist deswegen: Welche Chance haben junge Frauen beim Einstieg ins Berufsleben?“, so Müntefering.

Junge Frauen machen heute oft Abitur, studieren in den Städten und bleiben dann 5 bis 7 Jahre im Beruf. Die Folge: Kinder werden in Deutschland deutlich später geboren als zum Beispiel in Frankreich. Hier müsse man ansetzen, um Frauen Mut zu machen und eine Chance zu geben, im Beruf erfolgreich zu sein, auch wenn eine Partnerschaft in die Brüche gehe. “Es kann auf Dauer nicht gut gehen, wenn die Frauen nur Zuverdiener sind und die Männer für die Familie sorgen”, sagte Müntefering.

Müntefering machte sich auch für eine bessere Qualifikation junger Menschen stark. “60.000 kommen pro Jahr pro Jahr ohne Abschluss aus der Schule”, sagte Müntefering. “Das ist Nachwuchs für Arbeitslosengeld II.” Er sehe mit großem Interesse, dass wichtige Firmen das duale Studium mitentwickeln, so Müntefering.

Außerdem dürften Ältere nicht vorzeitig aus Betrieben herausgeschoben werden und das faktische Renteneintrittsalter müsse steigen. Von den über 55-Jährigen waren 1998 nur 36% beruflich tätig, mittlerweile sind es laut Müntefering aber bereits wieder 65% mit steigender Tendenz. “Die Rente mit 67 führt dazu, dass wir letztlich 1,2 Mio Menschen mehr im Erwerbsleben haben als mit der Rente ab 65″, sagte Müntefering. “Es gibt immer Menschen, die nicht länger können.” Mit der Frühverrentung müsse aber Schluss sein.

Müntefering, der mit 72 noch beruflich aktiv ist, bevorzugt einen allmählichen Abschied aus dem Berufsleben: “Man muss begreifen, das Leben ist eine ballistische Kurve. Schlagartig aufhören wäre nicht meine Sache und ist auch nicht gesund.”