Laut dem Analysten Wolfgang Wagner war das Produktportfolio von Schiess bis vor kurzem zu einseitig

Laut dem Analysten Wolfgang Wagner war das Produktportfolio von Schiess bis vor kurzem zu einseitig auf Großmaschinen ausgerichtet (Bild: Schiess).

von Maren Kalkowsky

Was ist bei Schiess schief gelaufen, dass es nun zu diesem Stellenabbau kommt?
Wagner: Schiess war vom Produktportfolio einseitig auf Großmaschinen ausgerichtet. Diese Strategie funktioniert bei boomenden Märkten, wo ein Großauftrag sich an den Nächsten reiht. Bei Anzeichen von Rezession verhalten sich Großmaschinenkunden aufgrund des überproportional hohen Investrisikos äußerst zurückhaltend mit Neubestellungen. Hauptkunden von Schiess, vor allem der Schiffbau und Windkraftanlagenbauer, haben in jüngster Zeit auch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen und investieren entsprechend weniger in Anlagegüter wie Werkzeugmaschinen. Nachfragerückgang konnte Schiess bisher aufgrund des kleinen Produktportfolios nicht kompensieren, was zu einem Auftragsloch und damit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten geführt hat. Die jüngst entwickelten kleineren Anlagen wurden erst vor kurzem in den Markt eingeführt und können den Nachfragerückgang nicht kompensieren. Die Entwicklung wurde wahrscheinlich zu spät begonnen.
Brumme: Die Entwicklung der Marke Aschersleben mit den Asca-Serien hat im August 2010 begonnen, vorher gab es kein Konzept dafür.

Was hat die chinesische Muttergesellschaft falsch gemacht?
Wagner: Shenyang hat sich mutmaßlich zu wenig um die ‚kleine‘ Schiess gekümmert – 20 000 versus 380 Beschäftige – und Schiess zu sehr an der „langen Leine“ operieren lassen. Die gemeinsame Entwicklung einer neuen kleineren Maschinengeneration scheint auch relativ lange gedauert zu haben, was auf Probleme in der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit schließen lässt.

Brumme: Die Schiess AG ging im Jahr 2004 insolvent mit einen hohen zweistelligen Mio Euro-Betrag, und man hat mit der gleicher Geschäftsführung, Produkten und Business Model nach der Übernahme weiter gemacht und somit konnte die Schiess GmbH keine anderen Ergebnisse erzielen als vorher die AG. Im Jahr 2009 übernahm ich die Verantwortung und danach wurden neue Geschäftsbereiche, wie die Marke Aschersleben entwickelt, der Service erheblich verstärkt.

Wird Schiess künfig erfolgreicher agieren?

Wagner: Schiess hat sicherlich hervorragende Technologie, die im Markt anerkannt wird. Mit Shenyang im Rücken verfügt Schiess auch über die notwendigen Ressourcen, um etwaige Durststrecken zu überwinden. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die neu entwickelte ‚Aschersleben Linie‘ die Erwartungen der Kunden erfüllt und neue Märkte damit erschlossen werden können. Wichtig wird hierbei sein, inwieweit Schiess von Shenyang als Türöffner in China und weiteren asiatischen Märkten profitieren kann und wie Schiess sich zusammen mit Shenyang auf dem Weltmarkt positionieren wird – ein Alleingang von Schiess wird nicht funktionieren.

Brumme: Das sehe ich auch so. Die Ascherleben Produkte haben ein sehr gutes Potenzial, es wurden bereits die ersten Maschinen sogar nach Nordamerika verkauft. Aktuell läuft die Vorbereitung zur Serienfertigung in Shenyang und Aschersleben. Hinzu kommt: Mit der Schiess Tech in Berlin, mit Headquarter und Konstruktion- und Entwicklungszentrum und einer Schiess Maschine Tools als Solution-Center in Frankfurt am Main, werden wir eine Gruppe aufbauen, die die Schwächen der alten Gesellschaft lösen wird. Die Schiess GmbH in Aschersleben wird als reines Produktionswerk ausgebaut. Dafür werden dort aktuell 20 Mio Euro in moderne Ausrüstung investiert.

aus Produktion Nr. 47, 2012