Lisa Reethen bei einer Veranstaltung von Bosch

"Ich würde jedem Unternehmen erst einmal empfehlen, den Unternehmensfußabdruck zu bestimmen und dort anzusetzen", sagt Lisa Reehten (Bild: Bosch Climate Solutions)

Frau Reehten, wo fangen Mittelständler idealerweise mit dem Klimaschutz an?

Lisa Reehten: Transparenz ist der Startpunkt und das bedeutet, erst einmal vor der eigenen Haustüre zu kehren und den eigenen CO2-Fußabdruck zu ermitteln. Das ist gar nicht so komplex wie viele vielleicht denken mögen. Das Ganze fängt an beim Energieverbrauch und endet im Sinne einer Scope 1- und Scope 2-Betrachtung bei den Prozess-Emissionen, bei Fuhrpark und Gebäude und den Emissionen der Produktionsanlagen. Auf diese Weise gelangt das Unternehmen recht schnell zu einer Klimabilanz, die wiederum einen idealen Ausgangspunkt für weitere Überlegungen darstellt.

Macht es denn an der Stelle Sinn, meine Überlegung gleich auf meine Lieferketten auszuweiten?

Reehten: Das macht im nächsten Schritt Sinn. Ich würde jedem Unternehmen erst einmal empfehlen, den Unternehmensfußabdruck zu bestimmen und dort anzusetzen. Denn hier ergeben sich Hebel, die ein Mittelständler vollumfänglich in der eigenen Hand hält. Sobald sich der Blick auf den Scope 3, also die Lieferketten, richtet, geht es um die Emissionen eingekaufter Waren und Dienstleistungen, also um Zulieferer und Ausrüster. Zusätzlich aber auch um die ganze Logistik im Unternehmen und um die Umweltbilanzen der hergestellten Produkte über ihren ganzen Lebenszyklus hinweg betrachtet.

Sie merken schon: das Ganze ist vor allem auch von der analytischen Datenperspektive her komplexer. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass Unternehmen diesen Schritt gehen, denn genau genommen liegen in den vor- und nachgelagerten Lieferketten oftmals die Hauptemissionen.

Das ist Lisa Reehten

Nach ihrem Abschluss in "International Business Management" mit Auslandsstationen in Abu Dhabi und Ungarn, begann Lisa 2012 ihre Karriere bei IBM. Nach der Geschäftsentwicklung mit Cloud Start-Ups übernahm sie diverse Key Account und Management Funktionen für Industrieunternehmen, in welchen sie ihre Expertise rund um die Elektronik-, Automobil- und Fertigungsindustrie, sowie mit Technologien wie IoT, KI, Analytics, Cybersecurity aufbaute.

2021 wechselte sie zur Bosch Climate Solutions und übernahm zu Beginn diesen Jahres die Geschäftsleitung der Boutique Beratung im Bereich Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Parallel macht sie ihren MBA im Themengebiet Nachhaltiges Management und Zukunfstrends.

Wer zeugt eigentlich den Druck auf den Mittelstand, sich intensiv mit der Materie beschäftigen zu müssen?

Reehten: Ich unterstelle mal, dass wir alle gute Menschen sind und unseren Teil zum Klimawandel beitragen möchten. Tatsächlich stelle ich aber gerade bei inhabergeführten Mittelständlern einen hohen Grad an intrinsischer Motivation fest. Dazu kommen harte, sehr treibende externe Faktoren, die vor allem für Beschleunigung sorgen, so unter anderem der Kunde. Die Automobilindustrie beispielsweise ist allen davongaloppiert und die großen OEMs haben sich global sehr ambitionierte Ziele gesetzt. Auch mit Blick auf ihre Lieferketten. Also sind die Zulieferer betroffen und schlussendlich auch die Ausrüster aus dem Maschinen- und Anlagenbau.

Ganz konkret haben wir Beispiele da wird von den Autobauern aktiv erwartet, dass sich Zulieferer mit Öko-Strom versorgen müssen. Fehlt dem Zulieferer eine Klimastrategie, verliert er seinen Lieferantenstatus. Aktuell müssen sich viele den Rating-Vorgaben des Carbon Disclosure Projects unterziehen. Hier werden große genau wie kleine Unternehmen bezüglich ihrer Klimaschutzmaßnahmen abgefragt. Für diese Aktivitäten gibt es dann ein entsprechendes Label, das den Rückschluss auf ‚bessere‘ und ‚schlechtere‘ Zulieferer zulässt.

Gang und gäbe bei der Kreditvergabe ist mittlerweile auch, dass Unternehmen von Investoren und Banken knallhart nach Nachhaltigkeitsaktivitäten und Nachhaltigkeitsberichten befragt werden. Übrigens werden im Zuge der EU-Green-Deal-Thematik und der EU-Taxonomie die Zügel noch strammer angezogen.

Podcast: Lisa Reehten über Netzwerken und Nachhaltigkeit

Wen braucht der Unternehmer im eigenen Unternehmen als Verbündeten, um seine Pläne voranzubringen?

Reehten: Zunächst: Damit die Ernsthaftigkeit allen klar wird, muss der Startschuss von oben kommen. Sehr wichtig ist auch, dass das nicht einfach als Hobby dem Umweltmanager oder mit zehn Prozent der Kapazitäten dem Marketingverantwortlichen gegeben wird. Die Botschaft ist, dass Nachhaltigkeit ein strategisch wichtiges Thema ist und es zukünftig Wettbewerbsvorteil wird.

Wer aber setzt es um? Idealerweise etabliert das Unternehmen jemanden, der für die Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Das heißt, sich dem Thema ganzheitlich nähert. Das Klima ist dabei ein Thema, aber die sozialen und die Governance-Gesichtspunkte stehen dann als nächstes auf der Agenda. Der Nachhaltigkeitsmanager  hängt als Stabsstelle idealerweise direkt an der Geschäftsführung oder bei der Unternehmensstrategie.

Woran können Mittelständler scheitern?

Reehten: In der Praxis verheddern sich Unternehmen oft am typischen Kleinklein. Ich kenne aus der Praxis diverse Firmen, die hunderte Stunden an Kapazität in die Erstellung eines einzigen Carbon Footprints für ein einziges Produkt aufgewandt haben. Das ist, wenn man sich das große Ganze anschaut und etwas Sinnvolles tun möchte, nicht unbedingt der richtige Weg.

Mein Tipp: Bei Eins anfangen und nicht bei Schritt Zehn, denn der Carbon Footprint auf Produktebene ist schon äußerst komplex. Genau deshalb ist die ganzheitliche Betrachtung wichtig: Es geht darum, die großen Hebel zu identifizieren – dann sinkt auch die Frust-Gefahr. Für Mittelständler ist die Verbandsarbeit aus meiner Sicht auch wichtig, denn der einzelne hat ja kaum so viele Ressourcen wie Automotive-OEMs oder andere Großunternehmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Austausch auf Verbandsebene hier enorme Vorteile bringt und man merkt, dass niemand allein mit seinen Problemen ist und es schon praktikable Lösungen gibt.  

Deutscher Maschinenbau-Gipfel 2022
(Bild: mi-connect)

Deutscher Maschinenbau-Gipfel 2022

Der deutsche Maschinenbau steht vor großen Herausforderungen! Internationale Krisen, Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung, geopolitische Verwerfungen - es steht viel auf dem Spiel für Deutschlands wichtigste Industriebranche.

 

Die Vielzahl der Themen ist für den einzelnen zu groß und darum bietet der Maschinenbau-Gipfel 2022 Orientierung, Stärkung des Zusammenhalts im Netzwerk und Austausch mit der Politik. Hier finden Sie das Programm.

Die Veranstalter des Maschinenbau-Gipfels, VDMA und PRODUKTION, werden mit der Gestaltung wieder ihrem hohen Anspruch gerecht: Perspektiven und Zukunftsfähigkeit schaffen durch gemeinsames Handeln – das ist die Maxime des Maschinenbau-Gipfels 2022 am 11. & 12. Oktober 2022 in Berlin.

 

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Mit welchen Startinvestitionen muss der Mittelständler eigentlich rechnen?

Reehten: Das konkret zu beziffern ist logischerweise enorm schwierig. Wer schon Photovoltaik auf dem Firmendach hat ist möglicherweise weiter als andere ohne eigenen Strom. Vom Aufwand her betrachtet sollte nach vier bis sechs Wochen Daten sammeln die Basis für eine Klimabilanz vorhanden sein. Wer es schafft, dann noch eine Klimaneutralitätsstrategie mit konkreten Maßnahmen darauf zu setzen, ist gut unterwegs. Wir reden hier nicht über ein 18-monatiges SAP Rollout, sondern über vier bis sechs Wochen Aufwand.

Der Mittelständler braucht über den Daumen gepeilt 20 Prozent interne Kapazität und jemanden Externes, der anschiebt, die Methodik kennt und insgesamt unterstützt. Das Thema Scope 3, also Feststellung der Emissionen in der Lieferkette, ist langfristiger, insbesondere in der Umsetzung von Maßnahmen. Einkauf oder Produktentwicklung lassen sich nicht über Nacht umstellen, hier reden wir eher von einem Marathon.  

Und was kriegt der Mittelständler dafür?

Reehten: Die berühmte Frage nach dem Business Case….Je drastischer die Energiepreise steigen, was traurigerweise gerade passiert, desto eher rechnet sich natürlich ein Energieeffizienzprojekt, dass sich die letzten zehn Jahr vielleicht gar nicht gelohnt hätte. Genauso rechnen sich mittlerweile grüne Energieinvestitionen und Photovolatik sehr gut.

Nicht zu vernachlässigen auch das Employer Branding: Bin ich als Unternehmen noch attraktiv für Arbeitnehmer? Fragen sie mal die Personal-Abteilung, wie viele junge Menschen das Thema Nachhaltigkeit hinterfragen. Viele Jüngere wollen das Gefühl, für ein Unternehmen zu arbeiten, dass beispielsweise in Sachen Klimaschutz etwas tut. Letztlich: wenn die Gefahr droht, dass ein Unternehmen wegen mangelnder Nachhaltigkeitsbemühungen aus Lieferketten rausfällt, müssen wir explizit nicht mehr über den Business Case reden.

Alles Wissenswerte zum Thema CO2-neutrale Industrie

Sie wollen alles wissen zum Thema CO2-neutrale Industrie? Dann sind Sie hier richtig. Alles über den aktuellen Stand bei der klimaneutralen Industrie, welche technischen Innovationen es gibt, wie der Maschinenbau reagiert und wie die Rechtslage ist erfahren Sie in dem Beitrag "Der große Überblick zur CO2-neutralen Industrie".

Um die klimaneutrale Industrie auch  real werden zu lassen, benötigt es regenerative Energien. Welche Erneuerbaren Energien es gibt und wie deren Nutzen in der Industrie am höchsten ist, lesen Sie hier.

Oder interessieren Sie sich mehr für das Thema Wasserstoff? Viele Infos dazu gibt es hier.

Spüren sie, dass da eine Welle losbricht?

Reehten: Ja, definitiv. Verglichen mit dem letzten Jahr, in dem alle noch sehr zögerlich waren, stellen wir bei Bosch Climate Solutions fest, dass der Druck steigt. Der Investor hat gesagt, Geld gibt es nicht mehr, mein OEM hat gesagt, keine Zulieferung mehr ohne Nachhaltigkeitsbericht, Kunden wollen den Umstieg ihrer Lieferanten auf Ökostrom. So betrachtet gibt es immer mehr harte Deadlines gegen die wir anlaufen.

An der Stelle ist auch klar, dass unter diesem Druck zu arbeiten nicht immer ganz so konstruktiv und schön ist. Viele Unternehmen suchen derzeit auch aktiv nach Verantwortlichen für Nachhaltigkeitsbemühungen. Anfang des Jahres haben ganz viele in den Unternehmen angefangen - zumindest mal mit einer halben oder sogar einer ganzen Stelle. Auf diese Art und Weise passiert einfach schon mehr in den Firmen.

Unterm Strich: Die Ernsthaftigkeit nimmt zu. Zwar hat die EU ihre Regulatorik um ein Jahr geschoben, aber 2025 kommt schnell. Spätestens für nächstes Jahr prophezeie ich eine echte Welle in Sachen Nachhaltigkeit. Je später ein Unternehmen anfängt zu handeln, desto steiler muss dann die Kurve sein und umso schwieriger wird das Ganze.

Ein Begriff von zentraler Bedeutung ist gefallen: Grüner Strom. Wo soll der denn in ausreichender Menge herkommen?

Reehten: Grüner Strom wird nicht vom Himmel fallen. Der Standard-Satz, dass die Politik es schon richten wird, halte ich in diesem Zusammenhang für eine schwierige These. Ich muss ganz klar sagen, dass Unternehmer hier in die Investition gehen müssen. Zwei Wege sind dabei möglich. Man analysiert, wie viel Potenzial auf Dächern, auf Carports und auf anderen Liegenschaften vorhanden ist, grünen Strom zu erzeugen. Und das Zweite sind sogenannte Power Purchasing Agreements, kurz PPA. Dahinter verbergen sich langfristige Stromlieferverträge zwischen Stromproduzenten und Stromabnehmern. Hierbei geht es dann beispielsweise um den gemeinsamen Bau von Windkraftanlagen, von Photovoltaik- und Solaranlagen. Hier erhält das Unternehmen die Garantie, über fünf bis 15 Jahre, grünen Strom zu einem fixem Preis zu beziehen. Ich bin mir sehr sicher, dass wir nicht um privatwirtschaftliche Investitionen drum rum kommen.

Müssen wir in Deutschland nicht auch die politischen Weichen nachjustieren?

Reehten: Absolut. Meine ganz persönliche Meinung hier an der Stelle: Das Grünstrom-Thema muss mit aller Konsequenz und auch mit Kapital vehementer gefördert werden. Und: Weg mit Bremsklötzen wie komplizierte Anträge und den zu hohen Durchlaufzeiten in deren Bearbeitung. Darüber hinaus sehen wir schon, dass seit geraumer Zeit Förderungen zum Thema ‚Transformationskonzepte‘ - auch für Klimakonzepte - eingeführt wurden.

Eine super Idee. Faktisch stellt sich die Situation aber leider so dar, dass viele Förderanträge eingereicht wurden, aber eben lange Zeit kein Geld fließt. Wie sollen Unternehmen denn dann planen? Viele haben noch nicht verstanden, dass wir an dieser Stelle absolut keine Zeit zu verlieren haben!

Dossier Klimaneutrale Industrie - hier zum Download

Frau hält ein Tablet in der Hand und wählt auf dem Display Beiträge aus, die außerhalb des Tablets virtuell angezeigt werden
(Bild: mi connect)

Entdecken Sie, wie Sie den steigenden Energiekosten entkommen und gleichzeitig Ihr Unternehmen klimaneutral für die Zukunft aufstellen. Wie das geht, ist in dem Dossier Klimaneutrale Industrie verständlich erklärt. Hier gelangen Sie zur Leseprobe. Weitere Informationen und den Link zum Download der Studie gibt es hier.

Das erwartet Sie:

 

  • Wirtschaftliche Vorteile eines klimaneutralen Unternehmens
  • Welche pragmatischen Lösungen es für die Reduzierung von CO2-Emissionen gibt
  • Wie Sie an die richtigen Fördertöpfe kommen
  • Experteninterviews mit Tipps aus der täglichen Praxis und gezielten Lösungsstrategien zu Fragen wie „Was will ich erreichen, was kann ich erreichen und wo fange ich überhaupt an?“
  • Best Practice-Cases aus der Industrie

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