Dr. Karl Tragl: Mit Just-enough-Produkten auf den Weltmärkten erfolgreich Bild: Bosch Rexroth

Dr. Karl Tragl: Mit Just-enough-Produkten auf den Weltmärkten erfolgreich Bild: Bosch Rexroth

Just-enough-Lösungen sind das Rezept von Bosch Rexroth für die globalen Werke. Welche Auswirkungen diese Produktstrategie auf die internationale Zusammenarbeit im Konzern hat, erläutert Vorstandsvorsitzender Dr. Karl Tragl im Gespräch.

von Claus Wilk
LANDSBERG. Sind Sie überall auf der Welt mit den gleichen Produkten/Produktgruppen vertreten?
Bosch Rexroth ist ein Global Partner für den weltweiten Maschinen- und Anlagenbau und bietet grundsätzlich das gesamte Produktportfolio an. Darüber hinaus entwickeln wir vor allem in Asien zunehmend regional angepasste Varianten unserer Produktplattformen. Diese Just-enough Lösungen richten sich an Segmente und Anwendungen, die es in dieser Form in Europa nicht gibt. Die CNC-Systemlösung IndraMotion MTX micro haben wir beispielsweise speziell für den chinesischen Markt der kompakten, extrem günstigen Werkzeugmaschinen entwickelt, das am schnellsten wachsende Marktsegment. Diese Maschinen haben nur wenige Achsen und eine eingeschränkte Funktionalität, müssen aber die gleiche Präzision in der Fertigung erreichen. Unsere Just-enough Systemlösungen decken genau diese Anforderungen ab. Auf der anderen Seite nutzt sie den gleichen Softwarekern und die gleichen Engineeringwerkzeuge wie unsere High-end Varianten für den europäischen Maschinenbaus.

Stellen Sie möglichst alle Produkte vor Ort in den jeweiligen Vertriebsregionen her oder präferieren Sie bestimmte Fabriken zur Herstellung bestimmter Produkte?
Bei dem breiten Produktspektrum aller Antriebs- und Steuerungstechnologien machen nur spezialisierte Werke Sinn. Rexroth nutzt einen weltweiten Produktionsverbund in den drei Märkten der Triade, Europa, Americas und Asien. Dabei erweitern wir die regionalen Kapazitäten entsprechend des Marktwachstums, aktuell mit Schwerpunkt China und Brasilien. Rexroth setzt weltweit das Leitwerkskonzept um: Für jede Produktklasse entwickelt ein Leitwerk die optimalen Herstellprozesse, und Produktionswerke weltweit übernehmen diese Prozesse und versorgen die regionalen Märkte.

Gibt es trotz möglicher lokaler Unterschiede so etwas wie Welt-Produkte?
Die Globalisierung der Weltwirtschaft erfordert zwingend Weltprodukte. Gerade deutsche Maschinenhersteller, die überwiegend vom Export in die ganze Welt leben, haben größtes Interesse an standardisierten Komponenten, die sie weltweit einsetzen können. Dabei bietet die zunehmende Verlagerung von Funktionen in die Software neue Chancen. So rüstet Rexroth Steuerungen und Antriebe mit einer Multiethernet-Schnittstelle aus. Bei identischer Hardware muss der Inbetriebnehmer lediglich das entsprechende Protokoll in der Software anklicken. Damit kann der Maschinenhersteller die Varianz in seiner Lagerhaltung deutlich reduzieren.

Gibt es Länder, in denen Sie keine Produktion aufbauen würden?
Die Frage muss doch lauten, wo macht der Aufbau neuer Produktionsstätten Sinn? Dann reden wir von den dynamisch wachsenden Regionen Asien, Südamerika und Osteuropa. Im Maschinenbau brauchen Sie gut ausgebildete Fachkräfte, ein stabiles politisches Umfeld und eine funktionierende Infrastruktur. Das alles zusammen schränkt die Auswahl sinnvoller Standorte auf wenige Länder ein, mit denen Deutschland ohnehin sehr intensive Handelsbeziehungen pflegt. Als Teil ein Unternehmen der Bosch Gruppe unterstützen wir die Ziele der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, die Grundsatzerklärung der ILO und den Global Compact der Vereinten Nationen.

Im Falle von Währungsturbulenzen jedweder Art: Können Sie quasi auf Knopfdruck die Herstellung bestimmter Produkte von einem Standort auf den anderen verlagern bzw. die Stückzahlen an einem Standort zurück, an einem anderen dafür im gleichen Maße hochfahren?
Das ist derzeit eine rein theoretische Möglichkeit. Aktuell steht bei Rexroth ungeachtet von Währungseffekten die Lieferfähigkeit im absoluten Mittelpunkt. Deshalb laufen unsere Werke weltweit mit Maximalkapazität.

Spiegelt sich das, was Sie im Bereich der Produktion realisieren, auch im Bereich der Forschung und Entwicklung wider?
Wer in den dynamisch wachsenden Regionen Asien und Südamerika auf Dauer erfolgreich sein will, muss dort präsent sein. Dabei reicht es nicht, nur eine Verkaufsniederlassung zu unterhalten. Gefordert ist ein dauerhaftes Engagement mit lokalem Management, Fertigung und Einkauf vor Ort, Inbetriebnahmekapazitäten und eigener Entwicklung. Rexroth hat beispielsweise in China drei Produktionswerke und lokale Entwicklungskompetenzen aufgebaut. Just-enough Produkte entstehen bei uns in enger Zusammenarbeit von chinesischen und deutschen Ingenieuren. Die chinesische Seite bringt ihre Marktnähe und das Wissen um die regionalen Anforderungen ein, die deutsche Seite sorgt dafür, dass sie auf unseren vorhandenen Produktplattformen umgesetzt wird.

Inwieweit liegen der internationalen Arbeitsteilung von Bosch Rexroth Handelshemmnisse zu Grunde?
Es ist in der Tat so, dass in den Wachstumsregionen Asien und Südamerika ein möglichst hoher Local Content, als Wertschöpfung vor Ort, erwartet wird. Rexroth baut seit mehr als einem Jahrzehnt die Kapazitäten in diesen Wachstumsmärkten massiv aus. Daher spielen Handelshemmnisse oder Strafzölle nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ermöglichen wir deutschen Maschinenherstellern damit sogar, ihren Local Content mit bekannten Komponenten zu erhöhen

Wie profitiert der Standort Deutschland von Ihrer ‚internationalen‘ Arbeitsteilung?
Die Krise hat die weltwirtschaftlichen Gewichte dauerhaft verschoben. China ist für Rexroth mittlerweile der mit Abstand größte Einzelmarkt außerhalb Deutschlands. In Indien und Brasilien wachsen wir mit deutlich zweistelligen Raten. Der Erfolg in diesen Märkten sichert und schafft Arbeitsplätze in Deutschland, aber er erfordert ein hohes Engagement vor Ort. Seit 2002 haben wir den Umsatz in Asien mehr als verdreifacht und die Zahl der Mitarbeiter in Asien von knapp 2.000 auf mehr als 5.000 gesteigert. Das Wachstum in Asien hat gleichzeitig unsere Kapazitäten in Deutschland in erheblichem Umfang ausgelastet und Bosch Rexroth hat die Zahl der Arbeitsplätze hier zu Lande im gleichen Zeitraum von rund 15.000 auf mehr als 18.000 erhöht.

„Internationale Arbeitsteilung“ ist der Titel des Forum A beim ‚5. Deutschen Maschinenbau-Gipfel‘ am 18. und 19. Oktober 2011 in Berlin. Dort sprechen neben Werner Ressing, Leiter der Abteilung Industriepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG, und Dr. Thomas Steffen, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung von Rittal.

Weitere Informationen: www.maschinenbau-gipfel.de