Dr. Günter Jordan, A.T. Kearney: Unternehmen müssen sich jetzt auf Volatilität und Instabilität

Dr. Günter Jordan, A.T. Kearney: Unternehmen müssen sich jetzt auf Volatilität und Instabilität vorbereiten (Bild: Anna Mc Master).

von Andreas Karius

ESSLINGEN (ks). Auch wenn man im Ausland angesichts der phänomenalen Erholung der deutschen Wirtschaft schon vom „German Wunder“ spricht, drohen den Unternehmen nach wie vor große Risiken. Die Spanne reicht von enormen öffentlichen Schulden, dem angespannten Verhältnis zwischen den USA und China über massive Unsicherheiten in der Eurozone und extreme Preisschwankungen bei Rohstoffen bis hin zu politischer Instabilität. Auch die Verlagerung ganzer Industriezweige nach Osten scheint sich fortzusetzen: Nach Kamera-, Konsumelektronik-, Halbleiter- oder Schiffbauindustrie droht nun mit dem „Big Bang“ der Autoindustrie in Asien der faktische Exodus von noch mehr produzierenden Industrien. Das erklärte Dr. Günter Jordan, Vice President der Unternehmensberatung A.T. Kearney auf dem Kongress zur Fabrik des Jahres/GEO in Esslingen.

Fazit von Dr. Günter Jordan: „Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben, aber es gibt keinerlei Garantie, dass es so gut weiterläuft. Wir müssen uns auf die Volatilität und Instabilität vorbereiten. Die Zeit dazu ist jetzt!“

Vor allem geht es um die drei Felder Leistungssteigerung, Umwelt und Demographie.

Verschwendungsfreie Arbeitsplätze gestalten
Dabei geht es um die Kombination von Bottom-up- und Top-Down-Ansätzen. Also zum einen um Bottom-up-Ansätze wie KVP und ein tägliches Experimentieren und Verbessern aller Arbeitsprozesse. Hinzukommen muss nun aber auch detaillierte „Shop Floor Analyse“, bei der Verschwendung datenbasierte erfasst und analysiert wird und mit Verbesserungsworkshops kombiniert wird.

Schnellere Wertströme
Vor allem Maschinenbau gibt es laut Jordan noch viel „Stop and Go“ – die Branche kann also viel von der Automobilindustrie lernen. Das Verbesserungspotenzial ist enorm: So beträgt die wertschöpfende Zeit im Verhältnis zur Gesamtdurchlaufzeit bei den besten von A.T. Kearney analysierten Fabriken 32% bei vielen Fabriken liegt der Anteil der wertschöpfenden Zeit aber unter 3%

Weniger Management und Planung
Über 60% der Zeit entfallen auf die Problembehebung bzw. sind vermeidbar, so die Analyse von A.T. Kearney (siehe Grafik).

Funktionale Exzellenz ist nicht gleich operative Exzellenz
Während die funktionale Exzellenz bereit in vielen Fabriken Realität ist, fehlt oft noch der entscheidende Schritt, um auch operationale Exzellenz zu erreichen. Der Schlüssel dazu ist die „Interoperabilität“, das heißt die nahtlose Zusammenarbeit zwischen den einzelnen funktionalen Silos. Beispiel: Oft ist der Einkauf ist gedrillt, die Stückkosten zu minimieren. Wenn der Einkäufer nur funktional exzellent arbeitet und einen günstigen Zulieferer in mehreren tausend km Entfernung wählt, drohen massive Auswirkungen auf die Supply Chain – die Interoperabilität und die Performance insgesamt leidet.

Umwelt
Als erfreulich bewertete Jordan, dass das Thema Umwelt und Ressourcen-Effizienz bei den besten Fabriken bereits ganz oben auf der Agenda stehe. So hat es das Top-Quintil unter den Fabriken geschafft, in den letzten drei Jahren bei Strom Gas und Wasser zwischen 20% und 30% einzusparen. „Die Krise in Japan wird zwangsläufig langfristige Auswirkungen auf die Energiepreise und die Energie-Effizienz haben. Japan wird diesen Prozess vordringlicher machen und beschleunigen“, erklärte Dr. Jordan. Insgesamt sieht er auch jetzt schon wieder einen Trend zur Lokalisierung und Verkürzung von Logistikketten. Dafür spreche in einem volatilen globalen Umfeld eine Vielzahl von Gründen.

Demographie
Von derzeit etwa 205 Mio wird der Anteil der Menschen über 60 Jahre bis 2050 auf etwa 2 Mrd steigen. „Diese nicht in den Arbeitsprozess einzubinden ist undenkbar“, sagt Jordan. Auch hier gibt es laut Jordan vorbildliche Beispiele. So hat BMW Dingolfing an einer Pilotlinie die Arbeitsprozesse mit älteren Mitarbeitern simuliert und gute Erfolge erzielt, zum Beispiel mit orthopädischen Schuhen, höhenverstellbaren Tischen, Holzböden sowie durch Job Rotation bis hin zu pysiotherapeutschen Übungen.