Skalierbare Montage Werkzeuge Hilti Thüringen

In den U-förmig angeordneten Montagelinien können ein bis sechs Werker gleichzeitg montieren – ganz nach Auftragslage. - Bild: Nördinger

1) Make-or-buy-Strategie geschärft

Das Hilti-Produktionswerk in Thüringen, Österreich, ist nicht mehr wie früher darauf ausgerichtet, möglichst viel zu produzieren. In den vergangenen Jahren wurde die Strategie umgesetzt, nur noch das zu produzieren, was kein anderer produzieren kann und was möglichst stark zur Produktdifferenzierung beiträgt.

Grund für dieses Umdenken waren teilweise neugebaute Fertigungsstätten, die nach der Wirtschaftskrise 2009 nur noch zu 50 Prozent ausgelastet waren. „Wir erledigen heute nur die Dinge selbst, die das Endprodukt besser machen, und wir wollen unserer Zielgruppe – den Profis am Bau – immer das leistungsfähigste Gerät am Markt bieten“, erklärt Werksleiter Dr. Thomas Breuer.

So findet die Endmontage der hochdifferenzierten Werkzeuge wie Bohr- und Meißelhämmer, Kernbohrgeräte und -sägen sowie Direktbefestigungsgeräte in Thüringen statt. „Nur so können wir selbst prüfen, ob die Geräte in der gewohnten Hilti-Qualität das Werk verlassen“, berichtet der Werksleiter. Auch ausgewählte Geräte-Komponenten fertigt Hilti selbst. Dazu gehören zum Beispiel Motoren. „Der Motor ist für das Endprodukt differenzierend“, erläutert Breuer die Strategie dahinter.

Und für solch essenzielle Komponenten möchte Hilti das Produktions-Know-how im Haus behalten. Grundsätzlich fertigt Hilti leistungs- oder lebensdauerbegrenzende, kritische Bauteile vorrangig selbst. Komponenten eben, die das Endprodukt besser machen. Ist beides nicht der Fall, wird die Komponente von Zulieferern produziert. „So haben wir das Teilespektrum, das wir selbst fertigen, zusätzlich geschärft“, sagt Breuer.

2) Viele indirekt produktive Mitarbeiter

Das Werk Thüringen ist innerhalb des Hilti-Konzerns ein sogenanntes Leitwerk. Am Standort sind viele Mitarbeiter beschäftigt, die ein hohes, produktionstechnisches Know-how besitzen. Das Wissen dieser Experten aus Thüringen ist weltweit im Hilti-Konzern gefragt. „Bei uns arbeiten viele indirekt produktive Mitarbeiter und das finden wir gut so“, sagt Breuer. Zu den indirekt produktiven Kollegen zählt der Werkleiter zum Beispiel die sogenannten Production Engineers. Sie leisten Engineering-Support für Produktentwickler und Konstrukteure.

„Je mehr Production Engineers wir hier im Werk beschäftigen können, umso gefragter ist unser produktionstechnisches Know-how“, verrät Breuer seine Gleichung. Zusätzlich beraten die Engineers weltweit Schwester-Werke und Lieferanten.  „Früher dachte man, jedes Wissen, das unser Werksgelände verlässt, bedeutet Know-how-Verlust und gefährdet unsere Arbeitsplätze“, erzählt Breuer und fährt fort: „Heute haben wir erkannt: Je mehr Wissen wir nach außen tragen können, weil es im Konzern auf Interesse stößt, umso wichtiger ist unser Standort im Hilti-Verbund.“

3) Produktionskosten lassen sich an Auftragslage anpassen

Die Kosten, die das Hilti-Werk Thüringen verursacht, lassen sich bei niedriger Auftragslage um bis zu 20 Prozent reduzieren. „Wenn viel produziert wird, darf unser Werk höhere Kosten verursachen“, berichtet Breuer. Wird weniger produziert, kann das durch unterschiedliche Maßnahmen ausgeglichen werden. Zunächst sind in der Produktion 20 Prozent der Mitarbeiter über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Die regulären Beschäftigten arbeiten bei Hilti außerdem mit Arbeitszeitkonten, die bis zu 200 Stunden ins Plus oder ins Minus ausgereizt werden können.

Als zusätzliche Maßnahme kann bei niedriger Auftragslage ein sogenannter Urlaubskauf angeordnet werden. Dann müssen die Mitarbeiter unbezahlten Urlaub nehmen. „Den Urlaubskauf wenden wir aber wirklich nur im Ernstfall an und die Maßnahme ist grundsätzlich vom Betriebsrat abgesegnet“, erklärt Werksleiter Breuer. In den vergangenen Jahren kam der Urlaubskauf nur einmal zum Einsatz. Die Belegschaft sieht das ganze daher laut Breuer als Arbeitsplatzsicherung. Denn eine Alternative wären ansonsten befristete Arbeitsverträge.

Damit die Anlagen auch bei zurückgehendem Auftragsvolumen stets ausgelastet sind, produziert Hilti von manchen Produktgruppen im Normalfall nicht das gesamte Volumen selbst. „Wir fertigen von einer Materialgruppe nicht hundert Prozent selbst, sondern 80“, erläutert Breuer.

So könne man in einer Rezession 20 Prozent des Volumens wieder inhouse holen und die Maschinen wären weiter ausgelastet. Sinkt die Auslastung im Hilti-Werk Thüringen um bis zu 20 Prozent, so können die Produktionskosten aufgrund der genannten Maßnahmen ebenfalls um rund 20 Prozent reduziert werden. „Der Maßnahmenplan dazu ist seit rund zwei Jahren definiert, wir haben ihn aber bisher nicht benötigt“, freut sich Breuer.

Montage Werkzeuge Hilti Thüringen
Das fertige Werkzeug - hier ein Bohr- und Meißelhammer - wird verpackt und wandert im roten Koffer auf die Palette. - Bild: Nördinger

4) Skalierbare Montage

Der Ausstoß in der Endmontage lässt sich im Hilti-Werk Thüringen bei Bedarf ver-18-fachen. Möglich ist das folgendermaßen: Die Montage ist U-förmig angeordnet, jeder Mitarbeiter durchläuft das Montage-U mit rund 15 Montagestationen und montiert stets ein Gerät zu Ende. Ist wenig los, montiert nur ein Mitarbeiter in einem Montage-U. Grundsätzlich können aber bis zu sechs Werker gleichzeitig in einem Montage-U arbeiten.

Und es kann von einer auf bis zu drei Montage-Schichten skaliert werden. „Die Sequenz, in der wir aufstocken können, ist somit sehr feingliedrig“, berichtet Breuer. Die Frühschicht ist in der Regel recht stark besetzt, die Mittagsschicht je nach Bedarf. Eine Nachtschicht kommt erst zustande, wenn auch die Mittagsschicht voll besetzt ist. „Das passiert zum Beispiel bei Produkt-Neueinführungen“, sagt Werksleiter Breuer.

Weitere Flexibilität entsteht dadurch, dass jeder Mitarbeiter verschiedene Geräte montieren kann. Ergebnis der Flexibilität ist auch, dass die hochdifferenzierten Geräte auf Bestellung innerhalb von 3 Tagen gefertigt werden und das Werk auf ein Fertigproduktelager verzichten kann. „Unsere Achillesferse ist die Anlernphase“, verrät Breuer. Um die Montage eines komplexen Hilti-Geräts zu beherrschen, benötigen neue Werker in der Regel zwei Wochen. Das will Breuer in Zukunft mit Datenbrillen, die die notwendigen Montageschritte der Reihe nach ins Sichtfeld der neuen Kollegen einblenden, verändern. Erste Pilotversuche dazu laufen bereits.

5) Ausbildung von Fachkräften

Großen Wert legt Hilti auf qualifizierten Nachwuchs. In Thüringen lernen die Azubis Berufe wie Maschinenschlosser, Zerspaner, Logistiker oder Anlagenbauer. Das Ausbildungskonzept wird stetig an die technische Entwicklung angepasst. „Unsere Lehrlinge experimentieren derzeit zum Beispiel mit kollaborierenden Robotern oder einem Metall-3D-Drucker“, berichtet Breuer. Zudem versucht Hilti, die Auszubildenden auch für internationale Karrieren zu begeistern.

„Kollegen, die bei uns in Thüringen arbeiten, sind heimatverbunden“, erklärt der Werkleiter. Um die Mobilität der jungen Leute zu steigern, schickt Breuer daher ausgewählte Lehrlinge für ein paar Monate zum Arbeiten in Hilti-Produktionsstätten rund um die Welt. „Wer während der Ausbildung zum Beispiel in unser Shanghai-Werk geschnuppert hat, ist später eher bereit, in einem unserer Werke im Ausland zu arbeiten“, erläutert der Werksleiter.

"Wir erledigen heute nur die Dinge selbst, die das Endprodukt besser machen, und wir wollen den Profis am Bau immer das leistungsfähigste Gerät am Markt bieten."
 

Dr. Thomas Breuer, Werksleiter Hilti AG, Zweigniederlassung Thüringen

Das Werk in Kürze

Werk: Hilti AG, Zweigniederlassung Thüringen

Umsatz: keine Angaben

Produktspektrum: Bohr- und Meißelhämmer; Diamant-Kernbohrgeräte und -sägen; Direktbefestigungsgeräte

Produktions- und Logistikfläche: 40 000 qm

Zahl der Produktvarianten: ca. 30 verschiedene Modellreihen mit jeweils bis zu 5 Produktvarianten

Durchlaufzeit: Zeitraum von der Bestellung bis zur Auslieferung (= Bestellvorlauf): 3 Tage

Anzahl Lieferanten: 250