Prof. Dr. Thomas Bauernhansl

„Die Zeiten, wo ich an einer Linie alles austakten kann, sind für eine personalisierte Produktion vorbei", sagte Prof. Dr. Thomas Bauernhansl. Bild: Susanne Nördinger

Die Zahl der Dinge, die ins Internet eingehen, steigt laut Experten bis zum Jahr 2020 voraussichtlich auf 50 Milliarden. Die Anzahl der Services, die diese Dinge nutzen, sind ungezählt. Allein im App-Store von Apple existieren eine Million von ihnen, die bisher insgesamt 75 Millionen mal heruntergeladen wurden.

"Mit Industrie 4.0 entstehen neue Formen des Wirtschaftens", sagte Prof. Dr. Thomas Bauernhansl, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart. "Die Bedeutung cyberphysischer Systeme steigt."

Diese werden verbunden mit Softwarediensten oder cloud-basierten Plattformen. Im Internet mit anderen Plattformen vernetzt, werden eine Menge unstrukturierter Daten akkumuliert, die mit strukturierten Daten aus dem Unternehmen abgeglichen werden können.

"Jedes Unternehmen sollte sich fragen, ob es in der Lage ist, eine cloudbasierte Plattform zu betreiben", so Prof. Bauernhansl. Gerade Mittelständler sollten sich bewusst machen, dass die eine "kooperatives Projekt" ist.

SPS und ERP bald Vergangenheit

"Die Frage, mit wem ich meine Allianz schmiede, ist grundlegend, denn wenn ich alle Partner, die den Kunden ebenfalls bedienen, auf diese Plattform bringe, entsteht ein Eco-System." Wertschöpfung entsteht hier zu einem großen Teil durch den Kunden. Damit sind diese Eco-Systeme auch und vor allem wertschöpfend.

"Heute bringen Firmen ein Produkt als Plattform in den Markt, aber die Interkonnektivität beginnt erst, wenn Kunden das Produkt nutzen und für es Anwendungen schaffen", so Prof. Bauernhansl. Mittelständler könnten in das Thema 'Internet der Dinge' eintauchen, indem sie sich entsprechende Services zukaufen.

Damit seien sie in der Lage, Systeme zu schaffen, die bisher nur Konzerne aufbauen konnten. "Das ist für den Mittelstand eine große Chance, für Konzerne jedoch ein großes Risiko", so Prof. Bauernhansl weiter. Immer mehr individuelle Lösungen seien gefragt, was dazu führte, dass übergreifende Lösungen an Bedeutung verlören. "Das klassische SPS, das klassische ERP wird es wahrscheinlich in ein paar Jahren nicht mehr geben", so seine Prognose.

"Verschwendungsfrei eingebunden"

Band und Takt würden aufgelöst, so Prof. Bauernhansl: "Die Zeiten, wo ich an einer Linie alles austakten kann, sind für eine personalisierte Produktion vorbei. Wenn Sie sich permanent dem Markt anpassen wollen, sind Takt und Band hinderlich. Dafür brauchen Sie auch Systeme, etwa fahrerlose Transportsysteme."

Die Logistik wiederum könne so gestaltet werden, dass durch clevere Logistikprozesse Wertschöpfung erhöht wird, etwa durch die Integration von Sortier- in die Transportprozesse. Prozesskomplexität lasse sich dorthin verlagern, wo sie am effizientesten zu handhaben ist, etwa auch an Lieferanten oder Kunden.

In letzer Konsequent werde Industrie 4.0 dazu führen, dass das Engineering wieder in die Wertschöpfung Eingang finde. Neue Mensch-Maschine-Schnittstellen könnten dazu beitragen, dass der Mitarbeiter verschwendungsfrei in die Fertigung eingebunden wird.

"Experten erwarten eine Steigerung der Performance von 30 bis 50 Prozent in der Wertschöpfung durch Industrie 4.0", erläutert Prof. Bauernhansl. "Wir wissen nicht, was diese Umwälzung am Ende des Tages bedeutet, auch für die Beschäftigung. Sicher ist aber, dass wir unseren Vorsprung in der Fertigung nur dann halten können, wenn wir uns hier engagieren. Unterschätzen Sie auf keinen Fall die Geschwindigkeit, mit der dieser Prozess abläuft."