Wie man Industrie 4.0 in der verarbeitenden Industrie einführen kann
Im ersten Schritt sollte sich der Werkleiter mit seinen Führungskräften ein Bild darüber verschaffen, welche Möglichkeiten Industrie 4.0 im Allgemeinen bietet. Dabei hilft es, sich Best Practice-Beispiele anderer Unternehmen unterschiedlichster Branchen anzuschauen. Dabei ist sicherzustellen, dass alle das gleiche Verständnis vom Thema haben.

Pilotprojekte minimieren das Risiko
Im zweiten Schritt sollte der Transfer auf das eigene Werk geleistet werden. Welche Elemente von Industrie 4.0 könnten auch für das eigene Werk von Nutzen sein? Welche Best Practice-Beispiele könnten übertragen werden? Als Ergebnis sollte eine grobe Industrie 4.0-Roadmap entstehen. Ein Zeithorizont von sechs  bis zwölf Monaten ist sinnvoll.

Bei der Erstellung der Roadmap sollte Wert darauf gelegt werden, dass viel über Pilot-Projekte in abgegrenzten Bereichen gearbeitet wird. Das gibt dem Werkleiter die Möglichkeit, sein Risiko zu minimieren, indem er die Industrie 4.0-Elemente in geschützten Bereichen erproben kann, bevor er größere Investitionen tätigt.

Bei der Umsetzung der Roadmap Lean-Experten miteinbeziehen
Der dritte Schritt ist die Umsetzung der Roadmap, also die Umsetzung der Pilot-Projekte. Dabei ist es wichtig, dass die Lean- und Six Sigma-Experten einbezogen werden. Wenn eine Qualifikation der Mitarbeiter notwendig ist, ist es sinnvoll, diese im Rahmen der Pilot-Projekte durchzuführen, damit die erlernten Inhalte direkt in die Praxis umgesetzt werden können. Ein Trainer kann an dieser Stelle mit seiner Erfahrung beim Transfer unterstützen und als Coach für das Team agieren.

Wie Industrie 4.0 und Lean Pro­duction zusammenpassen
Industrie 4.0 und Lean Production ergänzen sich sehr gut. Wenn in einem Werk zum Beispiel Lean Production schon sehr weit eingeführt ist, kann der Einsatz der Elemente von Industrie 4.0 die nächste Stufe der Prozessverbesserung ermöglichen. Auf der anderen Seite können die Lean-Methoden die Einführung von Industrie 4.0 transparenter und dadurch effizienter gestalten.

Wie man Industrie 4.0 und Lean integriert realisieren kann
Es ist wichtig, dass – wenn noch nicht vorhanden – Experten zu den beiden Themengebieten aufgebaut werden. Diese Experten müssen eng zusammenarbeiten und als ein Team gesehen werden. Es darf zwischen den beiden Ansätzen kein Konkurrenzkampf entstehen oder eine Bewertung stattfinden, welcher der beiden Ansätze ‚wichtiger‘ ist. Besonders aufgrund der Komplexität von Industrie 4.0 sollten hier mehrere Personen ausgewählt werden und nicht alles auf eine Person konzentriert werden.

Was bei der Industrie 4.0-Einführung passiert, wenn man Lean-Prinzipien nicht berücksichtigt
Die Realisierung von Industrie 4.0 ohne die Berücksichtigung der Lean-Prinzipien führt zu einem höheren Aufwand und der Nutzen leidet darunter.

Continental schult Mitarbeiter zu Industrie 4.0 in Workshops und per Mitarbeiterinformation

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In der Produktion von Continental kommen Roboter zum Einsatz, die mit Menschen kooperieren. - Bild: Continental

Seit rund zwei Jahren beschäftigt sich der Werkleiter von Continental in Karben, Jürgen Martin, mit Industrie 4.0-Projekten. Im Karbener Werk wurden die Mitarbeiter innerhalb der Trainings zum Continental Business System zum Thema Industrie 4.0 geschult. Dies fand in Form von Workshops und per Mitarbeiterinformation statt.

Werkleiter Martin führte die Industrie 4.0-Projekte vor allem in den Fertigungsbereichen sowie im Supply-Chain-Management, also der Logistik, ein. Jetzt laufen dort Zukunftsprojekte mit Automated Guided Vehicles (AGV) als Transportintelligenz sowie mit Smart Sensors und Wearables.

In Karben werden auch Projekte zum Thema Big-Data-Analytics und Operations Intelligence realisiert. „Kollaborative Roboter arbeiten mittlerweile Hand in Hand mit unseren Mitarbeitern“, berichtet Martin, „Roboter bekommen Namen und werden ‚Kollegen‘. Dazu haben sie unter anderem im Bereich Industrial Engineering ein Industrie 4.0 Cobot-Center geschaffen in Verbindung mit einer ‚Lean Dojo‘-Übungsfläche und einem Lean-Tool-Shop, um den Mitarbeitern ein ‚innovatives und kreatives Umfeld‘ zu bieten.“

Aber auch andere Bereiche wie das Qualitätswesen, die Informationstechnologie-Abteilung und das Controlling, die die Fertigung und das Supply-Chain-Management unterstützen, begleiten Veränderungen durch Industrie 4.0 und Lean Production.

Damit Innovationen wie insbesondere Industrie 4.0, die eine starke Beschleunigung darstellen, nicht zu Ängsten oder Ablehnung führen, will Martin dabei Probleme zusammen mit den Mitarbeitern partnerschaftlich überwinden. Denn der Erfolg und die Akzeptanz stehen und fallen mit der Akzeptanz seitens der Mitarbeiter. Bei ihnen stehe der Mitarbeiter im Mittelpunkt und werde dort bleiben, auch bei permanenten Herausforderungen durch Änderungen im Aufgabenfeld und -Inhalten.

„Industrie 4.0 ist auf direktem Weg von Theorie und Demonstration in der Produktion längst angekommen“, sagte Martin. Für den internationalen Automobilzulieferer Continental mit einem der größten Werksverbände für automobile  Elektronikproduktion sei die Umsetzung neuer Fertigungstechnolo­gien und -prozesse von kollaborativer Robotik bis Augmented Reality ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Zukunft.

Dank Industrie 4.0 sei die Central Electronic Plant Organization mit insgesamt 30 Standorten Teil einer vernetzten Welt, die sie hocheffizient mache und eine qualitativ hochwertige Produktion ermögliche.

Laut Werkleiter Martin ergänzt Lean Production gut Industrie 4.0: „Diese auf den ersten Blick konträren Begrifflichkeiten passen bei näherem Hinsehen sehr gut zusammen.“ Es gelte, die Chancen der Industrie 4.0 intelligent und sinnvoll zu verknüpfen und zu implementieren mit den bekannten Ansätzen aus Lean. Der Mensch bleibe dabei aber immer Dirigent der Wertschöpfungskette. Um beide Ansätze gleichzeitig umzusetzen, müssen die Mitarbeiter laut Martin informiert, ausgebildet und integriert sein, damit einer positiven und zügigen Realisierung wenig oder nichts im Wege steht.

Ohne Berücksichtigung der Lean-Prinzipien und der Menschen, die in dieser Kultur arbeiten, würden Projekte nicht erfolgreich sein – somit wäre Industrie 4.0 wirtschaftlich und gesellschaftlich weniger erfolgreich.