Logistik 4.0

Der Fluss von Informationen und realer Güter wird auch weiterhin im Mittelpunkt der Logistik stehen. Doch mehrere Triebkräfte sorgen für eine rasche Transformation zur Logistik 4.0. - Bild: geralt/pixabay

von Dr. Wolfgang Keplinger, ROI Management Consulting AG

Der Trucker-Spruch „Solange man keine Äpfel per Email verschicken kann, müssen wir uns die Straße teilen!“ gilt auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Noch. Doch er verliert an Gültigkeit. Natürlich werden der Fluss von Informationen und von Gütern weiterhin im Mittelpunkt der Logistik stehen. Doch mehrere Triebkräfte sorgen für eine rasche Transformation zur Logistik 4.0: erstens ein deutlich geändertes Kundenverhalten, zweitens neue ökonomische Spielregeln und drittens neue technologische Chancen. Welche Kenntnisse und Fähigkeiten für eine aktive Gestaltung dieses Wandels notwendig sind, zeigen drei Megatrends der Logistik 4.0.

1. Immer on – das neue digitale Konsumverhalten

Eine neue Generation von Digital Natives und Smarter (Grey) Usern agiert zum Teil kontinuierlich im Internet, zuweilen sogar gleichzeitig auf mehreren Kanälen. Diese Generation empfindet den permanenten Umgang mit Smart Devices als selbstverständlich – und ebenso die damit verbundenen Möglichkeiten der kontinuierlichen Lokalisierung sowie der kurzfristigen Bedarfsgenerierung und Bedarfsredirektion. Damit geht ein Bedürfnis einher nach immer mehr Produkt- und Service-Individualisierung. Für die Logistik heißt das, dass Bedarfe immer später und spontaner generiert werden, die Waren über gänzlich neue Kanäle der Shareconomy transportiert werden („in meinem Auto ist noch freier Platz“) und die Zustelladressen sich noch während der Zustellung ändern können.

2. Logistische Superlative keine Ausnahme, sondern Norm

Dieses Konsumverhalten hat bereits neue oder veränderte Logistik-Dienstleister hervorgebracht: DHL meisterte die Wende vom Staatsbetrieb zum wettbewerbsfähigen Technologieführer, Amazon rückt(e) den Kunden in den Mittelpunkt aller Überlegungen und schuf auf dieser Basis einen neuen Logistikstandard. Und Zalando beweist sich nicht nur als pfiffiger Schuhprovider, sondern auch als Weltmeister der Reversed Logistics. Das, was vor ein paar Jahren noch als „logistischer Superlativ“ galt, ist offenbar mittlerweile logistische Normalität. Hierbei werden Logistiklieferungen und Logistikservices also

  • immer kurzfristiger eingesteuert, was zu einer steigenden Volatilität der Bedarfe führt
  • immer rascher und schneller geliefert – nach ersten Tests für Zwei-Stunden-Lieferungen rückt bereits die halbstündige Lieferung mit der Drohne als nächstes Ziel in den Bereich des Machbaren
  • immer transparenter, da Echtzeit-Tracking und Tracing Standard ist
  • immer günstiger, bequemer, spontaner und fehlerfreier – wodurch allerdings auch Fehlertoleranz und Loyalität der Kunden stetig abnehmen.

3. Neue Logistik-Geschäftsmodelle dank kollaborativer Lieferketten

Etablierte Logistik-Dienstleister oder produzierende Unternehmen werden in der Logistik 4.0 Lager, Distributionszentren, City-Hubs, Transporte aber auch die Reversed-Logistics-Chains kollaborativ nutzen. Dabei entstehen nicht nur lokal, sondern auch global logistische Supernetzwerke, um schnellere und effizientere Lieferungen zu ermöglichen. Immer mehr spezialisierte und dedizierte Logistikdienstleister und Start-ups werden in diese Supernetzwerke integriert. Zudem entstehen dank IoT und Cloud-Computing nicht-materielle, also webbasierte Logistics-as-a-Service, Logistics on demand und Logistics Marketplaces. 

Besonders wichtig sind die folgenden Trends:

On-demand delivery, also die Zustellung exakt bei Kundenbedarf, unabhängig von Dienstzeiten der etablierten Logistik-Unternehmen und unabhängig von der Kurzfristigkeit des Bedarfs. Damit werden neue Wettbewerbsmodelle für die erste und letzte Meile geschaffen. Beispiele sind My Ways, MyTaxi, mitpackgelegenheit oder UberRush.

Multi-Kanal-Modelle als neue Voraussetzungen für ein effizientes Logistikmanagement. Immer mehr Unternehmen bedienen gleichzeitig mehrere Vertriebskanäle. Die „Logistik 4.0“ muss dabei also alle Kanäle nach deren spezifischen Anforderungen bedienen und soll dabei gleichzeitig effizient sein. Dies funktioniert nur mit Hilfe von neu entwickelten Standard-Prozessen, die modulartig je nach Bedarf und Vertriebskanal zum Einsatz kommen.

Über das IoT integrierte low cost-sensors erhöhen die zugängliche Datenmenge für alle Logistik-Unternehmen drastisch. Damit lassen sich in Echtzeit einzelne Gegenstände lokalisieren oder das tatsächliche Kundenverhalten digital abbilden. Zwar werden somit einerseits die Lieferketten durch die wachsenden Datenmengen immer schwieriger kontrollierbar – andererseits werden aber die Algorithmen der Big Data Analytics immer smarter und so ein Teil der Lösung zur Beherrschung dieser Komplexität.

Veränderungstreiber der Logistik 4.0

Veränderungstreiber der Logistik 4.0
Mehrere Triebkräfte sorgen für eine rasche Transformation zur Logistik 4.0: ein deutlich geändertes Kundenverhalten, neue ökonomische Spielregeln und neue technische Chancen. - Grafik: © Dr. Wolfgang Keplinger, ROI