Martin Haas: "Deutsche Ingenieurskunst und ausgefeilte Technik sind kein Garant mehr für eine

Martin Haas: "Deutsche Ingenieurskunst und ausgefeilte Technik sind kein Garant mehr für eine erfogreiche Zukunft. Produkte sind leicht analysier- und kopierbar, innovative Prozesse und Strukturen hingegen kaum."- Bild: Staufen AG

Produktion: Warum braucht es überhaupt Innovationen? Der deutschen Industrie geht es doch gut…
Martin Haas: Innovationen schaffen die Voraussetzung dafür, dass dies auch so bleibt, und entscheiden über den langfristigen Erfolg von Unternehmen. Zahlreiche Untersuchungen belegen diesen Zusammenhang.

So wachsen laut einer aktuellen Studie der KfW Umsätze und Beschäftigtenzahl in innovativen mittelständischen Firmen um rund 40 % schneller als in Unternehmen, die auf Produkt- oder Prozessinnovationen verzichten. Diese Erfahrung machen wir auch in unseren Kundenprojekten.

Produktion: Wie beurteilen Sie denn das aktuelle Innovationsverhalten der deutschen Wirtschaft?
Martin Haas: Höhere Gewinne sollten für die Industrie eigentlich ein Ansporn sein, Innovationen zu fördern. Doch offenbar ist derzeit das Gegenteil der Fall: Die Bereitschaft des Mittelstandes, unbekanntes Terrain zu betreten, sank im dritten Jahr in Folge.

Der Anteil innovativer Unternehmen liegt inzwischen sogar niedriger als in den Jahren 2007 bis 2009. Besonders an Innovationskraft eingebüßt haben Unternehmen aus dem forschungs- und entwicklungsintensiven Verarbeitenden Gewerbe, also auch Maschinenbau und Elektrotechnik.

Produktion: Stichwort disruptive Innovationen – ist das nicht nur ein Modebegriff?
Martin Haas: Das mag auf den ersten Blick so wirken. Doch versetzen wir uns zehn Jahre zurück: Taxiunternehmen hätten 2005 nie für möglich gehalten, dass ihr Geschäftsmodell überhaupt angreifbar ist.

Versetzen wir uns nun fünf Jahre zurück: Die Automobilindustrie hätte 2010 die Idee eines iCars von Apple als völlig abwegig verlacht. Und jetzt versetzen wir uns nur zwei Jahre in die Zukunft und überlegen, wie die Digitalisierung traditionelle industrielle Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Elektroindustrie oder Automobilindustrie bis dahin verändert haben könnte. So schnell wird ein ‚Modebegriff‘ ziemlich real.

Produktion: Welche Auswirkungen erkennen Sie denn schon heute?
Martin Haas: Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer spricht von einer Zeitenwende für die Industrie. Deutsche Ingenieurskunst und ausgefeilte Technik sind kein Garant mehr für eine erfolgreiche Zukunft. Und BMW-Chef Norbert Reithofer hat recht, wenn er mahnt: ‚Das geht am Anfang ganz langsam. Und man unterschätzt es am Anfang‘.

Produktion: Sind die Unternehmen in ihren Bemühungen zu einseitig?
Martin Haas: Die klassische Forschungsarbeit in der Industrie konzentriert sich auch heute noch auf die Entwicklung von Produkten: Maschinen sollen immer besser und leistungsfähiger werden, das zeichnet deutsche Ingenieurskunst aus.

Innovation aber bedeutet mehr. Innovativ ist ein Unternehmen gerade dann, wenn es das Innovationsstreben auf Geschäftsmodelle, Prozesse und Strukturen ausdehnt. Produkte sind prinzipiell leicht analysier- und kopierbar, innovative Strukturen und Prozesse hingegen kaum.

Produktion: Wie sieht der Weg zum Innovationsführer aus?
Martin Haas: Entscheidend für die deutsche Industrie ist der Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette. Es gilt für die Unternehmen, neue Leistungen anzubieten, die den direkten Zugang zu ihren Abnehmern für die Zukunft sicherstellen.

Zum Beispiel, indem Maschinenbauer die beim Kunden anfallenden Daten ihrer Anlagen selbst intelligent aufbereiten. Ihnen aufgrund dieser Analysen mitteilen, wann die Wartung fällig ist, wo es bei der Maschinenbedienung hakt oder wie der Energieverbrauch reduziert werden kann.

Diese Daten liefern den Maschinenbauern selbst gleichzeitig neue Hinweise, wie sie ihre Anlagen noch weiter verbessern können. Solche Angebote sind ein Muss für den industriellen Mittelstand. Für sie gilt es, Raum zu schaffen.

Produktion: Industrie 4.0 ist derzeit das Schlagwort in der Industrie. Wie geht China damit um?
Martin Haas: China entwickelt sich zur Innovationsfabrik. Die Firmen setzen alles dran, mithilfe der Digitalisierung der Industrie einen Schritt in der Wirtschaftsentwicklung zu überspringen und mit uns gleichzuziehen oder uns gar zu überholen.

Produktion: Und das bedeutet konkret?
Martin Haas: Anders als bisher wird China künftig weniger mit ausländischen Know-how-Trägern zusammenarbeiten, sondern frühzeitig eigene Ideen patentieren. Das wird zu einem Rückgang der deutsch-chinesischen Partnerschaften, wie wir sie heute kennen, und zu einer wachsenden Konkurrenz im Hightech-Sektor führen.

Produktion: Wie lässt sich ein gutes Innovationsklima im Produktionsunternehmen schaffen?
Martin Haas: Unsere Erfahrung zeigt: Die Innovationskultur in vielen deutschen Industrieunternehmen bietet – vorsichtig gesagt – noch reichlich Potenzial.

Hier ist die Geschäftsführung in der Pflicht. Sie sollte das konsequente Streben nach Innovationen als einen wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur betrachten. Das bedeutet auch: Unkonventionelles Denken und Handeln zu belohnen.

Vita

Martin Haas

ist Gründer und Vorstand der auf Lean Management spezialisierten Unternehmensberatung Staufen AG. Nach dem Maschinenbaustudium war er für viele Jahre sowohl für Industrieunternehmen (zum Beispiel Daimler-Benz) als auch die angewandte Forschung (Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation) in Linien- und Führungsverantwortung. Unter anderem durch Japanreisen Anfang der 90er Jahre für das Thema Lean Management begeistert, startete Haas 1992 in die Selbständigkeit.

Produktion: Und wie genau kann ein Mittelständler seine Mitarbeiter innovativer machen?
Martin Haas: Eine aktuelle Innovationsstudie von Staufen zeigt: Innovationen finden in vielen Unternehmen in Überstunden oder nach Feierabend statt. Hauptberufliche Innovationsmanager gibt es selten, selbst jedes zweite große Unternehmen verzichtet darauf. Zudem stoßen neue Ideen nicht immer auf ein offenes Ohr.

Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern Raum geben für Innovationen, diese aber gezielt in einem strukturierten Prozess fördern.

Mittels Lean-Innovation-Methoden schaffen es auch mittelständische Unternehmen, Innovationspotenziale richtig zu erkennen, einzuschätzen und zielgenau sowie Kosten effizient umzusetzen.

Maren Kalkowsky