Muss die DHL um einen ihrer größten Kunden bangen? Schleichend hat der Onlineversand-Riese Amazon begonnen, eigene Logistikdienstleistungen aufzubauen.

Nach dem wochenlangen Poststreik flattert der DHL gleich die nächste Hiobsbotschaft ins Haus. Offenbar plant Amazon, einer der schwergewichtigsten Partner des Logistikunternehmens, die Auslieferung seiner Waren zumindest teilweise auf eigene Füße zu stellen. Nach Testprogrammen in den USA, Frankreich und Großbritannien unternimmt Amazon damit auch in Deutschland erste Schritte zum Aufbau eigener Logistik. Hinweis darauf geben Einträge ins Handelsregister; eine offizielle Stellungnahme von Seiten Amazons gibt es bislang nicht.

Amazon drängt ins Logistik-Geschäft

Nun ist seit Kurzem in München ein Unternehmen namens „Amazon City Logistics“ registriert, dass laut Eigenbeschreibung im Handelsregister die “Erbringung logistischer Dienstleistungen, insbesondere Transport, Umschlag und Lagerung” plant. Geschäftsführer: Amazons Logistik-Manager Armin Cossmann. Auch Personal wird bereits gesucht, wie aus Stellenausschreibungen hervorgeht.

Obwohl dies eine mehr als deutliche Sprache spricht, hat sich Amazon bislang nicht öffentlich zu den Vorgängen geäußert. Einen Einzelfall stellt die deutsche Logistik-Offensive allerdings nicht dar. Vielmehr fügt sie sich lückenlos in die globale Strategie des Konzerns, der auf die stetig steigenden Logistikkosten zunehmend mit Bemühungen reagiert, sich von externen Dienstleistern zu emanzipieren.

Schließfächer und Abhol-Stores: Amazon rüstet auf

In New York bietet Amazon schon seit geraumer Zeit hauseigene Spezialdienstleistungen, beispielsweise Kurierlieferungen innerhalb einer Stunde. Aber auch in Europa drängt der Onlinehändler verstärkt ins Logistik-Geschäft. In den dicht besiedelten Teilen Großbritanniens betreibt Amazon eigene Schließfächer, in denen Kunden – ähnlich wie bei den DHL-Packstationen – die bestellte Ware selbst abholen können. Ergänzt wird das Angebot durch sogenannte Collect+-Stores. Über den Zeitungsgrossisten Smith-News kann man sich die Pakete darüber hinaus an über 500 Kioske liefern lassen. Zum Teil kann die Ware so noch am selben Tag abgeholt werden; sobald sie angekommen ist, werden die Kunden per E-Mail benachrichtigt.

Auch in Frankreich setzt Amazon immer mehr auf kreative Lösungen, die vorhandene Strukturen nutzen und die Dienste von Logistikunternehmen langfristig gänzlich überflüssig machen könnten. Medienberichten zufolge laufen derzeit Verhandlungen mit verschiedenen Einzelhandelsketten über das Aufstellen von Amazon-Schließfächern, an denen die Kunden die Pakete selbst abholen können.

Bange Zukunftsaussichten für die DHL

Was Amazons Maßnahmen für den Logistik-Partner DHL bedeuten, lässt sich nur spekulieren. Da noch keine offizielle Stellungnahme von Amazon vorliegt, wollte sich auch die Post-Tochter bislang nicht dazu äußern. Im Unternehmen gehe man aber davon aus, dass die langjährige gute Zusammenarbeit auch in Zukunft eng fortgesetzt wird.

Dass Amazon die Partnerschaft von heute auf morgen aufkündigt, ist kaum zu erwarten. Beobachter gehen davon aus, dass Amazon zunächst testweise einzelne spezielle Dienstleistungen anbieten wird, die vermutlich auch nicht das ganze Bundesgebiet abdecken dürften. Für die DHL ist die Entwicklung dennoch alles andere als rosig. Schon das Wegbrechen eines kleinen Segments der Aufträge des Versandriesen könnte für das Unternehmen äußerst schmerzhaft ausfallen.

Rolf Hate