Auf einer Karte stehen sich Lkws auf EU- und Großbritannien-Seite gegenüber

Durch den Brexit hat sich der Handel verändert. - Bild: brainwashed 4 you – stock.adobe.com

Seit dreieinhalb Monaten ist Großbritannien offiziell aus der Europäischen Union ausgeschieden. Welche Auswirkungen das hat, zeigt sich jetzt langsam. So ist zum Beispiel der deutsche Export nach Großbritannien eingebrochen. Das Statistische Bundesamt hat erklärt, dass für Januar 2021 ein Rückgang von rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erwartet wird.

Nachdem Großbritannien nicht nur aus der EU, sondern auch aus der Zollunion und dem Binnenmarkt ausgeschieden ist, sind seit Januar in einigen Branchen Zölle fällig. Auch Warenkontrollen werden durchgeführt.

Bei all den Diskussionen um den Brexit: Das Abkommen sei ein faires, sagte David McAllister, EU-Abgeordneter der CDU und Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Europäischen Parlament auf einer Veranstaltung des Wirtschaftsrates der CDU Baden-Württemberg. Die Alternative wäre ein ungeordnetes Ausscheiden aus der EU gewesen – mit all den verheerenden Konsequenzen für Bürger und Unternehmen, so der Politiker. Er stellte aber auch klar: Einen reibungslosen Handel wie vorher kann und werde es nicht mehr geben können.

„Kein Abkommen hätte die Stimmung zwischen der EU und Großbritannien auf viele Jahre negativ beeinflusst“, sagte auch Dr. Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer.

Wie sich der Brexit im Januar auf die Industrie ausgewirkt hat, sehen Sie in der Grafik:

Die Tabelle zeigt: Vor allem bei Industriemaschinen und dabei besonders bei Vorleistungsgütern sind die Exporte eingebrochen.
Vor allem bei Industriemaschinen und dabei besonders bei Vorleistungsgütern sind die Exporte eingebrochen. - Tabelle: Anja Ringel; Quellen: GTAI, Britisches Statistikamt

Und wie war die Wirtschaft auf den Brexit vorbereitet? Er habe den Eindruck, dass die britische Regierung es versäumt hat, die Firmen auf den EU-Ausstieg vorzubereiten, sagte McAllister. Deutsche Unternehmen hätten dagegen – unter anderem aufgrund der IHK – besser gewusst, auf was sie sich einstellen müssen.

In der Praxis macht sich der Brexit aber dennoch bei den Firmen bemerkbar, wie das Beispiel Trumpf zeigt: Das Ditzinger Unternehmen hat in Großbritannien drei Standorte mit einem jährlichen Umsatz von rund 140 Millionen Euro. Neben dem Vertrieb gehe es auch um die Fertigung von Lasergeneratoren und Komponenten, erklärte Dr. Andreas Möller, Leiter der Unternehmenskommunikation von Trumpf, der die Veranstaltung moderiert hat. „Wir verbuchen in der gesamten Gruppe zurzeit einen steigenden Auftragseingang mit Zuwachsraten gemessen am Vorjahr. Der Umsatz hängt dem allerdings noch hinterher aus unterschiedlichen Gründen“, so Möller.

Aufgrund der Pandemie können zum Beispiel Maschinen oder entsprechende Teile nicht immer in der gewünschten Geschwindigkeit zum Kunden geliefert werden. Die Frachtkapazitäten seien global eingeschränkt, Container müssen aufgrund von Quarantäneverordnungen teilweise tagelang stehenbleiben.

Trumpf: Lieferkette wird durch Brexit beeinträchtigt

Mit Blick auf den Brexit hat Trumpf zu Beginn des Jahres eine Doppel-Belastung durch EU-Austritt und Corona-Pandemie gespürt. „Das Verzollen kostet zusätzlich Zeit, die Kunden beim Ordern nicht haben. Es kommen Ersatzteile nicht ordnungsgemäß ein, die Lieferkette wird dadurch beeinträchtigt“, berichtete Möller.

Auch im Bereich der technischen Dienstleistungen erwartet Trumpf durch den Brexit zusätzliche Einschränkungen – zum Beispiel bei Reisen von Monteuren und Servicetechnikern. Möller erklärte: „Der Zeitverlust könnte sich sowohl beim Warenverkehr als auch bei den Servicedienstleistungen für unsere Maschinen zum Nadelöhr entwickeln.“

Grenzüberschreitender Dienstleistungsverkehr werde künftig schwieriger werden, erklärt auch Hoppe. Der Grund: Visabeschränkungen. Als Verlierer des Brexits sieht er außerdem die kleineren Unternehmen, für die sich der britische Markt aufgrund der Mehrkosten durch mehr Formalitäten nicht mehr lohnen wird. Er rechnet zudem damit, dass die Preise steigen werden, was vor allem die britischen Konsumenten treffen wird.

Deutsch-britischer Handel: Es gibt Anzeichen für Stabilisierung

Die Brexit-Unsicherheit wird den deutsch-britischen Handel nach Einschätzung des Außenhandelsexperten Marc Lehnfeld von Germany Trade and Invest (GTAI) noch länger belasten. „Die dringend benötigte Aufbruchsstimmung bleibt weiter aus“, sagte er in London der Deutschen Presse-Agentur.

Bereits im vergangenen Jahr hatten der Brexit, aber auch die Coronakrise deutliche Spuren im Handel zwischen Deutschland und Großbritannien hinterlassen. Die deutschen Exporte in das Vereinigte Königreich sanken im Vergleich zum Vorjahr um 15,5 Prozent auf 66,9 Milliarden Euro. Das war der stärkste Rückgang seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 (minus 17 Prozent).

Dennoch gebe es Anzeichen, die für eine Stabilisierung sprechen, sagte Lehnfeld. Als wichtigen Schritt nannte der Experte die Entscheidung der britischen Regierung von vergangener Woche, die Ausweitung der Zollkontrollen um ein halbes Jahr bis Januar 2022 zu verschieben.

Außerdem positiv: Die Bedingungen für deutsche Exporteure seien gut, weil die Corona-Belastung für die Wirtschaft schwinde und die britische Wirtschaft wieder an Fahrt gewinne, erklärte Lehnfeld.

Brexit: Eine Frage bleibt

In bestimmten Branchen gebe es gute Absatzchancen. „Ein starker Ausbau des Offshore-Windenergie-Geschäfts im Königreich, dem ohnehin größten Offshore-Windmarkt der Welt, hohe Investitionen in neue staatliche Krankenhäuser und milliardenschwere Verkehrsinfrastrukturprogramme machen die Insel auch mit Zollgrenze attraktiv“, sagte der Experte. Der Handel werde sich daher wieder einspielen. Fraglich bleibe aber das Niveau.

Der Brexit – und natürlich die Corona-Pandemie – haben übrigens auch Auswirkungen auf die Stimmung in den Unternehmen: Über die Hälfte (54 Prozent) geht für 2021 von sinkenden Umsätzen aus. 31 Prozent rechnen sogar mit einem starken Rückgang. Das geht aus dem German British Business Outlook 2021 hervor, der jährlichen Umfrage des British Chamber of Commerce in Germany und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Zum Vergleich: Im Vorjahr rechneten nur 30 Prozent der Befragten mit Brexit bedingten Umsatzrückgängen und fünf Prozent mit starken Rückgängen.

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