Ölpumpe Silhouette vor Deutschlandflagge

Deutschland ist derzeit von fossilen Energieträgern abhängig. (Bild: ink drop - stock.adobe.com)

Der letzte hat es nun verstanden: Deutschland ist nicht in der Lage, sämtliche für Industrie und Privathauhalte benötigte Energie selbst herzustellen, sondern ist abhängig von Importen. Die Frage, ob und in welchem Umfang wir heizen, beleuchten, produzieren und mobil sein können, beantworten andere, die uns nicht immer wohlgesonnen sind.

Gas macht es sichtbar: Es wird zu Verteilungskämpfen kommen. Schon jetzt streitet die Gesellschaft darum, was sie eher bereit ist auszuhalten: in Mietwohnungen frierende Menschen oder Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, weil Industrieunternehmen aus Gasmangel ihren Betrieb einstellen müssen. Vermutlich werden wir daran nichts mehr ändern können.

Nun schwenkt die Industrie um, wo sie kann. Um der russischen Umklammerung zu entkommen, wollen viele Großunternehmen statt Gas nun Öl verbrennen und begeben sich dabei von einem Würgegriff in den nächsten: denn Russland ist noch immer einer der größten Lieferanten dieses Brennstoffs. Die „Runde 2“ des Moskauer Katz- und Maus-Spiels kann also beginnen.

Hier hat Deutschland seinen technologischen Vorsprung verspielt

Selbst schuld: Erneuerbare könnten zwar nicht ohne weiteres sämtliche fossilen Energieträger ersetzen, aber die Abhängigkeit von ihnen drastisch reduzieren. Jedoch hat Deutschland seinen technologischen Vorsprung in Solar- und Windenergie leichtfertig verspielt.

Das mag Kostengründe gehabt haben, denn Solarmodule waren teurer als die aus (mutmaßlich subventionierten) Konkurrenzprodukte aus China. Jüngst hat aus diesen Gründen die letzte Rotorblattproduktion Deutschland in Richtung Indien verlassen.

Dabei sollte es nicht um Kosteneinsparung gehen, sondern um Zugriff, um Unabhängigkeit. Das Wissen um Entwicklung und Herstellung von Windrad, Solarmodul und Co. ist ja noch da – und mit Wasserstoff weiß man auch umzugehen. Eine perfekte Gelegenheit für den Kolumnisten, das Loblied auf Erneuerbare und in eigener Regie erzeugte Energie zu singen, die er aber verstreichen lassen möchte – denn es geht um viel mehr.

Alles Wissenswerte zum Thema CO2-neutrale Industrie

Sie wollen alles wissen zum Thema CO2-neutrale Industrie? Dann sind Sie hier richtig. Alles über den aktuellen Stand bei der klimaneutralen Industrie, welche technischen Innovationen es gibt, wie der Maschinenbau reagiert und wie die Rechtslage ist erfahren Sie in dem Beitrag "Der große Überblick zur CO2-neutralen Industrie".

Um die klimaneutrale Industrie auch  real werden zu lassen, benötigt es regenerative Energien. Welche Erneuerbaren Energien es gibt und wie deren Nutzen in der Industrie am höchsten ist, lesen Sie hier.

Oder interessieren Sie sich mehr für das Thema Wasserstoff? Viele Infos dazu gibt es hier.

Die Technologien der Zukunft haben andere

Deutschland hat es sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gemütlich gemacht. Im naiven Glauben an die Segnungen der Globalisierung hat es den Blick dafür verloren, dass derzeit die Macht auf dieser Welt neu verteilt und dabei mit harten Bandagen gekämpft wird.

Währenddessen hat Deutschland mit Hingabe seine Technologien des 20. Jahrhunderts gepflegt – Autos und Maschinen. Seine Alleinstellung hat es aber verloren, denn andere können dies auch. Und von denen gibt es täglich mehr.

Würde man die Weltwirtschaft als Ansammlung von Kaufhäusern sehen, in denen es Lebensmittel, Energie, Fahrzeuge, Maschinen, Bekleidung und mehr zu kaufen gibt, dann bietet das Kaufhaus Deutschland Technologien der Vergangenheit hat – für Liebhaber des Retrostils.

In diesem Kaufhaus Deutschland gibt es aber neben veralteten Produkten noch eine Abteilung für ungefragt erteilte Ratschläge an die andere, wie sie ihr Wirtschaftssystem und ihre Gesellschaft zu organisieren haben. Dies wirkt befremdlich oder gar anmaßend.

Die Technologien der Zukunft haben andere. Deutschland muss dort einkaufen gehen – und manchmal auch darum betteln, beliefert zu werden.

Zukunftstechnologien verstehen!

Die Technik entwickelt sich so schnell weiter wie noch nie. Neue Technologien halten ständig Einzug in unserem Leben. Natürlich heißt das nicht, dass alte Technologien verschwinden werden, aber die Relevanz wird sich verschieben. Welche Technologien und Konzepte wichtiger werden, was der aktuelle Stand ist und worin Chancen für die Industrie liegen, lesen Sie in unserer Rubrik "Zukunftstechnologien" - hier entlang!

 

Einen Überblick über die relevantesten Zukunftstechnologien und deren industrielle Einsatzmöglichkeiten hat unsere Redakteurin Julia Dusold in diesem Kompendium für Sie zusammengefasst: "Das sind die wichtigsten Zukunftstechnologien".

 

Wo sich Deutschland outgesourct hat

  • Ob Deutschland seine Produkte herstellen oder diese betreiben bzw. ob das hierfür entwickelte Know-how sicher transportiert und gelagert werden kann, bestimmen längst andere – die Anbieter von Netzwerk- und Cloudtechnologien. Deutschland hat ohne fremde Unterstützung keinen Zugriff auf seine eigenen Daten, kann sie weder speichern, noch versenden. Ja, es geht auch um Datensicherheit, vor allem aber darum, dass die Anbieter dieser Technologien Deutschlands Fabriken, Kraftwerke und Wasserwerke mit einem Mausklick stilllegen könnten. Dies ist mehr als fahrlässig, wenn Deutschland doch vermeintlich auf dem Weg von einer Industrie- zu einer Informationsgesellschaft ist und erkennen muss, dass aus gern angenommener Unterstützung Erpressung werden kann.

  • In weiten Bereichen des Geschäftslebens greift die sogenannte Plattformökonomie. Die Amazons dieser Welt schieben sich zwischen Kunden und Lieferanten, entwickeln dadurch eine enorme Marktmacht und diktieren die Bedingungen. Und nicht nur bei Konsumartikeln, sondern bald auch bei Industriegütern. Die Exportnation Deutschland hat hier nichts eigenes anzubieten und verliert ihren direkten Kundenkontakt.

  • Die Bundeswehr ist trotz ihrer enormen Kosten nicht in der Lage, das Land vor einer militärischen Bedrohung zu schützen. Den Schutz seiner Bevölkerung hat Deutschland an die NATO - faktisch an die USA - outgesourct. Gleiches gilt für Cybersecurity, die Deutschland nicht ohne technische Lösungen Dritter sicherstellen kann. Dazu passend ist, dass Deutschland kaum in der Lage ist, Bedrohungen zu erkennen, weil es auf die Erkenntnisse anderer Geheimdienste - zum Beispiel durch Übermittlung von Satellitendaten - angewiesen ist.

  • Deutschland hat die Gesundheit seiner Bürger nicht mehr in der Hand. Natürlich ist dieses Land stark in der High-Tech-Medizin - von MRT bis zur Herstellung von Implantaten macht diesem Land so schnell niemand etwas vor. Aber die einstige „Apotheke der Welt“ hat die Herstellung vieler Medikamente und Hilfsmittel, wie Atemschutzmasken an Dritte gegeben. Die vollumfängliche medizinische Versorgung in Deutschland ist vom Wohlwollen anderer Wirtschaftsräume abhängig. Also von Konkurrenten.

Mit anderen Worten: Deutschland wird derzeit herumgeschubst und droht zerrieben zu werden.

Eine Unabhängigkeitserklärung für Deutschland

Dies sollten wir ändern. Dabei geht es um Technologie, denn aus technologischer Stärke wird wirtschaftliche Stärke. Und aus wirtschaftlicher Stärke wird politische Stärke, die „ganz nebenbei“ für ein starkes Sozialsystem, eine starke Bildung und eine funktionierende Infrastruktur sorgt. Manch eine hitzige Verteilungsdiskussion, die wir gerade erleben müssen, wäre überflüssig.

Wir müssen wieder lernen stark und mächtig sein zu wollen – nicht um zu andere dominieren oder uns zu isolieren, sondern um aus der Position der Stärke heraus attraktiv zu sein – als Entwickler und Lieferant von zukunftsfähigen Produkten sowie eines Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.

Wir brauchen eine Vision – eine gemeinsame Agenda für 2050.

Wir brauchen eine Unabhängigkeitserklärung für Deutschland.

Der Mangel von heute ist die Abhängigkeit von morgen

Diese Mängel gibt es momentan:

  • Mangel an funktionierender Infrastruktur.

  • Mangel an Menschen, die diese Infrastruktur wieder instandsetzen oder gar ausbauen.

  • Mangel an funktionierenden Lieferketten. Ob wir mit Rohstoffen beliefert werden oder unsere Produkte den Kunden erreichen, entscheiden Hafengesellschaften, Reedereien und Anbieter von Frachtflügen.

  • Mangel an Leistungsbereitschaft, immer weniger Menschen haben Lust, sich anzustrengen. Fällt es auf, wie wenige Spitzenleistungen in Sport, Kunst und Forschung aus Deutschland kommen? Ich sage nicht, dass es niemanden mehr gibt – aber es werden immer weniger. Sich zu quälen für ein weit entferntes Ziel oder Leidenschaft für etwas zu entwickeln, ist offensichtlich nicht mehr angesagt.

  • Bildung: Mangel an Lehrern, Mangel an Fähigkeiten, guten Unterricht zu erbringen mit der Folge: Schülern mit erforderlichen Basiskompetenzen. Menschen werden in Scharen auf die Hochschulen getrieben, die entweder nicht studierfähig sind.
  • Und die es sind machen mehrheitlich einen großen Bogen um MINT-Fächer.

  • Mangel an Verständnis, wo unser materieller Wohlstand eigentlich herkommt. Wissen und innovative Technologie entsteht in den Köpfen der Menschen. Wir bringen es ihnen nicht mehr bei. Geringschätzung von Technologien

  • Diejenigen, die mit Technologien fit sind und ein Technologie-Unternehmen gründen wollen, denen schlägt Neid und Missgunst entgegen, Technologiefeindlichkeit, Industriefeindlichkeit und überbordende staatliche Bürokratie

  • Wenn Studenten von TEC-Unternehmen sprechen, meinen sie Google, Apple, Facebook (Hat der Begriff Technologie einen Wandel bekommen?)

Deutschland ist ein Junkie, Abhängigkeit von grundlegenden Dingen. Viele Mangelsituationen lassen weitere Abhängigkeiten erwarten. Viele der Abhängigkeiten haben einen gemeinsamen Nenner: Technologie.

Die Aufwendungen für Bildung, Sozialleistungen, medizinische Versorgung und eine funktionierende Infrastruktur müssen erwirtschaftet werden. Wir erwirtschaften materiellen Wohlstand nicht durch Rohstoffexport oder Handel, sondern durch Innovation und Technologie.

Das ist Andreas Syska

Andreas Syska
(Bild: Syska)

Unseren Kolumnisten Prof. Dr. Andreas Syska hat die Faszination für Technologie und ihre Möglichkeiten für ein besseres Miteinander sein gesamtes Berufsleben begleitet. Nach seinem Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung tätig. Dort hat er sich mit Fragen des IT-Einsatzes in der Produktion beschäftigt und dabei auch eine Reihe von Industrieprojekten durchgeführt.

 

Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. ist er in die Industrie gewechselt - und zwar zur Robert Bosch GmbH nach Stuttgart. Dort war er zunächst Assistent in der Werkleitung und wurde Produktionsleiter bei einer Tochtergesellschaft des Konzerns. Danach ist er zurück in seine alte Heimat - das Rheinland - und hat sich dort als Berater für Fabrikorganisation selbständig gemacht.

 

Kurze Zeit später hat er einen Ruf an die Hochschule Niederrhein nach Mönchengladbach erhalten. Dort vertritt er seitdem das Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement und versucht seinen Studenten sowie seinen Kooperationspartnern in der Industrie ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiterzugeben.

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