Ingenieurin spaziert durch Fabrikhalle mit Augmented-Reality-3D-Modellen

Das Thema Digitalisierung ist auch in der Produktion angekommen. (Bild: Gorodenkoff - stock.adobe.com)

In den vergangenen Jahren habe ich mehr als 50 Werke in der ganzen Welt besucht. Von der Lebensmittelindustrie bis zum Hightech-Großmaschinenbau, vom Familienunternehmen bis zum Großkonzern. In Hinblick auf die Digitalisierung gibt es noch sehr viel zu tun. Es ist bemerkenswert, welchen Stellenwert handschriftliche Notizen, Strichlisten und ähnliches noch in vielen Industriebetrieben haben. Dies spiegelt sich auch in Zahlen wider: Aktuellen Studien zufolge werden bis zu 80 Prozent der täglichen Aufgaben in der Fabrik immer noch mit Papier und Excel koordiniert. Das führt zu massiven Produktivitätsverlusten - Experten gehen von bis zu 45 Prozent Zeitverschwendung durch fehlende Digitalisierung in der Produktion aus - und zunehmende Unzufriedenheit bei Fachkräften. Beides in Hinblick auf den herrschenden Fachkräftemangel schwer zu tolerieren.

Fragt man Fach- und Führungskräfte quer durch die Branchen: Die Zeit ist reif für Veränderung. Mitarbeitende sind oft unzufrieden darüber, ihre im Privatleben selbstverständliche digitale Ausstattung (Smartphone, Smartwatch und Alexa) – und damit verbundene Digitalkompetenz – quasi am Werkstor abgeben zu müssen und auf Arbeitsmethoden des letzten Jahrtausends zurückgreifen zu müssen. Gleichzeitig ist aber auch Digitalisierungsmüdigkeit spürbar: Niemand ist mehr bereit, sich auf große IT-Projekte mit ihren langwierigen Lastenheftphasen, großen Budgets und endlosen Steering Committees einzulassen.

Dr. Jan-Marc Lischka
Unser Gastkolumnist Dr. Jan-Marc Lischka ist Co-Founder von 5thIndustry. Das Unternehmen entwickelt Software-Applikationen zum Digitalisieren der industriellen Produktion. (Bild: 5thIndustry)

"New Work" ist nicht nur ein Buzzword

So ging es auch Viktoria Schütz, die ich vor einem halben Jahr im Berliner Maschinenraum traf. In der zweiten Generation ist sie Geschäftsführerin des Hightech-Maschinenbauers Deguma. Gemeinsam mit ihrer COO Daniela Dingfelder gestaltet sie das Traditionsunternehmen zu einem modernen, digitalen und auf Augenhöhe geführten Betrieb um. In unserem Gespräch berichtete sie mir von der langwierigen Suche nach einem ERP-System: Mit einer spürbaren Frustration und dem Gefühl den Betrieb zu lähmen bzw. in der Implementierung „die Seele verkaufen zu müssen“. Verständlich, denn viel zu oft bedeuten IT-Projekte in der Produktion: Top-Down-Dinge ausrollen, Prozesse an die Software anpassen und Mitarbeiter zum Jagen tragen müssen. Das passt nicht zu einer modernen Führungskultur und wird den Menschen nicht gerecht.

Es hat sich gezeigt: Es geht auch anders - mit einem schlanken Ansatz. Mit dem Grundgedanken und der Vorgehensweise des Design Thinking. Mit den Mitarbeitern der Produktion auf Augenhöhe. Speziell wenn es um die digitale Gestaltung der täglichen Arbeit geht, ist „New Work“ nämlich nicht nur ein Buzzword. Es ist Erfolgsfaktor. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man Mitarbeitern Lösungen vorsetzt, oder sie (mit den richtigen Werkzeugen) ihre digitale Arbeitsumgebung selbst gestalten lässt. So ist eine Anwendung entstanden, die die wesentlichen Ziele eines ERP-Systems erfüllt, Raum zum Wachsen lässt und die Mitarbeiter in ihrer Digital- und Veränderungskompetenz bestärkt.

Podcast: Christina Reuter über die Digitalisierung bei Airbus

Wie die Produktion in fünf Jahren aussehen soll

Meine Vorstellung: In 5 Jahren arbeiten wir in der Produktion genauso selbstverständlich mit intuitiven digitalen Lösungen wie in unserem Privatleben. Damit erreichen wir das nächste Level an Transparenz, gewinnen wertvolle Daten für kontinuierliche Verbesserungsprozesse, erzeugen Informationssymmetrie in Echtzeit und – last but not least: Heben wertvolle Produktivitätspotenziale, die Produktion in Deutschland dringend benötigt.

Für den Weg dahin braucht es noch eine Menge Veränderung: Die Herausforderung ist keine technische, sondern eine kulturelle. Beispiele wie Deguma zeigen: Es funktioniert. Mit Mut, Veränderungswillen und einem modernen Verständnis von Führung. Packen wir es an.

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