Kartell

Sollten sie wirklich ein Kartell gebildet haben, drohen den deutschen Autobauern hohe Strafen. - Bild: Pixabay

| von Stefan Weinzierl

Auf die deutschen Automobilkonzerne könnten hohe Strafzahlungen zukommen, kommentiert Equinet die Kartellvorwürfe, die ein Bericht des Spiegel erhebt. Diese Strafen könnten deutlich höher ausfallen als die 3 Milliarden Euro, die 2016 im Fall des Nutzfahrzeugkartells verhängt wurden.

Da sich die Strafen am Umsatz der Unternehmen orientierten (10 Prozent des Umsatzes während des untersuchten Zeitraums), seien theoretisch extrem hohe und potenziell existenzgefährdende Strafzahlungen möglich. Andererseits betrügen die tatsächlich verhängten Strafen meist nur einen Bruchteil dessen, was potenziell möglich sei. In der EU beliefen sich die Strafen in der Regel auf das Sechsfache des Gewinns der beteiligten Unternehmen.

Volkswagen könnte unter Umständen sogar ohne Strafe davonkommen, wenn das Unternehmen als Hinweisgeber eingestuft würde. Da bei dem Konzern allerdings schon eine Hausdurchsuchung (wenn auch wegen eines anderen Verdachts) stattgefunden habe, sei das aber keineswegs sicher.

Equinet sieht überdies Schadensersatzforderungen der Zulieferer auf die Automobilkonzerne zukommen. Das seien die Zulieferer, die unter dem Kartell gelitten hätten, nicht zuletzt ihren Aktionären schuldig. Es dürfte allerdings im Interesse beider Seiten sein, sich hier schnell und effizient (d.h. kostengünstig) zu einigen.

Wohl keine Gnade zu erwarten

Die laufenden Ermittlungen wegen der Diesel-Affäre dürften von den nun erhobenen Kartellvorwürfen ebenfalls negativ beeinflusst werden, vermutet Equinet. Die Absprachen belegten, dass die Hersteller bewusst höhere Abgaswerte als erlaubt in Kauf genommen hätten, um die Kosten zu drücken. Daher dürften besonders die deutschen Behörden keine Gnade walten lassen. Die Autohersteller könnten zu einem Rückruf von Dieselfahrzeugen gezwungen werden, dessen Kosten weit über den 220 Millionen Euro für 3 Millionen Fahrzeuge liegen dürften, die der freiwillige Rückruf von Daimler koste.

Im Fall von Daimler dürften auch die laufenden Ermittlungen in den USA negativ beeinflusst werden, meint Equinet. Die Analysten hatten den zu erwartenden Maximalverlust für den Konzern bislang auf 1,6 bis 3,8 Milliarden Euro geschätzt.

Der Ansehensverlust der Marken werde geringere Absatzzahlen und niedrigere Verkaufspreise zur Folge haben. Dieser Effekt sei für gewöhnlich aber kurzlebig.

Dieselgate: Der VW-Abgas-Skandal in Bildern

Als Folge des neuen Skandals seien strengere regulatorische Vorgaben der einzelnen Regierungen und der EU zu erwarten, die die gesamte Automobilbranche betreffen dürften.

Alles in allem seien dies negative Nachrichten für die Branche. Wahrscheinlichkeit und Umfang der Risiken ließen sich kurzfristig nicht beziffern. Diese Ungewissheit dürfte den Sektor daher vorerst belasten. Die Zulieferer, die in der vergangenen Woche ebenfalls unter Druck geraten seien, dürften nicht direkt betroffen sein.

Basierend auf der bisher bekannten Faktenlage sieht Equinet das größte Risiko bei Daimler, gefolgt von BMW und VW. Daimler stehe schon wegen der laufenden Ermittlungen im Dieselskandal in den USA und Europa unter besonderer Beobachtung. Volkswagen habe dagegen in den USA die Diesel-Manipulationsvorwürfe durch verschiedene Vergleiche beigelegt und könnte daher noch am glimpflichsten davonkommen. Sollte der Wolfsburger Konzern als Hinweisgeber eingestuft werden, könnte er sogar einer Kartellstrafe entgehen.

Ruland: Auto-Krise beschleunigt Umstellung zu Elektro-Pkw

Sollten sich die Vorwürfe des Spiegel zu den Kartellabsprachen der deutschen Automobilindustrie als richtig erweisen, könne die EU Strafzahlungen bis zu 10 Prozent des Umsatzes der Unternehmen verhängen, wie Ruland Research hervorhebt. Das entspräche einer Summe von 46,6 Milliarden Euro, gleichzusetzen mit 25,7 Prozent der Marktkapitalisierung der Unternehmen (Stand Schlusskurse vom Freitag). Dies werde so nicht geschehen wegen der Bedeutung, die die Unternehmen für den Arbeitsmarkt spielen. So werde gesagt, dass jeder siebte Job in Deutschland direkt oder indirekt mit der Branche zusammenhänge.

Die Aufdeckung der Affäre könnte indes eine gute Nachricht für die Zulieferer sein, die unter Preisabsprachen gelitten haben könnten. Eine sehr gute Nachricht sei es auf jeden Fall für Anwaltskanzleien. Der Vorgang werde überdies den Prozess hin zu Elektro-Pkw beschleunigen, der an sich schon eine Gefahr für Arbeitsplätze darstelle, da die Fahrzeuge einfacher herzustellen seien und viel weniger Komponenten benötigten. Der Sektor sei seit Jahresbeginn hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben, was so lange anhalten dürfte, bis Klarheit herrsche. Ruland rät die Aktien zu meiden.

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Investoren strafen OEMs ab

Die großen deutschen Autokonzerne kommen auch am Montag an der Börse deutlich unter Druck. Investoren reagieren alarmiert auf die schwerwiegenden Kartellvorwürfe und schicken die Aktien von Daimler, Volkswagen und BMW auf Talfahrt. Dem Münchener Premiumhersteller hilft dabei nicht, dass er die Vorwürfe zumindest in Teilen zurückgewiesen hat.

Den stärksten Abschlag weist die Aktie von VW auf, die um 3,6 Prozent nachgibt. Daimler verlieren 3 Prozent und BMW 2,8 Prozent. Am Freitag waren die Aktien in Reaktion auf die Vorwürfe, wonach sich die Unternehmen seit Jahren in geheimen Runden über die Entwicklung ihrer Fahrzeuge, Kosten, Zulieferer und Märkte abgestimmt haben sollen, bereits eingeknickt.

Aufklärung tut Not

Sorgen bereite Investoren vor allem der Umfang der Vorwürfe, da er weit über die Abgasmanipulation hinausgehe und auch Technik, Preisabsprachen und den Umgang mit Zulieferern umfasse, so Beobachter. Auf den Aktien könnte daher noch länger Verkaufsdruck lasten.

Angesichts der Dimension der Vorwürfe drängen Investoren auf rasche Aufklärung: "Wir wollen jetzt wirklich sehr zeitnah aufgeklärt werden, was an den Vorwürfen dran ist", forderte Deka Investment. Die betroffenen Automobilhersteller sollten jetzt sehr schnell aufzeigen, wie man mit den Vorwürfen umgehen wolle, sagte Michael Schmidt, Mitglied der Geschäftsführung der Deka Investment, dem Handelsblatt.