Ein Mann hat seinen geöffneten Laptop auf den Beinen liegen. Er blickt parallel in sein Handy.

Auch im Großanlagenbau sind viele Mitarbeiter inzwischen im Homeoffice. - Bild: Adobe Stock/MinDof

| von Anja Ringel

Not macht erfinderisch: Auch der Großanlagenbau spürt die Auswirkungen des Coronavirus und passt sich an die neuen Gegebenheiten an. Das hat Jürgen Nowicki, Sprecher der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau am Mittwoch (25.3.) erklärt. Nowicki ist auch Senior Vice President und CFO von Linde Engineering und berichtete: Dort arbeiten momentan 1.800 der rund 2.000 Mitarbeiter von zu Hause aus, sagte er.

„Teilweise mussten dabei kreative Lösungen gefunden werden“, sagte Nowicki. So seien es die Designer des Unternehmens beispielsweise gewohnt, an speziellen, großen Bildschirmen zu arbeiten. Also habe man diese Schirme in Windeseile den Kollegen ins Homeoffice geliefert, um die Abteilung arbeitsfähig zu halten. Denn eigentlich arbeite man im Großanlagenbau im „traditionellen Modell“ – die Beschäftigten sitzen eng beieinander.

Großanlagenbau: Projekte laufen trotz Corona nach Plan

Die neuen Abläufe würden aber „überraschend gut“ funktionieren, sagte der VDMA-Sprecher. Wie auch in vielen anderen Bereichen kommunizieren die Beschäftigten nun unter anderem per Videokonferenzen. Überall arbeite man extrem diszipliniert und sehr zielgerichtet. Die Projekte laufen noch nach Plan, so Nowicki.  

Allerdings sei Homeoffice nicht in allen Bereichen und allen Regionen möglich, schränkte er ein und gab dazu gleich zwei Beispiele: Für Funktionsprüfungen müssen die Mitarbeiter eigentlich zu den jeweiligen Standorten überall in der Welt reisen, was momentan natürlich nicht möglich ist. Deshalb werden laut Nowicki nun die Beschäftigten vor Ort mit eingebunden und die Experten helfen von Deutschland aus.

Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau des VDMA, trägt Anzug und Krawatte.
Jürgen Nowicki ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau des VDMA. - Bild: VDMA

Inwieweit Mitarbeiter von zu Hause arbeiten können, hängt dem VDMA-Sprecher zufolge auch vom Land ab. In Indien sei das beispielsweise aufgrund der Mängel an der Infrastruktur eine besondere Herausforderung. Es seien dort zwar auch Anlagenbau-Mitarbeiter im Homeoffice, aber nicht flächendeckend.

Wegen Coronavirus: Prognose für 2020 sehr schwierig

Nowicki beschrieb die aktuelle Krise als „sehr ungewöhnliche Zeiten“. Er erklärte, der Großanlagenbau sei ein Spielball der globalen Entwicklungen, der immer wieder Krisen der ein oder anderen Art überwinden müsse. Dazu zählen die Finanzkrise 2008, der Ölpreisschock vor sechs Jahren und nun die Corona-Pandemie. „Ich bin mir aber sicher, dass die Branche agil genug ist, um die aktuelle Situation durchzustehen“, sagte Nowicki.

Im Januar gingen noch 80 Prozent der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau um VDMA von steigenden oder konstanten Auftragseingängen 2020 aus. Das ist nun anders. Eine seriöse Kurz- und Mittelfristprognose sei momentan nicht leistbar, sagte Nowicki. Dafür seien die Unsicherheiten schlichtweg zu groß.

Langfristig sei man im VDMA-Großanlagenbau jedoch zuversichtlich: Megatrends wie das globale Bevölkerungswachstum, der steigende Bedarf an sauberer Energie und die Urbanisierung bleiben laut Verband weiter aktuell und erforderten innovative Lösungen für mehr Nachhaltigkeit und Produktivität. All das könne der Großanlagenbau bereitstellen, so Nowicki.

So verlief das Jahr 2019 für den Großanlagenbau

Nowicki warf auch einen Blick auf die Branchenzahlen des Jahres 2019. Der Auftragseingang des VDMA-Großanlagenbaus lag demnach 2019 mit mehr als 18 Milliarden Euro stabil auf Vorjahresniveau, erklärte er. Dabei stiegen im Inland die Aufträge um zwei Prozent auf 3,6 Milliarden Euro. Das sind trotz des leichten Plus zwölf Prozent weniger als der Durchschnitt der vergangenen Dekade.

Besonders im Papieranlagenbau (minus 32 Prozent) und im Chemieanlagenbau (minus 27 Prozent) gingen die Aufträge zurück. Dagegen stieg die Nachfrage nach thermischen Kraftwerken auf den höchsten Stand seit 2014. Weil jedoch ein Ende der Kohleverstromung in Deutschland absehbar ist, geht der VDMA nicht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Den Großteil seiner Aufträge erhält der Großanlagenbau jedoch weiter aus dem Ausland. Hier sanken die Bestellungen um ein Prozent auf knapp 14,7 Milliarden Euro. Der wichtigste Markt war dabei die USA mit Bestellungen von 1,5 Milliarden Euro.

Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 16,3 Milliarden Euro. 2018 waren es noch 18,6 Milliarden Euro. 53.800 Mitarbeiter beschäftigte der VDMA-Großanlagenbau 2019 – rund ein Drittel davon sind Ingenieure.

China wird zum Hauptkonkurrenten: Das fordert der VDMA

Für Nowicki sitzen die Hautkonkurrenten des deutschen Großanlagenbaus inzwischen im Reich der Mitte. Seit rund sechs Jahren seien chinesische Unternehmen auf dem chinesischen Markt zur größten Konkurrenz für VDMA-Betriebe geworden. Das gelte nun auch für das restliche Ausland. Den technischen Vorsprung, den deutsche Unternehmen einmal hatte, gebe es so nicht mehr.

Diese Entwicklung habe der Verband aber erwartet, sagte der VDMA-Sprecher. Es müsse nun sichergestellt werden, dass bei deutschen und chinesischen Mitbewerbern die gleichen Voraussetzungen herrschen – zum Beispiel im Hinblick auf die politischen Rahmenbedingungen. Der VDMA fordere deshalb die OECD-Mitglieder auf, den derzeit deckungsfähigen Anteil an lokalen Kosten rasch auf 50 Prozent des Gesamtumfangs eines Exportauftrags zu erhöhen, sagte Nowicki. Die Bundesregierung solle außerdem die steuerpolitischen Rahmenbedingungen anpassen und vor allem das Risiko der Doppelbesteuerung weiter reduzieren.