Schindler- Xpertiso

Die Mitarbeiter von Schindler bekommen einen Sonderbonus, wenn sie eine neue Stufe der Effizienzsteigerung erreicht haben. - Bild: Xpertiso

| von Daniela Hoffmann

Der nachhaltige Erfolg von Qualifizierungen und Trainings hängt jedoch maßgeblich von der Strategie ab. In der Prager Lernfabrik von Xpertiso hat Schindler seine Mitarbeiter praxisnah zum Thema Lean geschult.

Damit es nicht wie damals in der Schule zugeht – einmal kurz gelernt, dann gleich vergessen, setzen die Xpertiso-Lernfabriken, eine Kooperation des verlags moderne industrie und der Managementberatung ROI Consulting, auf Trainings, bei denen die Inhalte 'erlebt' werden.

Die richtige Trainingsart wählen

Für eine erfolgreiche Qualifizierungsstrategie kommt es vor allem auf eine genaue Analyse an, wer mit welchem Ziel trainiert werden sollte. Wer braucht nur die Grundlagen, wer ist Potenzialträger oder Multiplikator? Auch die richtige Wahl von Trainingsarten ist wichtig.

Ein Thema wie E-Learning beispielsweise ist sinnvoll, um Grundlagen zu schaffen, Begrifflichkeiten kennenzulernen und später sein Wissen zu checken. „Wenn jemand in die Lage versetzt werden soll, das Gelernte im eigenen Praxisumfeld umzusetzen, dann sind jedoch Face-to-Face-Trainings nötig, um Fragen stellen und von den Fragen der anderen lernen zu können“, erklärt Xpertiso-Geschäftsleiterin Rosalind Hungerland.

Zum Erfolg gehört aber auch die Nachhaltigkeit des Erlernten. Nicht zu allen Unternehmenskulturen und arbeitsrechtlichen Vorgaben passt eine Prüfung. Um die Nachhaltigkeit von Qualifizierungsmaßnahmen sicherzustellen, sei es jedoch essenziell, nach dem Training direkt mit Maßnahmen in der Praxis zu beginnen und Rückfragen im Rahmen von anschließenden Coachings zu klären, rät Hungerland.

Lean-Offensive bei Schindler

Der Aufzug- und Fahrtreppenhersteller Schindler hat die Lernfabrik für eine groß angelegte Lean-Offensive genutzt. Rund eine Mrd Menschen bewegt das das 1874 gegründete Unternehmen täglich weltweit. Schindler ist der einzige Anbieter in diesem Marktsegment, der seine Produktion noch komplett in Europa mit über 85 % EU-Beschaffung hat und nicht offshore.

Um näher an Kunden mit spezifischen Fahrtreppen zu bleiben, zum Beispiel bei Public-Transport-Projekten wie London Underground oder Pariser Metro, müssen die Preisvorteile in Billiglohnländern durch Effizienzsteigerungen wettgemacht werden.

Dafür brachte Nebojsa Kljajic, Geschäftsführer des Schindler Escalators-Produktionswerks und der Schindler-Gießerei in Österreich, das Thema Lean ins Spiel. Kljajic selbst wurde von Kazumi Nakada ausgebildet, damals Executive Lean Managing Director bei Toyota.

Zunächst schulte man in Zusammenarbeit mit ROI Consulting und der Xpertiso Lernfabrik das obere Management, darunter Production-, Quality- und Plant-Manager, in drei Tagen in der Lernfabrik in Prag. Danach war das mittlere Management, zum Beispiel Logistik- und Quality-Shift-Leader, an der Reihe und schließlich operative Mitarbeiter, die wiederum ihr Wissen an die Kollegen in glei­­cher Position weitergeben sollten. „Insgesamt haben rund hundert Schlüsselpersonen aus der Produktion das praxisbezogene Lean-Training absolviert“, sagt Kljajic.

Simulieren in der Lernfabrik

Abbildung Nebojsa Kljajic im schwarzen Anzug, weißem Hemd und roter Krawatte
'Lean ist kein Projekt und kein Prozess, sondern eine Kultur.' Nebojsa Kljajic, Geschäftsführer des Schindler Escalators-Produktionswerks in Österreich. - Bild: Schindler

In der Prager Lernfabrik, einer Fabrikhalle von rund 50 Meter Länge, wurde physisch das Layout einer Produktionslinie simuliert, anhand von Arbeitstischen mit verschiedenen kleinen Tafeln, die jeweils einen Prozess symbolisierten. „Unsere Mitarbeiter haben den Auftrag bekommen, einen etwa halbmetergroßen LKW nach dem Lego-Prinzip zusammenzubauen. Für jeden Montageschritt gab es Zeitvorgaben, es musste für das Nachfüllen von Material gesorgt und Qualitätsprobleme gemeldet werden“, erklärt der Schindler-Geschäftsführer.

Besonders wichtig war für Kljajic, dass er die Aufgaben selbst analog zu eigenen Prozessen in die Lernfabrik einbringen konnte. Anschließend gab es einen schriftlichen Test; für die Mitarbeiter, die noch Nachholbedarf hatten, folgte eine weitere Schulung.

Lean ist eine Kultur

„Lean ist kein Projekt und kein Prozess, sondern eine Kultur“, erläutert Kljajic. Der Erfolg der Lean-Strategie und der Schulungen geben ihm recht: Zuvor lag die Produktionseffektivität im Branchendurchschnitt, wurde aber als unbefriedigend wahrgenommen. Heute ist Schindler bei einer Effektivität von über 100 % angekommen.

Etwa jeden dritten Monat erarbeitet man eine weitere Effizienzsteigerung. Die Mitarbeiter bekommen einen Sonderbonus von 33 %, wenn eine neue Stufe erreicht wird, im Durchschnitt erreichen sie 27 % Bonus. Das Ziel: In Europa demnächst genauso günstig zu produzieren wie in Schwellenländern.

Die praxisnahe Qualifizierung der Mitarbeiter ist dafür der entscheidende Faktor.„Die traditionelle Lean-Ausbildung ist ausschließlich graue Theorie. Dabei wurde mit theoretischen Beispielen und Berechnungen gearbeitet, die dann direkt im Shopfloor übernommen wurden – mit den entsprechenden Problemen.

"Das Training dauerte Monate“, erinnert sich der Schindler-Geschäftsführer. „In der Lernfabrik gibt es einen Produktionsentwurf, praktisch zum Anfassen und an dem die Mitarbeiter eins zu eins analog zu unseren Arbeitsanweisungen und Aufträgen üben“, resümiert Kljajic. So mussten zum Beispiel die Mitarbeiter in ihren Spielzeug-LKW eine Kabine mit dem bereits integrierten Lenkrad montieren, wobei für jedes Teil eine spezifische Zeit angesetzt ist und es einen vorgegebenen Prozess gibt.

Im Werk montieren die gleichen Mitarbeiter einen Handlauf mit Balustrade und integriertem Getriebemotor. „Der Mitarbeiter kann die Situationen vergleichen und Schwachstellen finden, an denen er etwas nicht schafft. In der Lernfabrik ist die Zeit, um Notizen zu machen, analog zum Stillstand in der realen Produktion“, berichtet Nebojsa Kljajic.

Mit Lean Industrie 4.0- Konzepte umsetzen

Auch für Themen wie Industrie 4.0 ist der Lean-Ansatz hilfreich. „Lean ist eine sinnvolle Kultur, um Industrie 4.0-Konzepte umzusetzen“, ist sich Kljajic sicher. Mithilfe der Lean-Ausrichtung gelang es dem Aufzug- und Rolltreppenhersteller zum Beispiel, die Rüstzeit bei einigen Maschinen signifikant zu reduzieren.

Bei Schindler plant man derzeit weitere Trainings zu neuen Themen. Als nächstes stehen logistische Prozesse wie der Materialfluss und Delivery Routes zwischen Logistik und Arbeitsplatz in Bezug auf das System Just in Sequence auf dem Plan, auch hier ist die Nutzung der Lernfabrik angedacht. Nächster Schritt ist zudem die Six-Sigma-Zertifizierung des kompletten Management-Teams.

www.xpertiso.de

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Lernfabriken und In-House-Trainings

Das Trainingsangebot Xpertiso vom verlag moderne industrie und der ROI Management Consulting AG besteht aus Lernfabriken und In-House-Trainings. Über die Simulationen in der Lernfabrik erfahren die Teilnehmer, wie sich disruptive neue Technologien nutzen lassen. Bisher gibt es Lernfabriken in München und Prag, ein weiterer Standort in China soll folgen. www.xpertiso.de, Tel. 089 1215 900