Auf einem Tisch liegen Wirtschaftspapiere und Münzen.

Wissenschaftler haben Leitlinien entwickelt, wie Wachstum nach der Coronakrise gelingt. - Bild: Adobe Stock/Blue Planet Studio

| von Anja Ringel

Wie gelingt es der Wirtschaft, aus der Krise zu kommen? Und vor allem: Wie soll die Wirtschaft nach Corona aussehen? Über diese Fragen diskutieren momentan alle Beteiligten. Nun hat das Hightech-Forum Leitlinien veröffentlicht, wie Wachstum nach Corona gelingen kann. Das Forum ist das zentrale Beratungsgremium der Bundesregierung zur Umsetzung der Hightech-Strategie 2025. Darin beraten 21 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft mehrmals pro Jahr.

Die Wissenschaftler weisen dabei darauf hin, es gebe die historische Chance, mit den Paketen für die Krisenbewältigung eine grundlegende Transformation in Richtung eines neuen und qualitativen Wachstums anzustoßen. Es gebe dabei einen engen Zusammenhang zwischen politischer Souveränität und technologischer Entwicklung in Europa. Nachhaltigkeit sei wichtiger denn je.

Das sind die sieben Leitlinien des Hightech-Forums:

1. In Wandel investieren

„Die Krise hat gezeigt, wie Deutschland durch Investitionen in Forschung und Infrastrukturen, wie zum Beispiel die Gesundheitsversorgung, seine Bürgerinnen und Bürger schützen kann. Sie hat aber auch strukturelle Schwächen und Vulnerabilitäten schonungslos aufgedeckt“, schreiben die Experten. Chancen für Modernisierung und grundlegende Erneuerungen seien offensichtlich.

Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Co-Vorsitzender des Hightech-Forums und Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, erklärte dazu auf einer Pressekonferenz, dass Investitionen nur ihre volle Wirksamkeit entfalten, wenn man nun die richtigen Rahmenbedingungen dafür setze. Dafür benötige man drei Dinge:

  • Das Wertewachstum solle vor dem Volumenwachstum stehen.
  • Nachhaltigkeit müsse sich in allen Bereichen – zum Beispiel Prozessen und Produkten – ausbreiten.
  • Es müsse eine Resilienz bei den globalen Lieferketten geben.

In Zukunftsfeldern wie den Quanten-, Bio-, Nano- und Wasserstofftechnologien sei Deutschland in der Forschung international wettbewerbsfähig, heißt es in den Leitlinien weiter. Deshalb sei eine umfangreiche Innovationsförderung notwendig, um hier in der Anwendung und Skalierung in Europa voranzugehen und nicht wie bei der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz ins Hintertreffen zu geraten.

Prof. Dr. Reimund Neugebauer ist Co-Vorsitzender des Hightech-Forums und Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.
Prof. Dr. Reimund Neugebauer ist Co-Vorsitzender des Hightech-Forums und Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. - Bild: Hightech-Forum/Frederic Schweizer

2. Europa (be)leben

Der zweite Punkt sei für das Hightech-Forum besonders wichtig, betonte Neugebauer. „In der Akut-Phase der Pandemie wurde der Wert europäischer Gemeinschaft deutlich“, heißt es dazu in den Leitlinien. Und weiter: „Engpässe in Gesundheitssystemen, in der Versorgung mit Gütern und in der Verfügbarkeit von Arbeitskräften und Informationen waren die Folgen von unzureichender Zusammenarbeit und Solidarität unter den 27 Mitgliedstaaten. Sie haben die Situation vielerorts verschärft und Hightech-Forum Innovationspolitik nach der Corona-Krise 3 Gräben aufgerissen.“ Deutschland solle deshalb die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um die europäische Gemeinschaft zu beleben.

Neugebauer betonte zudem den Zusammenhang zwischen Politik und Technologie: Wenn man die technologischen Prozesse nicht mehr selbst beherrsche, dann werde man seine politische Souveränität auch nur noch eingeschränkt wahrnehmen können. Als Beispiel nannte er die neue Corona-App. Viele Probleme, mit denen man sich bei der Entwicklung durchschlagen musste, hätten daran gelegen, inwieweit Unternehmen anderer Länder bereit sind, ihre Datenschnittlinie zu öffnen. In ihren Leitlinien empfehlen die Experten deshalb, eine europäische Digitalstrategie im Sinne von technologischer Unabhängigkeit und Sicherheit zu entwickeln.

3. Für die Zukunft (aus)bilden

Die Coronakrise habe gezeigt, dass Digitalisierung doch plötzlich funktioniere, wenn es sein muss, sagte Prof. Dr. Katharina Hölzle auf der Pressekonferenz. Sie ist Mitglied des Hightech-Forums und Leiterin des IT-Entrepreneurship am Hasso-Plattner-Institut. Jedoch besitzen nicht alle die Digitalkompetenzen, die nun gebraucht werden. Hölzle verwies auf eine Bitkom-Studie, wonach ein Großteil der deutschen Unternehmen nicht wisse, wie sie KI nutzen können. „Das ist dramatisch“, so die Wissenschaftlerin.

Prof. Dr. Katharina Hölzle ist Mitglied des Hightech-Forums und Leiterin des IT-Entrepreneurship am Hasso-Plattner-Institut
Prof. Dr. Katharina Hölzle ist Mitglied des Hightech-Forums und Leiterin des IT-Entrepreneurship am Hasso-Plattner-Institut. - Bild: Hightech-Forum/Frederic Schweizer

Die Politik sollte deshalb eine Kultur des lebenslangen Lernens durch konkrete Anreize und eine Modernisierung des Weiterbildungsmarktes fördern, schreiben die Experten als Empfehlung. Digitalkompetenzen müssten als Basisbildung vermittelt werden.

Das Hightech-Forum empfiehlt deshalb, Bildungs- und Qualifizierungsprogramme zu digitalisieren und die dafür notwendigen Infrastrukturen und Netze zu schaffen.

4. Zusammenhalt stärken

Nicht nur in Punkto Digitalisierung wurden durch die Corona-Pandemie Schwächen aufgezeigt. Es sei auch sichbar geworden, dass die Krise mitten durch die Gesellschaft gehe, sagte Prof. Dr. Antje Boetius, ebenfalls Mitglied des Hightech-Forums und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. Die Krise habe zum Beispiel gezeigt, wie Abhängig Landwirtschaft und Pflege von ausländischen Arbeitskräften sind und wie stark solche Krisen Selbstständige treffen.

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Die Experten empfehlen deshalb folgendes: „Nach der Krise sollte die Chance ergriffen werden, das Konzept der sozialen Marktwirtschaft auf Basis der Krisenerfahrungen neu zu denken. Innovationen für moderne Arbeitszeit-, Entlohnungs- und Führungsmodelle werden benötigt. Auch sind nach den massiven staatlichen Eingriffen Eigenverantwortung, unternehmerisches Handeln und gesellschaftliche Initiative wieder zu stärken.“

5. Beweglich und pragmatisch agieren

Bürokratieabbau und die Verschlankung von Strukturen ist ein weiterer Punkt. Die öffentliche Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft habe agil wie nie in der Krise navigiert. Das Hightech-Forum fordert deshalb, diese Beweglichkeit nach der Krise zu bewahren und zu stärken. Als Beispiel nennt Hölzle die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Hier müsse geschaut werden, welche Regeln sich als nicht zielführend herausgestellt haben.

Prof. Dr. Antje Boetius ist ebenfalls Mitglied des Hightech-Forums und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.
Prof. Dr. Antje Boetius ist ebenfalls Mitglied des Hightech-Forums und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.- Bild: BMBF/Hans-Joachim Rickel

6. Besser vorbereitet sein

„Forschung und Wissenschaft können in der Zeit reisen“, sagte Boetius. Was sie damit meint: Die Wissenschaft kann anhand von Modelierung und Simulationen Krisen durchdenken und Bilder der Zukunft schaffen. Diese müssen genutzt werden, um auf mögliche weitere Krisen vorbereitet zu sein, schreiben die Experten in der sechsten Leitlinie: „Mit gemeinsamen Planungen und Krisenszenarien können die Grundversorgung sowie die notwendigen Infrastrukturen und Lieferketten in Krisensituationen aufrechterhalten werden.“

7. Global zu Lösungen beitragen

Deutschland solle global zu Lösungen beitragen, sagte Boetius. Es sei deshalb gut, dass sich die Regierung jetzt wieder mehr zur EU bekannt habe. Im Engagement für die nachhaltige Nutzung und den Schutz der globalen öffentlichen Güter (Global Commons) sei die internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft und Innovationspolitik von höchster Bedeutung, so die Experten.

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