Thyssenkrupp-Quartier

Seit Jahren kriselt es bei Thyssenkrupp, nun droht dem seit 1988 im Dax notierten Konzern der Abstieg. - Bild: Thyssenkrupp

Ein Rennradfahrer fegt durch ein Hüttenwerk. Im Hintergrund sprüht glühender Stahl Funken. Auf dem Fahrradrahmen ist das Logo von Thyssenkrupp zu erkennen. Rennräder aus Stahl sind das neueste Produkt aus dem Riesenreich des Ruhrgebietskonzerns.

#unbreakable (unzerbrechlich) lautet ein Hashtag in dem Werbevideo. Der Stahl- und Industriekonzern mit mehr als 200-jähriger Geschichte wirkt derzeit aber alles andere als unzerbrechlich. Nach roten Zahlen und wiederholten Strategiewechseln droht Thyssenkrupp gar der Abstieg aus dem Dax.

Ob es dazu kommt, gibt die Deutsche Börse am kommenden Mittwoch (4. September) nach Handelsschluss bekannt. Dass Thyssenkrupp, dessen Vorläufer Thyssen zu den DAX-Gründungsmitgliedern zählt, die Top-Liga der deutschen Börsenwerte wahrscheinlich verlassen muss, ist auch Konzernchef Guido Kerkhoff klar. "Es gibt gerade Wichtigeres, als der Zugehörigkeit zu einem Index nachzutrauern", sagte er dem 'Spiegel'.

"Der Abstieg aus dem Dax hätte auf jeden Fall einschneidende Folgen für die Aktie von Thyssenkrupp", Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt.

Zieht die Konkurrenz davon?

Während das Rennrad aus Stahl Emotionen wecken soll, geht es beim Dax um kalte Zahlen. Wer bei Marktkapitalisierung oder Börsenumsatz nicht mehr zu den Top 40 gehört, kann den Regeln zufolge aus dem Leitindex fliegen. Bei beiden Werten sieht es für die Essener schon lange nicht mehr gut aus. Nicht einmal mehr 7 Milliarden Euro bringt der Konzern mit seinen weltweit mehr als 160.000 Mitarbeitern an Börsenwert auf die Waage. Der Triebwerksbauer MTU oder der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen könnten Thyssenkrupp im Dax ablösen.

Für Thyssenkrupp könnte das aber nicht nur einen Imageverlust bedeuten. "Der Abstieg aus dem Dax hätte auf jeden Fall einschneidende Folgen für die Aktie von Thyssenkrupp", meint Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. Inzwischen lägen 6 bis 7 Prozent aller Dax-Aktien in passiven Fonds, die den Dax nachbauten. "Das bedeutet, dass 6 bis 7 Prozent der Thyssenkrupp-Aktien demnächst den Besitzer wechseln könnten." Dann sei ein Angriff auf den Essener Konzern ein Stück einfacher, "weil mehr Aktien verfügbar sind".

Spartenverkauf als einzige Lösung für Thyssenkrupp

Das Schreckgespenst einer Zerschlagung geht bei Thyssenkrupp schon länger um. Kerkhoff will unter anderem mit dem Börsengang der profitablen Aufzugssparte von Thyssenkrupp dagegen halten. So soll Geld in die Kassen kommen, mit dem auch der Stahlbereich stabilisiert werden soll. Denn entgegen ursprünglicher Planungen bleibt Stahl nach dem Veto der EU-Wettbewerbshüter gegen die Fusion mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel notgedrungen Kerngeschäft des Ruhrkonzerns.

Auch ein Verkauf der Aufzugssparte, mit der Thyssenkrupp mehr verdient als mit den übrigen Geschäften zusammen, scheint nicht mehr ausgeschlossen. Kerkhoff versucht jedenfalls, ein Bieterrennen von Investoren und Wettbewerbern anzuheizen. Bei einem Börsengang sei der Zug für sie abgefahren, ließ er öffentlich wissen.

Spekulationen um den Verkauf der Sparte, die deutlich höher bewertet wird als der Gesamtkonzern, haben den Aktienkurs von Thyssenkrupp zuletzt ein wenig nach oben getrieben. Mittlerweile kostet das Papier wieder etwas mehr als 10 Euro. Den Dax-Verbleib dürfte das kaum sichern. Denn in den 13 Monaten seit dem Amtsantritt vom Kerkhoff steht ein Kursverlust von fast 50 Prozent zu Buche.

Was Kerkhoff mit den Einnahmen aus Börsengang oder Verkauf genau machen will, hat er bislang offen gelassen. Einem 'Handelsblatt'-Bericht zufolge führt Thyssenkrupp Gespräche für eine Übernahme des Duisburger Stahlhändlers Klöckner & Co. Der dominante Werkstoffhändler in Europa und Nordamerika solle so geschmiedet werden. Der Konzern will sich dazu nicht äußern.

Ist ein Zusammenschluss mit anderen Unternehmen möglich?

Der Kauf eines anderen großen Namens aus der Montangeschichte des Ruhrgebiets wäre eine klassische Krupp-Lösung für die eigenen Probleme. Schon mit der Übernahme des Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch und dem Zusammengehen mit Thyssen in den 1990er-Jahren hatte sich Krupp mit Hilfe von Rivalen vor der eigenen Haustür Luft verschafft.

Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz überzeugt ein mögliches Zusammengehen von Thyssenkrupp und Klöckner indes nicht. "Beiden geht es schlecht", sagte der Aktionärsvertreter. Ein Ersatz für die mit Tata-Fusion sei die schon früher diskutierte Klöckner-Übernahme ohnehin nicht, denn gegen Überkapazitäten und Preisdruck beim Stahl helfe sie nicht.

Wie die Chancen für eine Rückkehr in die erste Börsenliga stehen

Große Chancen für eine Rückkehr in die erste Börsenliga sieht Dax-Fachmann Schiereck für Thyssenkrupp nicht. "Die Zahl der Unternehmen, die nach einem Abstieg aus dem Dax wieder aufgestiegen sind, ist deutlich kleiner als der dauerhaft aus dem Dax verschwundenen Aktiengesellschaften." Nur Negatives müsse ein Platz im MDax der mittelgroßen Werte für Thyssenkrupp aber nicht mit sich bringen. Dort dürften die Essener "ein sehr sichtbarer und dominanter Wert werden". Das sei ein wenig wie im Fußball: "Dort finden es die Fans auch interessanter, wenn ihre Mannschaft in der 2. Liga oben mitspielt, statt in der 1. Liga abgeschlagen zu sein."

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