Britta Daffner

Britta Daffner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema digitale Transformation. - Bilder: Daffner, Weissblick - stock.adobe.com

| von Anja Ringel

Frau Daffner, Sie haben ein Buch zum Thema Digitalisierung geschrieben. Wo steht Deutschland und vor allem die Industrie beim Thema digitale Transformation?

Britta Daffner: Wie so oft ist es schwierig, alle über einen Kamm zu scheren. Wir verlieren natürlich, wenn wir Deutschland mit dem Silicon Valley vergleichen, weil wir hier von Tech-Unternehmen sprechen. Gleichzeitig haben diese Unternehmen andere Voraussetzungen, da sie auf der grünen Wiese neu aufbauen und experimentieren konnten. In Deutschland passiert viel Positives. Es gibt viele Innovationen, die aus Deutschland kamen und „Made in Germany“ hat immer noch einen hohen Stellenwert.

Meine Befürchtung ist aber, dass wir uns zu lange genau darauf ausgeruht haben. Wir sind eine Nation, die viel Expertise hat, weshalb ja zum Beispiel Firmen wie Tesla gerne BMW-Mitarbeiter abwerben. Aber das, was ich als lineares Denken beschreibe, dass wir uns wirklich Prozessketten anschauen und überlegen, wie kann man neue Geschäftsmodelle daraus entwickeln und diese unternehmerisch austesten, auch wenn man einmal Fehler macht: Diese Herangehensweise ist extrem schwer und fehlt sehr vielen Konzernen.

In den vergangenen Jahren gab es sehr viele Versuche und zum Beispiel auch Digi-Hubs, um Innovationen aufzubauen. Wobei ich da wenig Erfolgreiche gesehen habe, die es geschafft haben aus diesem Pflänzchen, große Dinge in die Organisation zu skalieren.  

Meiner Meinung nach beschäftigen wir uns in Deutschland noch zu viel mit den Themen Effizienz und Sparen. Das hat sich jetzt durch Corona noch einmal verstärkt. Dadurch haben wir zu wenig Augenmerk auf Fragen wie: Wie bekommen wir Innovation in die Unternehmen? Wie können wir Dinge anders machen? Wie können wir neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Länder wie Saudi-Arabien haben eine „Vision 2030“, um mit konkreten Programmen das Land zu innovieren. Für Deutschland wünsche ich mir ebenfalls eine konkrete Zukunftsvision, einen unternehmerischen Geist in der Gesellschaft und den stärkeren Antrieb in Unternehmen, klare Strategien zu fahren und Neues mutig auszuprobieren.  

Das ist Expertin Britta Daffner

Britta Daffner arbeitet seit über einem Jahrzehnt in der Technologie- und Daten-Industrie. Bei IBM ist sie Abteilungsleiterin für den Bereich „Artificial Intelligence & Data Science“. Daneben ist sie Executive Coach, Führungskräfte-Mentor und Keynote Speakerin. Sie zählt laut dem Online-Magazin ‚FemaleOneZero‘ zu Deutschlands Top 10 „Women in Data“.

Beschleunigt Corona in den Unternehmen denn die Digitalisierung?

Daffner: Teils teils. Ich sehe definitiv, dass sich viele mit dem Thema auseinandersetzen. Es gab schnellere kulturelle Veränderungen wie Arbeiten von zu Hause und dadurch mehr Flexibilität und das Überdenken von alten Strukturen.

Corona hat bei vielen auch die Notwendigkeit aufgezeigt, dass wir nun handeln oder teilweise ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln müssen. Leider auch, weil viele Unternehmen in eine Krise gekommen sind und wahrer Veränderungsdruck oftmals am ehesten durch Schmerz kommt.

Das heißt, auf der einen Seite gibt es Unternehmen, die nun viel offener dafür sind, Daten und Technologie effektiv zu nutzen und Neues auszuprobieren. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Unternehmen, die jetzt erst recht noch mehr Kosten reduzieren wollen oder müssen, und damit noch weniger Geld für in die Zukunft gerichtete Maßnahmen ausgeben.

Ich selbst bin gespannt, wie sich diese Krise dauerhaft auf Unternehmenskulturen auswirken wird.

In Ihrem Buch haben Sie 22 Führungskräfte zum Thema Digitalisierung interviewt. Welche Schlüsse haben Sie selbst daraus gezogen?

Daffner: Das Schöne an dem Buch ist, dass diese Aussagen nicht allgemeingültig sind, weil jeder etwas anders für sich daraus ziehen kann. Ich dachte vorher tatsächlich nicht, dass das Thema Nachhaltigkeit schon so wichtig bei Vorstandsentscheidungen geworden ist. Ehrlicherweise war meine Annahme, dass es auf Vorstandsebene noch mehr ein Marketingthema ist. Aber da ist schon finanziell ein großer Druck darauf, Nachhaltigkeit nicht nur draufzuschreiben, sondern auch umzusetzen.

Was für mich auch überraschend war, ist, dass wir in Deutschland bei der Digitalisierung der Immobilienwirtschaft im globalen Vergleich sehr gut abschneiden. Sabine Eckhart, CEO für Central Europe des internationalen Immobilienkonzerns Jones Lang LaSalle (JLL), erzählte mir im Gespräch, dass wir im sogenannten PropTech-Bereich im globalen Vergleich nach China und USA auf Platz drei sind.

Und last-but-not-least habe ich durch die Gespräche mit diesen Persönlichkeiten, die alle den Drang haben, mitzugestalten und Dinge zu verändern – auch oder vor allem wenn es schwierig ist – selbst viel Inspiration und Motivation mitgenommen. Wir brauchen mehr Menschen in Unternehmen, die Ideen haben, Neues versuchen und sich nicht abbringen lassen, wenn Gegenwind kommt. Wir brauchen Menschen die Veränderungen mitgestalten und vorantreiben, sei es in Unternehmen oder in unseren politischen Strukturen.

Müssen Unternehmen also ihre DNA ändern, um erfolgreich zu sein?

Daffner: Das Thema Kultur ist ein Prozess, der viele Jahre andauert. Ich sehe es persönlich auch bei IBM. Ich bin schon einige Jahre dort und das Schöne ist, dass ich miterleben konnte, wie sich IBM in den letzten zehn Jahren wieder selbst transformiert hat und jetzt gerade auch wieder dabei ist, alte Kerngeschäftsbereiche für neue, in die Zukunft gerichtete Bereiche, aufzugeben.

Um in unserer heutigen Welt erfolgreich zu sein und zu bleiben, brauchen Unternehmen meiner Meinung nach eine DNA, die offen gegenüber Technologien und Veränderung ist, sowie Mut bei Mitarbeitern und Führungskräften fördert. Vor allem im oberen Management ist diese DNA essentiell, um es als Kultur der restlichen Belegschaft vorzuleben.

Ich erlebe viele Unternehmen, die zwar über Themen wie neue Führung, neue Geschäftsmodelle oder den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sprechen, es aber intern nicht wirklich leben. Die Unternehmensführung muss zunächst ein gemeinsames Zielbild entwickeln und dabei den Blick nach außen nicht vergessen. Zu viele Unternehmen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ohne schnell genug zu merken, was im Markt um sie herum passiert.

Einen Anhaltspunkt können dabei die folgenden Fragen geben:

  • Welchen Schmerz füge ich meinen Kunden zu, ohne es zu merken?
  • Mit welcher anderen Branche konvergiert meine Branche gerade, ohne dass ich es merke? Wie kann ich mich selbst als traditionelles Unternehmen aus der Gleichung herausnehmen?
  • Was sind die wirklichen digitalen Game-Changer für ein Unternehmen und wie kann man sich nachhaltig vom Wettbewerb differenzieren?
  • Wie kann ich Digitalisierung auf bestehende Geschäftsmodelle applizieren? Oder benötigt das Unternehmen ganz neue Geschäftsmodelle, um einen Wettbewerbsvorteil zu generieren?
  • Wie kann man mit dem Einsatz von digitaler Technologie bestehende Geschäftsmodelle sinnvoll optimieren, transformieren oder auch komplett „disruptieren“?

Ein Thema in Ihrem Buch sind Kundenbedürfnisse. Ist das ein Bereich, der künftig noch bedeutender wird?

Daffner: Ja. Agile Arbeitsmethoden oder Design Thinking haben in den letzten Jahren das kundenzentrische Denken stark nach vorne entwickelt. Denn Kunden nehmen immer die beste Erfahrung, die sie bei einem Produkt oder Prozess gemacht haben, als Maßstab für alle anderen Produkte oder Dienstleistungen.

Auch aus einem Innovationsgedanken ist die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven wie die des Kunden einzunehmen, immer wichtiger.

Denn wie fördern wir Innovationen? Da gibt es verschiedene Tipps. Sei es, dass man unterschiedliche Kulturen oder Fachgebiete kennen lernt, um so die Assoziationsbarrieren die wir als Menschen haben, auseinanderzubrechen. Ein wesentlicher Baustein ist für mich da auch, andere Perspektiven einnehmen zu können. Das hat für mich am Ende auch etwas damit zu tun, dass wir nicht mit unserer Brille auf ein Thema schauen – also der des Unternehmens –, sondern dass wir überlegen, was der Zweck eines Unternehmens ist, was es am Ende bei dem Kunden bewirkt und wie man sich differenzieren kann.

Denn der Wettbewerb wird immer größer, Unternehmen werden immer gleicher und Produkte ersetzbarer. Genau aus dieser Entwicklung heraus ist es wichtig zu schauen, was ich meinen Kunden noch „mehr“ bieten kann, um anders zu sein. Sei es am Ende auch nur ein eine Differenzierung durch ein Branding, das Kunden anspricht.

Das sind die Industrietrends 2021

Was sind die Trends für 2021? Wie schätzt die Industrie die wirtschaftliche Lage ein? PRODUKTION hat beim VDMA, VDW, ZVEI und den Unternehmen ZF und Ceratizit nachgehakt. Wir wollten wissen:

Welche Schulnote würden Sie der Konjunktur für das Jahr 2021 geben? Was erwarten Sie von der neuen US-Regierung für die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen? Die Antworten gibt es hier. 

Wie hat Corona die Zusammenarbeit innerhalb der Unternehmen verändert? Hier geht es zum zweiten Teil der Industrietrends.

Werden die Firmen Lieferketten infolge des Corona-bedingten Zusammenbruchs der Supply Chains dauerhaft anpassen? Werden die Lieferketten wieder regionaler? Alles zum Thema Lieferketten lesen Sie hier.

(Bild: littlewolf1989 - stock.adobe.com)

Welche Rolle werden Daten in diesem Zusammenhang künftig spielen?

Daffner: Da muss ich kurz ausholen: In der Vergangenheit war es so, dass Unternehmen sich digitalisiert haben aufgrund von äußeren Faktoren. Durch die ständige Interkonnektivität durch Handys, haben sich die Menschen daran gewöhnt, dass sie von überall auf Informationen zugreifen können. Dadurch haben Unternehmen reagiert und Apps entwickelt wie Mobile Banking und Co.

Durch das Aufstreben neuer Player am Markt und vor allem auch durch Technologieunternehmen, die sich jetzt in traditionelle Prozessabläufe einbringen – zum Beispiel Amazon als Zahlungsanbieter – sind heutzutage jene Unternehmen die Gewinner, die ihre Daten mehrwertbringend einsetzen können. Sei es um Prozesse zu automatisieren, bessere Entscheidungen zu treffen oder eben auch um Kunden neue Produkte oder Services anzubieten und personalisiert bedienen zu können.

Aus dieser Entwicklung heraus ist es aus meiner Sicht nicht mehr ein Wettbewerbsvorteil, mit Daten zu agieren, sondern es ist zwingend notwendig, um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben.

Deshalb ist es so wichtig, Daten zum einen zu sammeln und unternehmensweit zusammenzubringen, aber am Ende auch etwas mehrwertbringendes aus den Daten zu machen und sich zu fragen, welche Informationen ziehe ich daraus, wie kann ich Prozesse automatisieren und welche Geschäftsmodelle kann ich daraus generieren.

Geht es um Innovationen und Digitalisierung, werden auch immer Start-ups genannt. Welche Bedeutung haben sie in diesem Zusammenhang?

Daffner: Start-ups haben eine große Rolle, wenn es um Innovationen geht. Dort finden sich Menschen zusammen, die „Out-of-the-Box“ denken. Start-ups starten in der Regel mit der Intention, Dinge grundlegend anders zu machen oder ein konkretes Problem lösen zu wollen und nicht unbedingt mit dem primären Ziel, im ersten Jahr Gewinne machen zu müssen. Aus dieser Freiheit sind Start-ups essentielle Treiber, wenn es um Innovationen und Ideen geht.

Am Ende haben Unternehmen aber ganze andere Möglichkeiten, neue Ideen und Innovationen dann zu skalieren. Weshalb ich nicht glaube, dass alle Unternehmen zukünftig obsolet werden. Sondern ich glaube schon, dass beide Bereiche voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten können.

Welche Technologie wird Ihrer Meinung nach der nächste Game Changer sein?

Daffner: Aus meiner Sicht tatsächlich eine Kombination aus vielen Technologien. Ich bin im KI-Umfeld zugange, auch weil ich daran glaube, dass es zwar nicht einzig wichtige Technologie ist, aber die, die bereits heute fast überall mit drin ist und viele Dinge ermöglichen wird. Schon alleine, weil KI uns ermöglicht, unstrukturierte Daten, das heißt zum Beispiel die menschliche Sprache oder Bilder, zu erfassen und zu „verstehen“. Damit haben wir ganz neue Möglichkeiten bekommen, Prozesse neu zu denken oder neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Deshalb ist KI für mich essentiell in Kombination mit vielen, vielen anderen Technologien.

Buchrezension: Die Disruptions-DNA oder wie digitale Transformation gelingt

Wie kann man Innovation und neue Geschäftsmodelle in einem Traditionsunternehmen umsetzen? Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei der Digitalisierung? Wie kann Digitalisierung helfen, als Unternehmen nachhaltiger zu sein? Diese und weitere spannende und hochaktuelle Fragen stellt Britta Daffner in ihrem Buch „Die Disruptions-DNA“ 22 Führungskräften. „Aus der IBM-Perspektive von meiner Arbeit würde ich behaupten, dass ich einen ganz guten Blick habe, was Unternehmen herumtreibt. Aber ich hatte das Bedürfnis einfach ohne „IBM- oder Sales-Stempel“, offen mit deutschen Entscheidungsträgern zu sprechen und war neugierig, ob ich dann am Ende was Anderes erfahre“, erklärt sie im Gespräch mit PRODUKTION ihre Motivation für das Buch.

Sie habe erfahren wollen, was die Führungskräfte bewegt und wollte mit Machern sprechen, „von denen ich das Gefühl hatte, das sie wirklich etwas vorantreiben und verändern wollen“, so Daffner. „Diese Inspiration wollte ich auch auf andere übertragen, die etwas vorantreiben wollen. Das war mein Ziel mit dem Buch.“

Und das ist ihr gelungen. Vor allem, weil Daffner es geschafft hat, Top-Führungskräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen für ihre Idee zu begeistern. So spricht sie unter anderem mit Sandra Reich, Chief Digital Officer bei MAN Truck & Bus Deutschland, Payback-Geschäftsführer Bernhard Brugger, Douglas-Chefin Tina Müller und Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse. Sie alle geben wertvolle Tipps rund um die Themen Digitalisierung und Transformation, die sich gut als Inspiration für das eigene Unternehmen eignen. Man bekommt außerdem einen Einblick in die unterschiedlichsten Branchen und Themen, die dort gerade diskutiert werden.

Auch toll ist: Vor jedem Interview gibt es eine kurze Übersichtseite. Auf der wird zum einen die interviewte Führungskraft kurz vorgestellt. Zum anderen gibt es eine kurze Zusammenfassung, welche Themen besprochen werden. So kann man sich immer die Interviews herauspicken, die einen gerade am meisten interessieren.

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