Tisch mit Ordnern, in kleinen Kreisen die Bilder von Dina Reit und Isabel Grupp

Dina Reit (links) und Isabel Grupp sprechen im Doppelinterview über ihre Führungsrolle. - Bilder: New Africa - stock.adobe.com, Plastro Mayer, SK Laser

| von Anja Ringel

Die Geschäftsführerinnen Isabel Grupp (Plastro Mayer) und Dina Reit (SK Laser) haben einiges gemeinsam – unter anderem leiten sie ihre jeweiligen Familienunternehmen zusammen mit ihrem Vater. Darüber haben wir bereits im ersten Teil unseres Interviews gesprochen.

Der zweite Teil dreht sich nun um Strategien aus der Coronakrise und Frauen in Führungspositionen.

Zusätzlich zu Herausforderung der Nachfolge ist jetzt auch noch die Corona-Pandemie dazugekommen und plötzlich war alles anders. Wie haben Sie das Krisenjahr erlebt?

Dina Reit: Ich bin in die Firma eingestiegen und sofort waren wir in der ersten Krise, nämlich der Automobilkrise das ging dann in die Coronakrise über. Das heißt, ich kenne die Firma nur im Krisenmodus: Kosten vermeiden, sparen und Absatzmärkte suchen. Aber dafür läuft es ganz gut. Wir mussten nicht in Kurzarbeit gehen und haben letztes Jahr sogar mit einem Gewinn abgeschlossen. Das gibt mir auch die Sicherheit, langfristig auf die Firma zu setzen. Also wenn sie in diesen Zeiten so gut performt, dann schaffe ich das auch in 20 Jahren.

Es ist sicherlich eine Herausforderung gewesen, als im März/April diese große Unsicherheit in der Firma war. Bei uns war ein ganz großer Bruch dadurch, dass die Firma 2019 noch an 13 Messen teilgenommen hat. Mein Vater ist ein exzellenter Vertriebler, er liebt die Messen und auf einmal ist das komplett weggebrochen. Wir haben vor 2020 zwei Drittel unserer Kunden über Messen akquiriert. Das ist schon richtig viel, was am Anfang weggebrochen ist und man konnte sich gar nicht vorstellen, wie das alles weitergehen soll.

Wir sind natürlich ins Digitale reingegangen und haben YouTube-Videos gemacht, sind auf LinkedIn und auf Plattformen wie Maschinensucher präsent usw. Das habe ich zum Beispiel mit Eigeninitiative in die Hand genommen. Es ist klasse da seinen eigenen Bereich aufzubauen. Und wenn das dann funktioniert und auch mein Vater die Sinnhaftigkeit sieht, ist das schon richtig cool.

Das heißt die Krise war unbewusst auch eine Chance für Sie?

Dina Reit: Ja. Dieser Umbruch, der durch die äußeren Auswirkungen stattgefunden hat, spielt mir, was den online Auftritt angeht, in die Karten.

Wie war das bei Ihnen, Frau Grupp?

Isabel Grupp: Für jeden war das letztes Jahr im März eine neue Situation. Es ist ja nach wie vor immer noch ein Unsicherheitsthema, was niemand je so hatte. Denn es hat ja auf einmal alle Branchen betroffen. Wer hätte mal gedacht, dass ein Restaurant nichts mehr zu tun hat?

Wir im Unternehmen konnten Gott sei Dank recht stabil entgegensteuern. Wir hatten im März, April und Mai 2020 einen minimalen Einbruch, weil wir auch in die Bereiche Event, Gastro und in den Veranstaltungenssektor liefern. Das ist natürlich komplett weggebrochen. Wir haben dann extrem schnell reagiert und haben unser Marketing intensiviert. Der Haushaltswarenbereich in welchen wir immer schon liefern hat dadurch ganz extrem angezogen, zusätzlich kamen neue Bereiche wie beispielsweise im Bereich von Fitnessgeräten hinzu. Auch den Medizinbereich konnten wir weiter verstärken. Es war gut, dass wir uns branchenunabhängig und flexibel aufgestellt hatten auch in der Vergangenheit schon. Das ist für uns aktuell vor allem Dingen sehr wichtig.

Wir haben gleichzeitig die Stellschraube genutzt, Investitionen verhalten vorzunehmen, das was gebraucht wurde, ist investiert worden, aber aufgrund der Unsicherheit nicht viel mehr. Als Familienunternehmen kann man das gut steuern und so konnten wir letztes Jahr dann solide abschließen.

Im Moment läuft es prima. Wir waren im Januar auf Hochkurs und profitieren aktuell, dass die Asien-Wege blockiert sind, aufgrund überlasteter Container und Seewege. Aber das sind jetzt natürlich Überkapazitäten, die kommen aufgrund von Corona und weil europäische Unternehmen gezwungen sind, europäisch einzukaufen. Die Frage ist, wie lange das anhält und wie nachhaltig werden sich die Einkäufer daran erinnern, wer dagewesen ist in der Krise.

Was wir gerade im Kunststoffmarkt sehen, ist, dass Rohstoffverknappungen angekündigt werden, weil die Rohstoffproduzenten letztes Jahr die Produktionen gedrosselt haben, aber jetzt alles auf einem hohen Niveau läuft. Da sind wir jetzt mal gespannt.

Frau Grupp sie sind seit mehr als fünf Jahren in der Geschäftsführung, Frau Reit ist es seit 2019. Aus Ihrer Erfahrung: Was raten Sie ihr? Was kommt noch auf sie zu?

Isabel Grupp: Ich kann jetzt nur meinen Weg betrachten, wie ich mich leichter getan hätte: Dass ich authentisch bin, so bin wie ich bin – das war wichtig. Viele verstellen sich und da habe ich mich vielleicht auch lange zu jemanden gemacht, der ich nicht bin. Rückblickend hätte ich das vielleicht auch verkürzen können, auch wenn man dann nicht in das Bild reinpasst, wie eine Unternehmerin sein soll.

Aber wer gibt einem das Bild vor? Solange man sich selbst treu bleibt, ist alles gut. Und was für mich wichtig ist: Man muss mit Leidenschaft dabei sein. Wenn ich jetzt etwas tun würde wo ich dann hinterher keine Leidenschaft mehr dafür hätte, dann würde ich sagen: Lass es! Denn langfristig braucht man schon Herzblut für die Sache – werteorientiert, generationengerecht, das Familienunternehmen in die nächste Generation zu führen. Darum geht es ja viel mehr und am Ende weniger für die Leidenschaft um einen Laser oder ein Kunststoffteil.

Es wäre auch für mich falsch zu sagen, ich habe die größte Leidenschaft für ein Kunststoffteil. Ich brenne dafür, Arbeitsplätze generationengreifend zur Verfügung zu stellen und ein familienbasiertes, werteorientiertes Unternehmen zu führen, das innovativ und digital in die Zukunft geht. Man muss wissen: Was treibt einen an?

Sie haben schon angesprochen, dass es ein Bild gibt, in das Unternehmerinnen hineinpassen sollen. Sie sind als Frauen in einer Führungsposition in der Industrie noch unterrepräsentiert. Isabelle Mang, die ebenfalls ein Familienunternehmen übernommen hat, hat mir im Interview erzählt, dass Ihr ein Geschäftskunde gesagt hat, er mache lieber Geschäfte mit Männern, weil er mit denen besser Smalltalk halten kann, zum Beispiel über Fußball. Wie erleben Sie das? Werden Sie anders behandelt oder haben das Gefühl, sich erst beweisen zu müssen? 

Dina Reit: In der Firma – zum Beispiel von Mitarbeitern – habe ich das nicht erlebt. Ich bin aber wie gesagt auch wirklich in die Produktion reingegangen und habe da mitgearbeitet. Das hat denke ich auch viel geholfen. Ich merke natürlich, dass von unseren Kunden eigentlich – bis auf zwei, drei – alles Männer sind, mit denen wir in Verhandlung sitzen. Aber das war mir von Anfang an klar.

Auf LinkedIn bekomme ich mitunter schon Nachrichten, die einfach nicht angemessen sind. Aber im direkten Kontakt, wenn ein Kunde da ist, da habe ich keine Probleme. Ich finde immer ein Thema beim Smalltalk, auch wenn ich kein Fußballfan bin und habe immer sehr nette Termine mit Kunden und Lieferanten.

Isabel Grupp: Ich empfinde das ehrlich gesagt für mich eher als Vorteil. Klar, wir sind in einer Männerdomäne. Ich würde sagen, das Verhältnis ist 90 zu 10 in den Führungsetagen, wenn überhaupt. Ich sehe darin aber aus meiner Perspektive auch sehr viel Positives. Sie können mit mir übrigens auch ganz ausgezeichnet über Fußball sprechen. Ich bin von Kind an mit Fußball, in Fußballstadien sowie der Leidenschaft zum VfB Stuttgart aufgewachsen. Das liegt wohl daran, dass meine ganze Familie für Fußball brennt, insbesondere die Männer.

Ich habe noch nie unangemessene Kommentare oder Nachrichten bekommen. Wenn man in der Produktion drin war, was du ja auch warst Dina, oder ich habe ja auch noch selber ein Kunststofftechnik-Modul an der Uni Stuttgart nachträglich gemacht – wenn man also fachlich fit ist, dann überzeugt man. Man geht nur unter, wenn man sich selber untergehen sieht. Das ist aber meistens aus mangelnder fachlicher Kompetenz. Und wenn es da mangelt, dann würde ich empfehlen, sich fit zu machen. Wenn man über Dinge spricht, worin man sich auskennt, dann ist das für mich egal, ob das eine Frau oder ein Mann ist. Dann ist er oder sie unschlagbar.

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Was sind die Trends für 2021? Wie schätzt die Industrie die wirtschaftliche Lage ein? PRODUKTION hat beim VDMA, VDW, ZVEI und den Unternehmen ZF und Ceratizit nachgehakt. Wir wollten wissen:

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Werden die Firmen Lieferketten infolge des Corona-bedingten Zusammenbruchs der Supply Chains dauerhaft anpassen? Werden die Lieferketten wieder regionaler? Alles zum Thema Lieferketten lesen Sie hier.

(Bild: littlewolf1989 - stock.adobe.com)

Das heißt Frauen sollten selbstbewusst ihre Positionen vertreten, um wahrgenommen zu werden?

Isabel Grupp: Für mich wäre das ein Tipp. Aber für mich noch viel wichtiger: Was ich nicht so angenehm finde, wenn Frauen wahnsinnig emanzipiert auftreten. Weiblichkeit sollte doch eher charmant und selbstsicher sein meiner Meinung nach. Wenn Sie in einer Verhandlung charmant, nett und fachlich kompetent argumentieren und nicht in diesem dominanten und emanzipierten Stil, dann haben doch Frauen gute Chancen.

Dina Reit: Ich glaube, dass ganz viel mit Selbstbewusstsein zu tun hat. Wenn ich an einer Maschine etwas erkläre und ich komme ins Schwimmen, dann hat nicht der Mann das Problem mit mir, sondern ich muss mich konzentrieren und selbstbewusst weitermachen. Hauptsächlich steht man sich selber im Weg. Wobei ich – wie gesagt – schon mal den ein oder anderen Kommentar oder ein seltsames Angebot auf einer Messe erhalten habe. Das existiert schon auch.

Aber ist zum Glück eher die Ausnahme?

Dina Reit: Totale Ausnahme. Kein Kunde ruft mich an und verhält sich unkorrekt. Aber von einem Fremden auf einer Messe, da habe ich schon interessante Kommentare erhalten.

Isabel Grupp: Was ich auch wichtig finde: Man muss nicht immer den Anspruch haben, alles zu wissen. Ich habe auch kein Problem mal zu sagen, „das weiß ich jetzt im Moment nicht, kläre ich aber“. Selbst wenn es mein Bereich wäre, muss man ja nicht immer alles ad-hoc wissen.

Dina Reit: Das hat aber auch nichts damit zu tun, dass man eine Frau ist. Genau die gleichen Probleme haben auch männliche Mitarbeiter. Das ist ganz normal.

Isabel Grupp: Absolut. Ich finde übrigens, die Performance von Frauen auch in Führungsrollen zeigt, dass sie die Gabe haben, ein gutes Team zu führen. Frauen sind vielleicht auch ein bisschen konstanter in den Entscheidungen. Ich würde sagen im Vergleich zu meinem Vater bin ich auch konsequenter.

Wünschen Sie sich dann mehr Frauen in Führungspositionen?

Isabel Grupp: Wünschen kann man sich viel, aber es muss ja auch die Voraussetzung gegeben sein. Ungefähr 90 Prozent der Abgänger der MINT-Studiengänge sind Männer. Ich würde mir schon Frauen wünschen, aber ich kann jetzt nicht erwarten, dass lauter Frauen da sind, wenn es die gar nicht gibt. Und einfach irgendwelche Quoten einführen, obwohl wir keine ausgebildeten weiblichen Fachkräfte haben, dann macht das doch gar keinen Sinn. Wenn wir irgendwann mal 50/50 Abgänger haben, dann kann man drüber sprechen. Aber nicht solange wir viel mehr kompetente und qualifizierte Männer haben.

Dina Reit: Also das ist schon ein Thema. Wir hatten jetzt auch die ein oder andere Stelle ausgeschrieben und es hat sich im technischen Bereich keine einzige Frau beworben. Es ist ja nicht so, dass unser Unternehmen zum Beispiel nicht nach außen spielt, dass wir eben auch eine Frau in der Führung haben, was vielleicht ein bisschen attraktiver ist für eine andere Frau, dort zu arbeiten. Aber es bewirbt sich keine. Ich wünsche mir natürlich, dass mehr Frauen in die Führung gehen, ich finde das klasse. Aber derzeit habe ich zumindest im Laserbereich nicht das Gefühl, dass es viele Frauen gibt.

Das heißt, es müsste in den Schulen mehr getan werden, um Mädchen Lust auf technische Berufe zu machen?

Isabel Grupp: Zum Bespiel, ja. Technik in der Grundschule für alle wäre schon gut platziert. Das Fach Wirtschaft könnte man außerdem schon viel früher anbieten.

Dina Reit: Und ich habe mir, als ich jünger war, total gerne Vorbilder angeschaut. Also welche Frauen gibt es, die in Führungspositionen sind und wie machen die das. Es gibt eigentlich ganz viele dieser Beispiele. Ich merke das jetzt, wo ich mich aktiv mit Frauen in ähnlichen Positionen vernetze. Die müssen vielleicht noch ein bisschen sichtbarer werden.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich vor dem Einstieg in die Geschäftsleitung einen Tipp geben könnten – welcher wäre das?

Dina Reit: Bei mir auf jeden Fall Entspannung. Einfach mal ein bisschen Zeit ins Land gehen lassen, die Basics im Unternehmen lernen. Und nicht erwarten, dass ich von Anfang an direkt Power-Dina bin, die ihren Vater komplett ersetzt. Es kommt mit der Zeit. Also einfach ein bisschen Ruhe reinlassen und mit Vertrauen da reingehen. Es wird alles gut.

Isabel Grupp: Ich finde Vertrauen ein gutes Stichwort. Meinem jüngeren Ich würde ich sagen: Locker machen, voller Vertrauen sein und authentisch bleiben. Man will ja dahin, dass man die beste Version von sich selbst sein kann und ich denke man erreicht das leichter, wenn man authentisch bleibt und nicht alles so verkopft sieht und überall alles wissen muss. Manche Dinge kann man auch gar nicht wissen und die lernt man dann dazu. Auch mit 60 lernt man noch dazu. Das ist ein Prozess und den muss man auch zulassen.

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