Fratzscher

DIW-Präsident Marcel Fratzscher. - Bild: DIW

| von Karoline Kopp

"Wir sind uns wahrscheinlich alle sicher, dass die Finanzmärkte erst einmal ins Bodenlose fallen," sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher zu Dow Jones Newswires.

"Die nächsten Wochen werden schwere Verwerfungen an den Finanzmärkten hervorrufen, von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht auf die Realwirtschaft übergreifen", erklärte der Direktor des gewerkschaftsnahen Konjunkturforschungsinstitutes IMK, Gustav Horn, dieser Nachrichtenagentur.

Fratzscher prognostizierte, es werde "jetzt erst einmal riesige Unsicherheit" und Volatilität geben. "Keiner weiß, wie es wirtschaftlich weitergeht." Die ersten Reaktionen zeigten: Es seien nicht nur schlechte Nachrichten für Großbritannien, sondern "für alle in Europa - also auch für Länder wie Deutschland".

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde 2017 nach der Prognose des DIW wegen des "Brexits" mindestens um 0,5 Prozentpunkte gedrückt werden, alleine durch die Handelsauswirkungen. "Das sind nur die direkten Effekte - es könnte sehr viel stärker sein," warnte der DIW-Präsident.

Das britische Votum sieht er als "Denkzettel an alle in Europa", dass notwendige Reformen endlich umgesetzt werden müssten. Es gelte, den Binnenmarkt vor allem mit Blick auf Dienstleistungen und Banken zu vollenden und auch mehr Koordinierung zum Beispiel bei der Fiskalpolitik zu erreichen. Nötig seien mehr bindende gemeinsame Defizitregeln. Allen voran die Bundesregierung und die französische Regierung müssten nun den "notwendigen politischen Willen zeigen".

IMK: EZB muss Signale setzen

Horn vom IMK forderte auch die Europäische Zentralbank zum Handeln auf. "Notwendig ist, dass die EZB und die europäischen Regierungen klare Signale setzen, um die Panik zu bekämpfen", betonte er. "Die EZB muss unbegrenzt Liquidität bereitstellen". Die Regierungen müssten sich äußern, ob sie gemeinsam den europäischen Integrationsprozess fortsetzen wollten.

"Dies ist ein Tag, an den sich Europa noch lange erinnern wird", erklärte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Das könne der Beginn einer Renationalisierung von Politik und Wirtschaft sein, "die Europa politisch und wirtschaftlich auf Jahrzehnte in die Bedeutungslosigkeit fallen lassen wird". Der Schock könne aber auch einen Reformprozess für eine europäische Wirtschaftspolitik auslösen. "Eines ist aber jetzt klar: Die Option 'Weiter so' besteht nicht mehr," betonte Horn.