| von Karoline Kopp

Der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, bezeichnete die Entscheidung der britischen Wähler für den Brexit als "eine Niederlage der Vernunft" und forderte: "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen."

Dazu gehöre es sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibe. Fuest forderte, die Verhandlungen darüber schnell zum Abschluss zu bringen, "damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt".

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) wertete den Austritt Großbritanniens aus der EU als "eine historische Zäsur" und einen großen Verlust für alle Beteiligten.

"Es gibt nur Verlierer", erklärte IW-Chef Michael Hüther. Die Briten verlören an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt. Auf der anderen Seite müsse die EU "den Verlust ihres wichtigsten Finanzplatzes und damit ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA hinnehmen".

Demokratisches Defizit in der EU

Allerdings seien die akuten wirtschaftlichen Folgen überschaubar. "Es ist nicht mit einem erneuten Losbrechen der Eurokrise zu rechnen", meinte Hüther. Die Reformen der Krisenstaaten seien weit genug fortgeschritten, und das Finanzsystem habe Risikopuffer aufgebaut. Eine Aufwertung des Euro gegenüber dem britischen Pfund verschlechtere zwar die europäische Wettbewerbsfähigkeit - das geschehe allerdings "in einem Maße, das die Wirtschaft kompensieren kann".

Der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstitutes IWH rief Deutschland und Frankreich nach der britischen Entscheidung zu einer entschlossenen gemeinsamen Politik auf. "Ich hoffe, dass Frankreich und Deutschland sich sehr stark gemeinsam zur EU bekennen werden und ihre unterschiedlichen Auffassungen über verschiedene Aspekte der wirtschaftlichen Politik erst einmal zurückstellen", sagte Reint Gropp zu Dow Jones Newswires. Beide Länder müssten sich auf das konzentrieren, was den Menschen an der EU fehle, und das sei vor allem ein demokratisches Defizit.

 

Brexit hat tiefgreifende Konsequenzen

"Jede Krise ist auch eine Gelegenheit, und diese Gelegenheit müssen jetzt gerade Frankreich und Deutschland unbedingt ergreifen", forderte Gropp. Beide Länder sollten "ein starkes Commitment" machen, um eine mögliche Kettenreaktion zu verhindern.

Das britische Ausscheiden habe nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch tiefgreifende Konsequenzen für Großbritannien, aber auch das übrige Europa. Unter dem Votum könnte insbesondere der Finanzplatz London leiden.

 Der Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, sah in der Mehrheit "ein tragisches Ergebnis für Großbritannien und die Europäische Union". Um den Zusammenhalt der verbleibenden Mitgliedstaaten nicht zu gefährden, sollte sich die EU nun umso mehr auf das Prinzip der Subsidiarität besinnen, forderte er.

Es sollten nur Dinge europäisch geregelt werden, für die dies "vernünftig" sei. Für viele Aspekte der Wirtschaftspolitik sollten hingegen die nationalen Regierungen mehr eigene Verantwortung übernehmen - "insbesondere dort, wo es um die Rahmenbedingungen für ein solides Wirtschaftswachstum geht".