Facebook Libra Blockchain Kryptowährung

Facebooks Libra könnte nicht nur den Finanzsektor durcheinanderwirbeln, sondern auch die Geburt des „Internet des Geldes“, also des Web 3.0 sein. - Bild: Pixabay

Facebooks Weltwährung wird eine Revolution!", schallte es vergangene Woche aus der SZ, während Ökonom Peter Bofinger im Deutschlandfunk konstatierte: "Ich würde mein Geld Libra nicht geben" und in Paris die G7-Finanzminister geschlossen vor einer digitalen Währung des Internetriesen warnten. Um mal nur drei der unzähligen Aufschreie aufzuzählen.

Ist das nicht ein bisschen viel Aufregung wegen der bloßen Ankündigung eines Sozialen Netzwerks und dessen Freunden, eine neue Währung à la Bitcoin erfinden zu wollen? Und wen würde die ganze Sache mit Libra denn überhaupt betreffen, wenn sich bloß ein paar Whatsapp-User per Chat die Pizza-Rechnung aufteilen – was in China mit WeChat übrigens schon seit einiger Zeit Standard ist.

Warum auch die deutsche Industrie betroffen ist

Spaß bei Seite - das Thema ist viel komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Und für Unternehmen und insbesondere die deutsche Industrie, die gerade an ihrer Digitalisierung arbeitet, alles andere als belanglos.

Warum? Weil Libra nicht nur im Finanzsystem für Disruption sorgen, sondern auch die Digitalökonomie auf den Kopf stellen, die Funktionsweise des Internets neu ordnen und sogar die Art und Weise, wie Firmen zusammenarbeiten, erneuern könnte.

Was ist Libra überhaupt?

Kurz zusammengefasst könnte man sagen, Libra ist eine neue digitale Währung auf Basis von Blockchain-Technologie, die von einem Firmenkonsortium um Facebook entwickelt wird und im kommenden Jahr international eingeführt werden soll. Sammeln, einnehmen und ausgeben kann sie der Nutzer (angeblich ohne oder mit nur sehr geringen Transaktionskosten) über eine App - das 'Calibra-Wallet'.

Im Gegensatz zu anderen so genannten Kryptowährungen wie Bitcoin soll Libra allerdings nicht von allen Teilnehmern verwaltet (und verschlüsselt) werden, sondern lediglich von den rund 30 Mitgliedern der Libra Association (dazu zählen neben Facebook unter anderem die Kreditkartenfirmen und Zahlungsdienstleister Mastercard, Visa und Paypal, der Fahrdienstleister Uber, zahlreiche Risikokapitalfirmen und auch Plattformen wie booking.com), was Skalierbarkeit gewährleistet und Energie spart.

Außerdem soll die Währung einen intrinsischen Wert haben. Das heißt: Die Libra Association legt die von den Nutzern eingetauschten Euro, Dollar, Yen ect. am Finanzmarkt in konservativen Bonds und Devisen als "Reserve" an – die Erträge daraus gehen allerdings ausschließlich an die Libra Association und nicht an die Nutzer. Daneben soll der Wert von Libra stabil bleiben - das Konsortium reguliert dazu ähnlich wie eine Zentralbank die Geldmenge.

Aber was heißt das nun?

Facebooks Kryptowährung 'Libra' und die Industrie 4.0

Was Facebooks Digitalwährung Libra für die Industrie 4.0 und das IoT bedeutet, erklärt Blockchain-Experte Andreas Freitag von Accenture im Interview mit Produktion.

Hier geht's zum Interview

Auswirkungen von Libra auf die Finanzmärkte

Da ist einerseits die Finanzseite, die deutsche Unternehmen durchaus beschäftigen sollte, da die allermeisten von ihnen auf Bankkredite oder andersartige Finanzierung angewiesen sind und sich deswegen auf ein stabiles Finanzsystem verlassen müssen.

Und hier gibt es schon den ersten Einwand von Seiten der Industrie: "Bei einem Erfolg von Libra wird die Libra Reserve rasch ein dreistelliges Milliarden-Volumen erreichen und damit in eine Größenordnung vordringen, die sie 'too-big-to-fail' werden lässt. Damit dürfte Libra eine große Relevanz für die internationale Finanzstabilität haben", warnt Bianca Illner, Leiterin VDMA Business Advisory.

Allerdings könne Libra als globale Währung für den international tätigen Maschinen- und Anlagenbau auch interessant sein, da dieser durch die Nutzung von Libra womöglich Wechselkursrisiken begrenzen und transnationale Zahlungsvorgänge billiger und schneller abwickeln könnte. Zudem entsteht laut VDMA durch Libra eine zusätzliche Konkurrenz im Zahlungsverkehr, was den Druck zur Kooperation auf die Banken erhöht, ähnliche Systeme länderübergreifend einzuführen.

Konzentration der Marktmacht

"Die Marktposition von Facebook und der derzeit in der Libra Association beteiligten Akteure wie Visa, Mastercard, PayPal oder auch Uber nimmt in den jeweiligen Geschäftsfeldern schon jetzt eine dominierende Stellung ein. Es handelt sich also nicht um neue Akteure, jedoch besteht im Verbund koordiniert die Gefahr der Verfestigung der Marktbeherrschung", warnt Kai Kalusa aus der VDMA Abteilung Informatik. 

Nun, die Rufe nach Regulierung sind bereits allseits laut - man wird sehen, welche Risiken am Ende tatsächlich eine Rolle spielen. Eine Sache wird aber sicher mit Libra kommen: technische Disruption und die nächste Stufe des Internets. 

Denn wie Dr. Shermin Voshmgir, die Direktorin des Instituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien und Gründerin des BlockchainHub in Berlin, erklärt, ist Libra nicht bloß eine Währung: "Facebook hat mit der Veröffentlichung seiner Pläne rund um den Libra-Token einen Wechsel vom Web 2.0 ins Web 3.0 angekündigt. Dies eröffnet die Möglichkeit digitale Werte ohne Intermediäre über eine öffentliche Infrastruktur wie ein Blockchain-Netzwerk zu verschicken, was die Plattformökonomie zum Teil obsolet macht", so die Kryptoökonomin.

Interview mit Dr. Shermin Voshmgir

"Die Geschäftsmodelle werden sich zum Teil radikal ändern, sonst würde ein Tech-Gigant wie Facebook nicht auf diese neue Technologie umsteigen."

Dr. Shermin Voshmgir, Direktorin des Instituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien, und Gründerin des BlockchainHub in Berlin

Zum Interview mit Dr. Shermin Voshmgir auf Produktion.de

Zum neuen Buch von Dr. Shermin Voshmgir "Token Economy"

Was bedeutet das wieder? Das Internet wurde schon in den 60ern erfunden, aber erst 30 Jahre später kam es zu einer Standardisierung, die es jedem Laien ermöglichte im Internet mit Webseiten zu agieren (Web 1.0). Gut weitere zehn Jahre dauerte es dann bis die breite Masse verstand, was man mit diesem Netz wirklich anstellen und wie man es ökonomisieren kann (Web 2.0). Nun ist seit der Erfindung von Blockchain wieder ein Jahrzehnt vergangen und Facebook ist der erste Tech-Gigant, der sich auf die neue Technik draufsetzt und ihr zum breiten Durchbruch verhelfen könnte. Das könnte die Geburt des „Internet des Geldes“, also des Web 3.0 sein.

Der Unterschied zwischen Web 2.0 und Web 3.0

Der Unterschied zum Web 2.0 liegt in der Blockchain-Technik selbst, die quasi einen Kopierschutz für digitale Werte bietet. Das ist ein sehr wichtiger Faktor, denn im Web 2.0 basiert Vertrauen (etwa zwischen Geschäftspartnern) auf juristischen Verträgen und es bedarf Plattformen und Institutionen, die die Einhaltung dieser Verträge sicherstellen. Blockchain macht es über Smart Contracts möglich, Werte über das Internet auszutauschen, ohne, dass sich die Vertragspartner kennen – die Technik „führt eine universelle Zustandsebene ein“, wie Voshmgir sagt. Vertrauensbildung über juristische Verträge und Institutionen werden damit überflüssig.

Das wird nicht nur Handelsplattformen wie Ebay dramatisch verändern, sondern impliziert Disruptionspotenzial für unzählige Branchen und Geschäftsfelder – vom Rechtswesen, über die Logistikbranche bis hin zum Marketing oder der Finanzindustrie stehen womöglich dramatische Umbrüche in den Geschäftsmodellen bevor.

Kooperation statt Konkurrenz

Noch ein Punkt, der bei Libra direkt ins Auge springt, ist die erstaunliche Zusammenarbeit von bisherigen Erz-Konkurrenten: Allein die Allianz von Mastercard, Visa und Paypal im Rahmen der Libra Assotiation springt selbst Finanz-Laien buchstäblich an.

„All diese beteiligten Firmen sind in ihrer DNA nicht auf Kooperation geeicht, sondern auf Konkurrenz. Die Zukunft bleibt spannend. Die Geschäftsmodelle werden sich zum Teil radikal ändern, sonst würde ein Tech-Gigant wie Facebook nicht auf diese neue Technologie umsteigen“, kommentiert die Krypto-Ökonomin Voshmgir.

Kein Wunder, dass auch große deutsche Industriekonzerne wie Bosch längst selbst an der Entwicklung von Blockchain-Technologie arbeiten...

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