Fertigungsmitarbeiter in Produktionsumgebung

Viele produzierende Unternehmen leiden unter dem Fachkräftemangel. Die Verteilung der Produktion auf mehrere Standorte könnte helfen, das Problem zu lösen. - Bild: Rockwell

| von Jan Bezdicek, Rockwell Automation

Während der vergangenen Monate haben sich die Nachteile einer zentralisierten Produktion deutlich gezeigt. Ebenso wurden die Schwächen rund um die Autarkie ganzer Regionen deutlich, die Europäische Union eingeschlossen.

Die Globalisierung bietet klare Vorteile, wenn es um reduzierte Kosten und effiziente Produktion geht. Trotzdem ist es offensichtlich geworden, dass die zentrale Produktion von Schlüsselprodukten an wenigen Standorten auf dem Globus heute nicht unbedingt die ideale Lösung darstellt.

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir uns mit dem Klimawandel beschäftigt: Er wird durch den Transport von Rohstoffen und Endprodukten von einem Ende der Welt zum anderen mit verursacht. Jetzt wird klar, dass die Globalisierung auch aus anderen Gründen an ihre Grenzen stößt.

Das liegt nicht nur an der COVID-19-Pandemie, die offengelegt hat, dass die meisten Länder der Welt die Produktion von grundlegendem Medizinbedarf nicht aus eigener Kraft absichern können. Politische Auseinandersetzungen zwischen Nationen, beispielsweise zwischen den USA und China, können weit über die Pandemie hinaus andauern und zu Sanktionen, Embargos oder zur Sperrung des Zugangs zu Technologien führen.

Verteilte Produktion im Zeitalter fortgeschrittener Automatisierung

Es gibt jedoch auch Aspekte, die für eine Zentralisierung und gegen eine Dezentralisierung sprechen. Dazu gehören die zentrale Steuerung der Produktionsprozesse, ein einheitliches Personalmanagement und das zentrale Management der Lieferanten-Käufer-Beziehungen.

Berücksichtigt man allerdings den hohen Grad der Automatisierung in vielen Branchen sowie die heutigen Möglichkeiten des Internets, so verschwinden aus technologischer Sicht die Unterschiede zwischen der Steuerung einer Fabrik mit zehn Produktionslinien und der Steuerung von zehn Fabriken mit jeweils einer Linie.

Um die Produktion wie oben genannt dezentralisieren zu können, sie näher an die Konsumenten zu rücken und mit der geografischen Verteilung vor lokalen Einflüssen zu schützen, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein:

Erstens ist ein hoher Automatisierungsgrad der einzelnen Werke erforderlich – damit könnte die Produktion auch ferngesteuert werden. Zweitens muss eine zuverlässige und idealerweise redundante Anbindung gewährleistet sein, über die ein Werk von praktisch jedem Ort der Welt aus gesteuert werden kann. Drittens kann der Einsatz von cloudbasierten Technologien, die bereits weit verbreitet sind, die Daten auf örtlich weiter entfernte Rechenzentren spielen und absichern. Damit wird das dezentrale Steuerungssystem robuster.

Die Fertigung aus der Ferne steuern

Die moderne, dezentrale Werkssteuerung muss nicht nur bedeuten, dass ein Bedienfeld oder eine komplette Steuerzentrale virtualisiert wird, womit man von überall aus Zugriff hätte. Moderne Technologien ermöglichen viel mehr: Beispielsweise lassen sich Geräte und deren Bedienung über Virtuell Reality darstellen.

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen heben dann die automatisierte Steuerung und Entscheidungsfindung auf eine ganz neue Ebene. Auf ihr sind immer weniger menschliche Interventionen erforderlich. Darüber hinaus könnten lokale Werker mit Augmented-Reality-Geräten ausgestattet werden, was unter anderem die Fernwartung deutlich erleichtern könnte.

Auch mit Blick auf das Personal bringt die dezentrale Produktion einen gewissen Vorteil mit sich. Viele produzierende Unternehmen leiden unter dem Fachkräftemangel. Die Verteilung der Produktion auf mehrere Standorte könnte helfen, das Problem zu lösen. In der Tat haben wir das Management und die Zusammenarbeit in verteilten Teams während der COVID-19-Pandemie gründlich bewertet.

Über die Grenzen des Werks hinaus

Ein höherer Grad der dezentralen Fertigung würde nicht nur in Krisensituationen Vorteile bringen, wie der aktuellen Pandemie. Die Produktion in verschiedenen Regionen würde auch dazu beitragen, die Fertigung wichtiger Produkte abzusichern, wenn es zu lokalen Naturkatastrophen, Transportbeschränkungen oder geopolitischen Konflikten kommt.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass ein höherer Grad der Automatisierung und Dezentralisierung für sich genommen keinen Bereich völlig autark machen würde. Es ist im Fall einer globalen Pandemie meist extrem herausfordernd, die Versorgung mit Rohstoffen und anderen essentiellen Ressourcen für die Produktion abzusichern. Ganz zu schweigen von der Logistik für die Endprodukte, einschließlich ihres Transports zu gefährdeten Orten. Doch auch hier gibt es erste Lichtblicke in Form von autonomen Fahrzeugen und deren Einsatz im realen Verkehr.

Wie man sieht, gibt es bereits viele Technologien, die auf einen höheren Grad der Dezentralisierung der Produktion abzielen. Viele weitere sind in der Entwicklung. Die aktuelle Pandemie und die enormen Investitionen, die einzelne Länder getätigt haben, um den Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften zu unterstützen, könnten nun eine Gelegenheit sein, den Prozess der Dezentralisierung zu beschleunigen. Damit wären wir besser vorbereitet, falls in der Zukunft weitere ähnliche Krisen auftreten.

Jan Bezdicek
Autor dieses Beitrages: Jan Bezdicek Director of Research & Development, Rockwell Automation. - Bild: Rockwell

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