Der bayerische Wald ist nicht unbedingt der Ort, den Unbeteiligte aus dem Stand heraus als Kernland der deutschen Industrieproduktion bezeichnen würden. Und doch steht in Teisnach, nahe des Großen Arbers, eine Fabrik, die mit drei Siegen beim Wettbewerb ‚Fabrik des Jahres/GEO‘ zu den erfolgreichsten Teilnehmern der vergangenen 25 Jahre zählt.

Im Jahr 2010 von Produktion und A.T. Kearney in der Kategorie ‚Hervorragende Kleinserienfertigung‘ ausgezeichnet, 2014 für ‚Hervorragende Fertigungstiefe‘, ist sie diesmal Träger des GEO-Awards (Global Exellence and Operations). Nahtlos fügen sich der Bayerische Qualitätspreis und der TOP-Innovationspreis in die Liste der jüngsten Auszeichnungen ein.

Entwicklung über Jahrzehnte

Fast schon unscheinbar in den Hang geschmiegt, erwartet das Werk seine Besucher. Auch innen ist nichts von der üblichen Hektik anderer Werke zu spüren. Vieles wird noch in Handarbeit erledigt, das verlangen die Produkte. Die Bauteile können wenige Millimeter, aber auch einige Meter Dimension haben und werden weitgehend in Teisnach gefertigt. Am Standort entstehen elektromechanische Baugruppen und Sonderanfertigungen, Funkkommunikationssysteme, Sendeanlagen für Hörfunk und Fernsehen, Körperscanner sowie mikromechanische Präzisionsteile, Antennen, Leiterplatten, Gehäuseteile, Stromtankstellen und Hohlleiter.

Das Werk hat sich in vier Jahrzehnten zum Systemlieferanten und Dienstleister für die mechanische und elektronische Baugruppenfertigung entwickelt. Externe Kunden nutzen die Kompetenzen der Teisnacher in Entwicklung und Konstruktion, spanabhebender und spanloser Fertigung und der Montage mechanischer Baugruppen, mechanisch-elektronischer Systeme und Sondermaschinen.

Offenheit und neue Wege

Die Techniken reichen von der Zerspanung über das Spritzgießen bis zur Leiterplattenfertigung. 1.500 Mitarbeiter sind im Werk beschäftigt, dennoch geht es noch persönlich zu. So wird Thomas Kasparbauer, Leiter Ideenmanagement, in allen Abteilungen freundlich begrüßt. Zeit für ein paar Worte ist immer, ganz besonders in der ‚Sprintwerkstatt‘, in der sich Führungskräfte und Mitarbeiter täglich treffen, um die alten Abläufe infrage zu stellen und neue festzulegen. „Wenn Sie hier reingehen, soll Ihr Denken auf den Kunden ausgerichtet sein“, sagt Kasparbauer.

Es gelte, neue Wege einzuschlagen und miteinander offen zu sein. „Wenn wir anfangen, uns intern anzulügen, kommen wir in Schwierigkeiten“, sagt der Sprinttrainer und deutet auf eine Darstellung der neuen Wertströme. „Die stehen hier, damit jeder vor Augen hat, wo wir hinwollen.“

Am Anfang steht die Idee

Vor der Einführung eines neuen Prozesses, einer neuen Technik steht die Idee. Häufig sind es vermeintliche Kleinigkeiten wie die Fertigung eines Senderrahmens aus nur noch einem Teil anstelle von zwanzig, die die Produktion wesentlich weiterbringen und zugleich Ressourcen sparen und Platz für neue Techniken, neue Produkte schaffen. „Die Ideen der Mitarbeiter werden honoriert“, sagt Kasparbauer. „Das hat schon eine gewisse Dynamik, denn jeder weiß: Der Verbesserungsvorschlag könnte auch bald von einem Kollegen eingereicht werden.“

Das Ideenmanagement wäre jedoch viel weniger wirksam, wenn nicht allen permanent bewusst wäre, dass ihr Werk verändert und weiterentwickelt werden muss, will es seine Spitzenposition behalten. Schlüsselfigur für diesen Veränderungsprozess ist Johann Kraus, der das Werk seit 2004 leitet. Gefragt, wie er die Mitarbeiter zur Veränderung motiviert, antwortet er spontan: „Ich bin natürlich der Haupttreiber. Ich bin ja bekannt dafür, Wände einzureißen, Transparenz zu schaffen, zu verändern.“

Sein Credo: Wer sich nicht verändert, gerät ins Hintertreffen. Dies den Mitarbeitern nahezubringen, sei eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt und gelinge nur durch Vorleben, durch Erklären, durch Veränderungen in der Organisation.

Panta Rhei im Bayerwald

Alles fließt also – und offensichtlich in die richtige Richtung, denn die Berater von A.T. Kearney heben in ihrer Begründung für die Vergabe des GEO-Awards an Rohde & Schwarz Teisnach die „beeindruckende Verbesserungsdynamik entlang aller Kennzahlen mit Werten im 1. Quintil“ hervor. Bemerkenswert auch, dass in Teisnach seit einiger Zeit keine Kernzeiten mehr gelten. Im Schichtbetrieb stehen sechsmal vierundzwanzig Stunden zur Verfügung und die Gutstunden sind nicht mehr begrenzt.

„Letztlich ist das Thema Arbeitszeit bei uns kein Thema mehr“, sagt Kraus, „sondern wir arbeiten dann, wenn Arbeit da ist und wenn keine Arbeit da ist, bleiben wir zu Hause.“ Bedenken, dass diese ausgehen könnte, hat er nicht – nicht solange allen bewusst ist, dass sie die Veränderung leben müssen und die Konkurrenz in Asien nicht schläft. Kraus: „Permanente Weiterentwicklung ist ein Alleinstellungsmerkmal, das wir in Deutschland noch haben. Auch künftig.“

Das Werk in Kürze

Werk: Rohde & Schwarz GmbH & Co. KG, Werk Teisnach, gegründet 1969
Produkte: Elektromechanische Baugruppen, Sonderanfertigungen, Systeme und Projekte, Sendeanlagen, Leiterplatten und Multilayer, mikromechanische Präzisionsteile, Gehäuseteile, Körperscanner, Funkkommunikationssysteme, Antennen, Stromtankstellen, Hohlleiter etc.
Werkleiter: Diplom-Betriebswirt Johann Kraus
Produktionsleiter: Keine einzelne Person. Das Werk ist in Segmente unterteilt, denen jeweils ein Segmentleiter vorsteht (Segmente: Systeme, Hochfrequenz, Senderfertigung, Supply Chain Management, Dienstleistung, Personal, Leiterplatte, Gehäusetechnik spanlos, Präzisionstechnik).
Umsatz: Der Umsatz des Werks Teisnach wird nicht gesondert ausgewiesen. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2015/2016 (Juli bis Juni) 1,92 Milliarden Euro.
Mitarbeiterzahl: rund 1.500
Produktions- und Logistikfläche: rund 65.000 qm Fertigungsfläche
Zahl der Produktvarianten: Als Fertigungswerk produziert das Werk Teisnach für das Stammhaus und für den Bereich Auftragsfertigung (Fertigungsdienstleistung).
Durchschnittliche Durchlaufzeit: zum Beispiel im Segment Gehäusetechnik spanlos (Blechfertigung) 5,8 Tage
Zahl der Zulieferer: Der Zentraleinkauf befindet sich im Stammhaus München. Eine Zahl ausschließlich für das Werk Teisnach kann derzeit nicht zur Verfügung gestellt werden

Das ist „Die Fabrik des Jahres“

Der Name „ Die Fabrik des Jahres“ steht seit einem viertel Jahrhundert sowohl für den renommiertesten Benchmark-Wettbewerb in der deutschen und europäischen Industrie wie auch für den profiliertesten Fachkongress zum Thema Zukunft der Fertigung und Best of Production.

Gemeinsam mit Experten der Unternehmensberatung A.T.Kearney vergibt die Fachzeitung Produktion den Preis „Die Fabrik des Jahres/Global Excellence in Operations (GEO)“ in mehreren Kategorien und richtet den Kongress aus.

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