Wer die richtige Cloud-Plattform auswählen möchte, sollte sich mehrere Fragen stellen. Bild: Pixabay/frei

Wer die richtige Cloud-Plattform auswählen möchte, sollte sich mehrere Fragen stellen. Bild: Pixabay/frei

| von Florian Blum

1. Gibt es Gesamtanbieter, die meine IT-Welt und Produktionslandschaft in einer Industrie-4.0-Cloud zusammenführen können?

"Unternehmen kommen auf uns zu, weil sie von Cloud-Anbietern unterschiedlichster Art ein Gesamtlösungsportfolio angeboten bekommen," erklärt Gernot Schäfer, Cloud-Experte bei der Unternehmensberatung ROI Management Consulting. "Jedes dieser Angebote klingt für sich erst einmal plausibel. Jeder Cloud-Anbieter markiert seine Alleinstellungsmerkmale und auch die Schwächen von Alternativlösungen." Für Unternehmen hingegen sei das nicht mehr verifizierbar, nicht validierbar und schon gar nicht überschaubar, weil die technische Expertise durch alle Ebenen oftmals nicht vorhanden sei. Schäfer: "Mittelständler, aber auch größere Produktions-Unternehmen haben oft noch gar keine IIoT- und MES-Spezialisten und schon gar keine Data Scientists und Data Engineers." Auf Cloud-Anbieter-Seite nennt Schäfer Maschinenhersteller, traditionelle Softwarehäuser, Anwendungshäuser und die großen Cloud Hyperscaler wie Amazon, IBM oder Microsoft. Das Problem dabei sei: "Die sind alle unterschiedliche Wege gegangen und es wird auch auf lange Zeit keine interoperable, gemeinsame Plattform geben, weil die Interessenlagen dieser Anbieter schlichtweg zu sehr divergieren."

2. Ist die Fokussierung auf Business-Software-Giganten (ERP, PLM) für meine Produktion zielführend?

Nein, nicht immer, erklärt Gernot Schäfer. Diese Anbieter hätten zwar einen guten Marktzugang, eine starke Installed Base und eine hohe Marktmacht. "Allerdings kooperieren sie mit neuen Industrie-4.0-Technologieanbietern Stand heute leider oft nur projektbezogen und verfolgen eigene Cloud-Strategien", erklärt Schäfer. Dies habe zur Folge, dass diese Unternehmen generell mit eigenen Cloud-Lösungen im Wettbewerb zu IoT-Hyperscalern wie Amazon Web Services oder Microsoft Azure stünden. Und auch in industriespezifischen Domänen seien sie wegen ihrer eher übergreifenden generischen Lösungsstrategien nicht als Technik-Partner für spezielle Produktionsumgebungen positioniert.

3. Sind die auf Fertigungsoptimierung und Vernetzung der Produktionsanlagen spezialisierten MES-Anbieter dann die richtige Stoßrichtung?

Gernot Schäfer ist Experte für die Themen Digitalisierung und Operational Excellence bei der Unternehmensberatung ROI. Bild: ROI
Gernot Schäfer ist Experte für die Themen Digitalisierung und Operational Excellence bei der Unternehmensberatung ROI. Bild: ROI

Eher nicht, meint Schäfer. Auch hier fehle es noch an übersichtlichen Cloud-Angeboten. Demnach sei der MES-Anbietermarkt aktuell stark zerstreut mit vielen kleinen Playern und sehr vielen unterschiedlichen Teillösungen auf wiederum verschiedenen Anwendungsebenen - von der Maschinenanbindung bis hin zur Optimierung der Produktion. Bei den größeren MES-Applikationsverbundlösungen bestehe hingegen eher die Gefahr, dass sie in der neuen IIoT-Welt von großen Playern zerrieben werden - "zwischen den Lösungsstrategien der Industriekonzerne und ebenfalls der IoT-Hyperscaler wie Amazon Web Services oder Microsoft Azure", so Schäfer. Diese Situation verschärfe die Tatsache, dass mittlerweile immer mehr neue kleine IIoT-Technologie-Disruptoren in klassische MES-Anwendungsbereiche vordringen und zusätzlich für eine Eruption des Marktes sorgen.

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4. Sind industriegetriebene IIoT-Cloud-Plattformen für meine Produktion eine Alternative?

Schäfer: "In bestimmten technischen Domänen könnten sie rein theoretisch die Lösung sein, sie bündeln Industrie-Know-how und Domain Knowledge mit der Integration von IIoT- und MES-Lösungen." Allerdings, so Schäfer, stünden diese Cloud Services in starkem Wettbewerb zueinander. Als erstes Gesamtlösungen zu bieten habe bei diesen Anbietern Vorrang vor Interoperabilität - dies sei jedoch erfolgskritisch in einer Cloud-vernetzten IIoT-Welt.

5. Ist es dann sinnvoll gleich ganz auf die Cloud Hyperscaler wie zum Beispiel Amazon AWS oder Microsoft Azure zu setzen?

"Die Cloud-Plattform-Hyperscaler sind auf Sicht uneinholbar in der Plattformskalierung, im Cloud Computing, aber sie verfügen noch nicht über ausreichende Produktions-Skills", gibt Schäfer zu bedenken. Amazon, IBM oder Microsoft seien "Unternehmen, die traditionell vor allem über das Thema technische Infrastruktur kommen - also aus dem Cloud Computing, der Server-Bereitstellung, Cloud-Infrastruktur und Cloud-Technologie. Diese Cloud-Provider haben keine Historie als MES-Anbieter, keine Historie als ERP-Anbieter und schon gar keine Historie als Maschinenanbieter", so Schäfer.

6. Welchen Weg sollte ich generell in dieser undurchsichtigen Marktlage mit den vielen Cloud-Diensten gehen hin zu meiner Cloud-integrierten Produktion?

Mit den Daten in der Cloud gehe es seinen Kunden nicht nur darum, die Stillstandszeiten der Maschine über Predictive Maintenance zu reduzieren, sondern vor allem darum, die Effizienz in der Produktion zu erhöhen - "Stichwort Ausschussreduzierung", so Schäfer. Der Unternehmensberater rät:

  • "Wählen Sie zunächst diejenigen Anwendungen Ihrer Produktion, die die größten Pains adressieren, also dort wo derzeit das meiste Geld verloren geht, und diejenigen industriellen Anwendungen, die die größten Gains versprechen, also dort, wo der größte Nutzen erkennbar ist."
  • "Verschaffen Sie sich Zugriff auf strukturierte Daten aus den bekannten Applikationen Ihrer Fertigung sowie auf unstrukturierte Zustandsdaten, wie zum Beispiel Temperatur, Schwingung, Durchfluss. Lernen Sie aus all diesen Daten, von Beginn an, und setzen Sie dann die Prozesse und Daten in ein Gesamt-Fabrik-Datenmodell, über alle gesamten Wertschöpfungsprozesse hinweg - übergreifend über Maschinen, Prozesse und sogar Standorte."
  • "Vernetzen Sie konsequent Ihre Produktion und Logistik, zunächst lokal, unabhängig von öffentlichen außen stehenden Plattformen, beginnen Sie mit Ihrem eigenen Data Lake - unter Ihrer Kontrolle - um dann bestehende und sofort verfügbare Cloud-Plattformen zur unbegrenzten Skalierung Ihrer Datenverarbeitung zu nutzen, ohne Investitionshürden, on-demand, Plug & Go."

Cloud Computing und Operational Excellence

Operative Exzellenz (Operational Excellence/OPEX) bedeutet, Strukturen, Prozesse und Verhaltensweisen im Unternehmen so auszurichten, dass eine lernende und sich kontinuierlich verbessernde Organisation möglich wird. Dabei zielt operative Exzellenz auf die ganzheitliche Verbesserung aller Unternehmensfunktionen. Dazu gehören insbesondere Forschung & Entwicklung, Produktion sowie Supply Chain Management und Logistik. Hier hat OPEX das Potenzial, Verlust und Verschwendung entlang der kompletten Wertschöpfungskette zu reduzieren, was zu einer nachhaltigen Verbesserung der operativen und finanziellen Kennzahlen führt. 
Schäfer erklärt: "Dabei geht es immer um Effizienzsteigerung, egal ob das nun die Ausschussreduktion in der Produktion ist oder ob das bedeutet, noch kürzere Lieferzeiten, noch stärker individualisierte Produkte, effizient und wirtschaftlich auf den Markt zu bringen. Und das geht eben nur mit der vollen Vernetzung. Das heißt, ich muss mir die Frage stellen, wie ich Cloud Computing organisiere, diese Menge an Daten persistiere, also vorhalte, speichere und die Rechenleistung auch skalierbar und vernetzt in den Werken bereitstellen will - und hier kommen alternativlos die Cloud-Plattformen ins Spiel."
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