Eissmann Ungarn, GEO Award, Fabrik des Jahres

Das Werk aus der Luft. Auf ein weiteres Wachstum ist Eissmann durch den Kauf eines Nachbargrundstücks gut vorbereitet. - Bild: Eissmann Ungarn

Die Ungarn sind ein gastfreundliches Volk. Das spüre ich gleich bei der Begrüßung: Herzlich werde ich von Attila Böszörményi, Geschäftsführer der Eissmann Automotive Hungaria, in Empfang genommen. Der sympathische 41-Jährige ist ein gutes Aushängeschild für sein aufstrebendes Land: Gebildet, bescheiden und doch zielstrebig. Kein Zweifel: Mit Ungarn geht es bergauf und das Land hat glänzende Zukunftsperspektiven. Die Menschen hier sind 'hungrig' nach Bildung und den mit einem weiteren wirtschaftlichen Aufschwung verbundenen Chancen.

Es ist gut für das Land, wenn deutsche Firmen sich hier ansiedeln und das tun sie auch. Etliche deutsche Unternehmen haben hier neue Fertigungsstätten und das prominenteste Beispiel ist wohl Audi mit seinem riesigen Werk in Győr. Aber auch etliche Zulieferer der Automobilindustrie haben sich bereits in dem Land angesiedelt.

Dazu gehört auch die Eissmann Group Automotive. Das Unternehmen stellt komplette Fahrzeuginnenräume, Verkleidungsteile und Bedienmodule her. Und in dieser Nische hat sich die Eissmann Group Automotive einen exzellenten Ruf erarbeitet. Nahezu alle großen europäischen OEM sind Kunden und darunter sind auch so edle Namen wie Bentley, Porsche oder Daimler. Das edle Image von Fahrzeugen dieser Marken vermittelt beispielsweise der Wählhebel für das Automatikgetriebe. Eine Auswahl davon präsentiert mir Böszörményi in seinem Büro: Allein, die Wählhebel in der Hand zu halten, macht Lust darauf, diese Fahrzeuge einmal fahren zu dürfen. Die Designer haben ganze Arbeit geleistet. Besonders ansprechend sind dabei die Kombination der Materialien Leder und Aluminium beispielsweise für einen Wählhebel des Audi TT. Die Perfektion und Detailverliebtheit moderner Fahrzeuge insbesondere der Premiumklasse ist schlichtweg beeindruckend.

Nicht ohne Grund werden die Automobilindustrie und ihre Zulieferer als Königsklasse der Industrie bezeichnet. Wer hier erfolgreich sein will, der muss fast perfekt sein. Und fast perfekt ist auch die Eissmann Group Automotive mit ihrem Werk im ostungarischen Nyíregyháza: 2015 hat sie den deutschen GEO Award im Wettbewerb 'Fabrik des Jahres' gewonnen. Und ein Rundgang durch die blitzsauberen Hallen des Werks zeigt schnell, was die Gründe für den Sieg waren: Alles ist durchdacht, emsig und gewissenhaft wird gearbeitet. Dabei herrscht doch ein freundliches Arbeitsklima. Beeindruckend sind die KVP-Dynamik innerhalb der gesamten Organisation und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung.

Präsenz vor Ort ist wichtig

Eissmann Ungarn, GEO Award, Fabrik des Jahres
Die Produktionsflächen sind systematisch angeordnet. Etwaige Fehler in den Prozessen lassen sich so sehr schnell auf einen Blick erkennen. - Bild: Eismann Ungarn

Nichts ist dem Zufall überlassen. Jedes Werkzeug ist ergonomisch optimal platziert und jeder Handgriff ist durchdacht und sitzt auf Anhieb. Beeindruckend ist auch die Übersichtlichkeit im Werk. Auf einen Blick erfasst man über grüne, gelbe oder rote Signalleuchten den Zustand einer Fertigungslinie. Dabei ist es Böszörményi wichtig, vor Ort bei den Mitarbeitern zu sein. "Bildschirme, die den Status einer Linie in meinem Büro anzeigen, sind nicht der richtige Weg. Ich bin daher sehr oft in den Hallen unterwegs und spreche direkt mit den Mitarbeitern", sagt er.

Dabei entgeht ihm nichts: An einer Station für die Verklebung von einem Verkleidungsteil mit dem Leder fällt eine Platte aus der Halterung. Sofort erkundigt er sich, ob dies öfter passiere. Dabei kontrolliert er nie den Mitarbeiter, sondern strikt nur die Prozesse. "Im Fokus unseres Werks stehen die Mitarbeiter. Nur wenn die gut eingebunden sind, funktionieren die Tools wie beispielsweise Kanban, Andon, Poka Yoke", erklärt Böszörményi.

Bei etwaigen Problemen finden Meetings oder einfache Audits direkt am Ort des Geschehens statt. "Wenn es Kundenreklamationen gibt oder die Kosten zu hoch sind, sind fast immer instabile Prozesse der Grund. Das gilt es, durch die persönliche Präsenz vor Ort zu verhindern", ist Böszörményi überzeugt. Sein Credo: Viele kleine Verbesserungen entwickeln in Summe eine große Kraft und beleben die Verbesserungskultur einer Firma. Er nennt das 'The Power of small Kaizens'.

Im Werk gibt es viel Handarbeit

Attila Böszörményi, Eissmann Ungarn, GEO Award
Attila Böszörményi,Geschäftsführer Eissmann Automotive Hungaria: "Wir sind ein einzigartiges Team und ticken alle ähnlich. Fehler suchen wir nie bei den Mitarbeitern, sondern immer bei den Prozessen." - Bild: Eissmann Hungaria

Was auffällt, ist der hohe Anteil von Handarbeit im Werk. Das Aufbringen von Leder auf die Halterungen verlangt große Geschicklichkeit vom Werker und lässt sich nicht automatisieren. Beeindruckend ist auch die Fingerfertigkeit der Näherinnen. Jede Naht muss insbesondere im späteren Sichtbereich perfekt sitzen. Auch das lässt sich nicht automatisieren. "Wir vernähen jährlich rund 17 000 Kilometer Faden", berichtet Böszörményi stolz.

Die bedarfsgerechte Versorgung aller Linien innerhalb des Werkes erfolgt über den 'Milkrun', Transportzüge, die Material an die einzelnen Arbeitsplätze liefern und die fertigen Bauteile abholen. Kompromisslos ist Böszörményi nur, wenn es um Arbeitsfluss, Transparenz und Durchgängigkeit der Prozesse geht. Viele Vorschläge für Verbesserungen kommen dabei direkt von den Mitarbeitern in den Linien. Dabei funktioniert das Werk sehr unbürokratisch: "Wenn etwas Sinn macht, dann machen wir es einfach."

Das ist das einzige Kriterium. Die Mitarbeiter sind deshalb sehr engagiert und denken selbstständig", erklärt Böszörményi. Neue Technik kommt nur zum Einsatz, wenn sie kein Selbstzweck ist. Ziel sind immer einfache Lösungen mit möglichst großer Wirkung. Den Erfolg seines Unternehmens schreibt Böszörményi seinem gesamten Team zu.