Daimler, Testzentrum, Sindelfingen

Daimlers neues Testzentrum in Sindelfingen hat einen Millionenbetrag gekostet. - Bild: Daimler

| von Gabriel Pankow

Die Schwaben machten für das TFS den Geldbeutel weit auf. Die Anlage kostete einen dreistelligen Millionenbetrag. Daimler-Boss Dieter Zetsche sagt: "Das zeigt einmal mehr: In Sindelfingen schlägt das Herz der Automobilindustrie. Und damit das so bleibt, stärkt target="_blank">Mercedes-Benz mit diesen Zukunftsinvestitionen den Hightech-Standort Deutschland und sichert die Technologie- und Innovationsführerschaft im Premium-Segment." Thomas Weber, Daimler-Vorstandsmitglied für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung, ergänzt: "Mit dem neuen Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit setzt Mercedes-Benz ein weiteres deutliches Zeichen zur Sicherung seines Markenkernwertes ‚Sicherheit‘ und des Innovationsstandortes Deutschland."

Das flexible, effiziente Crashbahnkonzept im neuen Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit biete nicht nur die Möglichkeit klassischer Crashtests, sondern schafft auch die Voraussetzungen für ganz neue Versuchsanordnungen: Fahrzeug-Fahrzeug-Kollisionen (Car2Car) unter allen Winkeln, automatisiert gefahrene Manöver mit anschließendem Crash oder Crashtests mit Lkw.

Insgesamt sind rund 70 verschiedene Crashtest-Konfigurationen möglich. Hinzu kommen das Schlittenprüffeld zur Erprobung von Komponenten und neue Methoden zur Vermessung der Fahrzeuge vor und nach dem Crash.

Das Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit biete ausreichende Platzverhältnisse für die zukünftigen Anforderungen, so misst die längste Crashbahn über 200 Meter. Insgesamt sind fünf Crashblöcke vorhanden, wovon einer im Raum flexibel verfahrbar und ein weiterer um die Hochachse drehbar ist. Diese beiden Crashblöcke sind für den Betrieb an jeder der vier Seiten mit einer anderen Barriere vorkonfiguriert.

Zusammen mit einem mobilen Trennwandsystem ermöglicht die Anlage den gleichzeitigen und unabhängigen Betrieb von bis zu vier Crashbahnen. Dank des neuen Betriebskonzepts und des flexiblen Anlagenlayouts kann Mercedes im Jahr rund 900 Crashtests durchführen. Hinzu kommen etwa 1.700 Schlittenversuche pro Jahr.

Der Neubau des Technologiezentrums Fahrzeugsicherheit (TFS) war laut Daimler-Pressemitteilung ein aufwendiges Bauprojekt. Erste Vorplanungen begannen bereits vor über zehn Jahren, der Baubeginn war im Herbst 2013, Richtfest wurde am 12. Mai 2015 gefeiert, der erste produktive Crashtest wurde am 30. September 2016 durchgeführt.

Die Herausforderungen bestanden unter anderem darin, dass in der großen Crashtesthalle keine Säulen stehen durften und der Boden der Crashbahnen extrem eben sein sollte. Zu den baulichen Besonderheiten zählt ebenso die Temperierung mit Hilfe der Abwärme der benachbarten Klimawindkanäle.

Gigantische Ausmaße

Die Dimensionen und der Materialeinsatz beim Bau des TFS sind beeindruckend: Der stützenfrei überdachte Teil der Crashhalle ist mit 90 Metern mal 90 Metern deutlich größer als die Fläche eines Fußballplatzes. Verbaut wurden insgesamt über 7.000 Tonnen Stahl. Und der Einsatz von insgesamt 36.000 Kubikmeter Beton lässt sich illustrieren mit einer rund 40 Kilometer langen Schlange von Betonmischer-Fahrzeugen.

Mehr als 200 Meter misst die längste Anlaufbahn von Crashblock zu Crashblock. Für die exakte Durchführung der Versuche ist eine extreme Ebenheit des Bodens erforderlich. In einem Streifen von ±4 Meter um die Mitte der Crashbahnen beträgt die Toleranz ±2 mm/m, auf die gesamte Bahnlänge sind es ±5 mm/100 m. Die Bodenplatte ruht auf rund 500 Betonsäulen, die bis zu 18 Meter tief in den Boden reichen. Sie wird ähnlich einer Fußbodenheizung temperiert, um die geforderte Temperaturkonstanz in der Halle sicherzustellen.

Historie der Daimler-Crashtests:

Am 10. September 1959 fand der erste Crashtest in der Geschichte von Mercedes-Benz statt – auf einer Freifläche in der Nachbarschaft des Werkes Sindelfingen. Ein Versuchswagen wird frontal gegen ein festes Hindernis gesteuert. Damit tritt die Sicherheitsforschung der Marke in eine neue Ära ein. Denn nun lässt sich das Verhalten von Fahrzeugen und Insassen bei Autounfällen anhand der Testwagen und Versuchspuppen genauer untersuchen.

Bleibt es in den ersten Jahren noch bei wenigen Unfallversuchen, etabliert sich das Verfahren seit den 1960er Jahren zunehmend als Werkzeug zur Prüfung und Verbesserung der Fahrzeugsicherheit. Neben Personenwagen werden bei Mercedes-Benz auch Transporter und Nutzfahrzeuge bis hin zum Reisebus Crashtests unterzogen. Die erste Crashanlage unter einem Dach weiht der Autobauer im Jahr 1973 ein.