Maschinenbau-Gipfel

Industrielle Souveränität: Worauf es jetzt ankommt

Industrielle Souveränität entscheidet sich nicht allein in Forschungslaboren. Matthias Möhrke von Porsche Consulting erklärt, warum Europa Technologien schneller skalieren muss. Über dieses Thema spricht er auch auf dem Maschinenbau-Gipfel 2026.

Wie kann industrielle Souveränität Europa stärken? Matthias Möhrke erklärt Skalierung, Maschinenbau, Schlüsseltechnologien und neue Ökosysteme.
Wie kann industrielle Souveränität Europa stärken? Matthias Möhrke erklärt Skalierung, Maschinenbau, Schlüsseltechnologien und neue Ökosysteme.

Summary: Matthias Möhrke von Porsche Consulting beschreibt in der Studie „The New Industrial Race“, wie Europa seine industrielle Souveränität stärken kann. Entscheidend sind ein schneller industrieller Hochlauf, leistungsfähige Ökosysteme und die Sicherung strategischer Kontrollpunkte bei Technologien wie Batterien, Halbleitern und Physical AI. Dem Maschinen- und Anlagenbau kommt dabei als Anbieter von Produktionssystemen, Automatisierung und digitaler Integration eine zentrale Rolle zu. Das Thema spielt auch eine wichtige Rolle auf dem Maschinenbau-Gipfel 2026.

Herr Möhrke, die Studie „The New Industrial Race“ spricht von einem „neuen industriellen Wettlauf“. Worin unterscheidet sich dieser Wettbewerb grundlegend von früheren Standort- und Technologiedebatten – und warum entscheiden heute gerade Geschwindigkeit, Skalierung und Systemfähigkeit über die industrielle Zukunft Europas?

Matthias Möhrke, Partner bei Porsche Consulting
Matthias Möhrke, Partner bei Porsche Consulting

Matthias Möhrke: Der entscheidende Unterschied ist: Früher wurde Innovation belohnt. Heute wird Industrialisierungsgeschwindigkeit belohnt.

Europa hat weiterhin starke Forschung, führende Ingenieurskompetenz und industrielle Nischen. Der Wettbewerb verschiebt sich jedoch von der reinen Technologiefrage hin zur Fähigkeit, neue Technologien schnell in Produktion, Skalierung und globale Wertschöpfung zu überführen.

Extern zeigt sich dieser Druck besonders im Vergleich mit China: Chinesische Anbieter konkurrieren nicht mehr nur über Kosten, sondern zunehmend über Geschwindigkeit, Skalierung und strategische Fokussierung. Im Maschinenbau werden teils Angebote mit deutlichen Kostenvorteilen, kürzeren Entwicklungszyklen und wachsender technologischer Leistungsfähigkeit sichtbar.

Für Europa entscheidet sich der neue industrielle Wettlauf daher an einer einfachen Frage: Gelingt es, technologische Stärke in industrielle Cluster, kritische Kontrollpunkte und europäische Wertschöpfung zu übersetzen?

 Bei Batterien, Photovoltaik, Halbleitern und humanoider Robotik verfügt Europa über Forschungskompetenz und Maschinenbau-Know-how, verliert aber häufig beim Übergang in die industrielle Großserie. An welcher Stelle der Wertschöpfungskette entsteht aus Ihrer Sicht die entscheidende Lücke?

Möhrke: Die entscheidende Lücke entsteht im industriellen Hochlauf. Europa verfügt über starke Forschung, Engineering-Kompetenz und ausgewählte technologische Spitzenpositionen. Kritisch wird es dort, wo aus Pilotprojekten wettbewerbsfähige Serienproduktion, skalierbare Lieferketten und industrielle Lernkurven entstehen müssen. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Europa neue Technologien nur entwickelt oder auch industriell kontrolliert und wirtschaftlich nutzt.

Bei Batterien zeigt sich diese Logik besonders deutlich: Während der Markt für Produktionsequipment weiter wächst und Modernisierung bestehender Fabriken neue Chancen für europäische Anbieter eröffnet, bleibt die Zellproduktion stark von asiatischen Akteuren geprägt. Für Europa ergeben sich damit Chancen in Präzision, Prozesskompetenz, digitaler Integration und regulatorischem Know-how, zugleich aber auch Risiken beim Verlust industrieller Kontrollpunkte.

Deutscher Maschinenbau-Gipfel 2026

Der 16. Deutsche Maschinenbau-Gipfel bringt Entscheider aus Industrie, Politik und Wirtschaft zusammen. Im Mittelpunkt stehen die strategischen Zukunftsfragen des Maschinen- und Anlagenbaus – von KI und Physical AI über Wettbewerbsfähigkeit und Geopolitik bis zu neuen Wachstumsfeldern.

Wann: 10. und 11. November 2026

Wo: Berlin

Matthias Möhrke auf dem Maschinenbau-Gipfel: Am 10. November um 16:35 Uhr stellt Matthias Möhrke von Porsche Consulting in der Session „DeepTech: Was ist drin für den Maschinenbau?“ die Studie „The New Industrial Race – Why Speed, Scale and System Capability Decide Europe’s Future“ vor.

Anmeldung: Tickets und weitere Informationen zur Teilnahme gibt es auf der Buchungsseite des Maschinenbau-Gipfels.
Zur Anmeldung zum Maschinenbau-Gipfel 2026

Programm: Das vollständige Programm informiert über Vorträge, Sessions und Speaker an beiden Veranstaltungstagen.
Zum Programm des Maschinenbau-Gipfels 2026

Deshalb betrachten wir diese Lücke entlang von zwei Dimensionen: Strategic & Ecosystem Control, also der Frage, welche Technologien, Standards, Produktionsfähigkeiten und Ökosysteme Europa kontrollieren muss; und European Industrial Value Creation, also der Frage, wo aus technologischem Wachstum auch Wertschöpfung, Beschäftigung, Maschinenbedarf und industrielle Lernkurven in Europa entstehen. Es geht also darum, welche Kontrollpunkte Europa sichern muss und wo daraus echte industrielle Wertschöpfung für Europa entsteht.

Der europäische Maschinenbau könnte zum Enabler neuer souveräner Wertschöpfungsketten werden – etwa durch Produktionstechnologien, Automatisierung, Anlagenbau und digitale Fabriksysteme. Welche Fähigkeiten muss die Branche dafür gezielt ausbauen, und wo droht sie selbst in neue Abhängigkeiten zu geraten?

Möhrke: Der Maschinen- und Anlagenbau kann zum zentralen Enabler europäischer industrieller Souveränität werden.

Europa wird nicht in jeder Technologie jeden Volumenmarkt dominieren. Aber Europa kann dort unverzichtbar werden, wo Produktionssysteme, Automatisierung, Präzision, Prozesswissen und Anlagenintegration über die Skalierung neuer Technologien entscheiden.

Dafür muss der Maschinenbau seine Hardware-Kompetenz um Software, Daten, KI, digitale Zwillinge, Plattformfähigkeit und Lifecycle-Services erweitern. Gerade in Halbleitern, Robotik, Batterien und industrieller KI steigt der Bedarf an systemischer Integration deutlich. Der europäische Halbleiterbedarf wird unter anderem durch Automotive, Energie, Robotik, industrielle KI, autonome Systeme und intelligente Industrieanwendungen getrieben. Auch in der Photovoltaik zeigt sich, dass europäische Stärken vor allem dort liegen, wo Equipment, Prozess-Know-how und Fabriksysteme über Effizienz, Qualität und Skalierungsfähigkeit entscheiden.

Neue Abhängigkeiten drohen dort, wo europäische Maschinenbauer zwar Anlagen liefern, aber Plattformen, Daten, KI-Modelle oder digitale Standards nicht kontrollieren. Die strategische Frage lautet deshalb: Bleibt Europa Hardware-Lieferant oder wird es Systemgestalter? 

China verbindet industrielle Skalierung mit eng verzahnten Ökosystemen aus Zulieferern, Kapital, Infrastruktur und staatlicher Industriepolitik. Kann Europa mit einzelnen Leuchtturmprojekten überhaupt mithalten, oder braucht es grundlegend neue Kooperations- und Finanzierungsmodelle zwischen Unternehmen, Politik und Forschung?

Möhrke: Leuchtturmprojekte sind notwendig, aber nicht hinreichend. China hat seinen Vorsprung aufgebaut, weil Industrie, Kapital, Infrastruktur, Nachfrage und Politik gezielt ineinandergreifen. Für Europa macht genau diese systemische Verzahnung den Unterschied: Strategische Technologien brauchen skalierbare Unternehmen, leistungsfähige Zulieferer, Forschung, Kapital, Infrastruktur, Nachfrage und klare politische Rahmenbedingungen, um aus technologischer Stärke industrielle Souveränität zu schaffen.

Europa braucht daher weniger Projektlogik und mehr Clusterlogik. Es geht um verlässliche Finanzierung, schnellere Entscheidungen, koordinierte Industriepolitik, stärkere Nachfrageimpulse und gemeinsame Risikoteilung zwischen Staat und Industrie.

Auch aktuelle europäische Initiativen zur technologischen Souveränität zeigen, dass Halbleiter, KI, Cloud und digitale Infrastruktur nicht mehr nur als Marktfragen betrachtet werden, sondern als strategische Grundlage industrieller Handlungsfähigkeit.

Der Wettbewerb der Zukunft findet nicht zwischen einzelnen Unternehmen statt, sondern zwischen Ökosystemen. 

Vollständige technologische Autarkie dürfte weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll sein. Nach welchen Kriterien sollte Europa entscheiden, welche Schlüsseltechnologien und Produktionsstufen zwingend im eigenen Wirtschaftsraum verankert werden müssen – und welche Rolle können Länder wie Indien als strategische Partner in resilienteren Wertschöpfungsnetzwerken übernehmen?

Möhrke: Europas Ziel sollte strategische Handlungsfähigkeit sein. Europa sollte vor allem jene Technologien und Wertschöpfungsstufen absichern, die für mehrere Schlüsselindustrien gleichzeitig relevant sind und langfristig über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden. Dazu gehören insbesondere Batterien, Halbleiter, Physical AI und kritische Produktionstechnologien. Im Fokus steht dabei nicht die vollständige Abdeckung jeder Wertschöpfungsstufe, sondern die Sicherung der entscheidenden Kontrollpunkte: Technologie, Produktions-Know-how, Ausrüstung, Daten, Standards, Schlüsselkomponenten und industrielle Kernkompetenzen.

Genau dafür nutzt die Studie zwei Perspektiven: Strategic & Ecosystem Control zeigt, wo Europa Kontrolle über Technologien, Standards, Lieferketten und industrielle Ökosysteme behalten oder mitgestalten muss. European Industrial Value Creation zeigt, wo aus technologischem Wachstum auch Beschäftigung, Maschinenbedarf, Services, Exporte und industrielle Lernkurven in Europa entstehen.

Indien kann in diesem Bild ein wichtiger Partner sein. Das Land steht exemplarisch für eine Welt der Multi-Alignment-Strategien: Es vertieft Technologiepartnerschaften mit unterschiedlichen Akteuren und bleibt gleichzeitig wirtschaftlich eng in globale Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden. Für Europa können solche Partner helfen, Lieferketten breiter, resilienter und weniger einseitig auszurichten, solange Europa seine strategischen Kernkompetenzen selbst absichert.

FAQ: Industrielle Souveränität Europas

• Warum ist industrielle Souveränität für Europa wichtig? – Entscheidend ist die Fähigkeit, technologische Stärke in Produktion, Skalierung, industrielle Wertschöpfung und strategische Kontrollpunkte zu überführen.

• Welche Rolle spielt der Maschinenbau für industrielle Souveränität? – Der Maschinen- und Anlagenbau kann durch Produktionssysteme, Automatisierung, Präzision, Prozesswissen und Anlagenintegration zum zentralen Enabler werden.

• Welche Technologien sind für industrielle Souveränität besonders relevant? – Genannt werden insbesondere Batterien, Halbleiter, Physical AI und kritische Produktionstechnologien.

• Was gefährdet die industrielle Souveränität des Maschinenbaus? – Abhängigkeiten können entstehen, wenn europäische Unternehmen Anlagen liefern, aber Plattformen, Daten, KI-Modelle oder digitale Standards nicht kontrollieren.

• Wie kann Indien zur industriellen Souveränität Europas beitragen? – Indien kann als strategischer Partner helfen, Lieferketten breiter, resilienter und weniger einseitig auszurichten, während Europa seine Kernkompetenzen selbst absichert.