Portraitfotos von Ulrich Ackermann, Head of Industrial Manufacturing bei der KPMG und Yannik Michels, Partner, Consulting, ESG & Finance Transformation

Ulrich Ackermann, Head of Industrial Manufacturing, KPMG und Yannik Michels, Partner, Consulting, ESG & Finance Transformation, KPMG, geben Einblicke in die ESG-Steuerung der Fertigungsindustrie. (Bild: KPMG)

Ihre Studie 'Nachhaltig steuern' betont die Schlüsselrolle der Fertigungsindustrie beim Erreichen des Net-Zero-Ziels. Welche Lösungen halten Sie als besonders vielversprechend für die Dekarbonisierung?

Ulrich Ackermann: Die Fertigungsindustrie spielt zweifellos eine Schlüsselrolle, auch wenn sie eher als Zulieferer in der Wertschöpfungskette agiert. Dennoch ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen, da in der Fertigungsindustrie auf verschiedenen Ebenen entscheidende Entwicklungen stattfinden. Der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien in der Industrie ist zum Beispiel ein zentraler Faktor, der sowohl die Branche als auch die Akteure in Bewegung setzt.

Ebenfalls entscheidend ist ein effizientes Energie-Management. Die Beeinflussung dieser Bereiche und die Erzielung von Fortschritten erfordern auch eine konsequente Umsetzung nachhaltiger Produktionsmethoden. Dies beinhaltet die Optimierung von Lieferketten, Produktionsabläufen und Anlagen in Unternehmen, wobei eine Reduzierung des Materialverbrauchs und die Implementierung von Kreislaufwirtschaftsmodellen eine entscheidende Rolle spielen kann. Nicht zuletzt können auch kürzere Transportwege einen Beitrag leisten.

Über die ESG-Studie 'Nachhaltig steuern'

  • Im ersten Quartal 2023 wurden bundesweit 200 Entscheider:innen aus vier Branchen befragt, wie sie den Stand der ESG-Aktivitäten (Environment, Social, Governance) im eigenen Unternehmen bewerten.
  • Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Kantar durchgeführt.
  • 50 Unternehmen aus der Automobilindustrie, Fertigungsindustrie, Infrastrukturmarkt sowie Transport- und Logistikwirtschaft wurden befragt.
  • Die Umfrage zielte darauf ab, die Vorbereitung der Unternehmen auf mittel- und langfristige Veränderungen, ihre Sensibilität für zukünftige Veränderungen sowie die Erkennung potenzieller Risiken und Chancen zu bewerten.
  • Die Studie ist online als Download erhältlich.

Yannik Michels: Gefragt nach den Treibern zeigt sich bei Unternehmen der Fertigungsindustrie, dass nur knapp 50 Prozent den Klimawandel als einen der maßgeblichen Treiber betrachten.

Die Fertigungsindustrie spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle aufgrund ihres hohen Innovationsgrades und der damit verbundenen Möglichkeit einen relevanten Beitrag zu leisten. Unternehmen müssen im aktuellen konjunkturellen Umfeld abwägen, wie viel in nachhaltige Themen investiert wird und die Balance zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit finden, wobei ein überzeugender Business Case für alle Stakeholder entscheidend ist.

Warum wird die Nutzung von ESG als Wettbewerbsvorteil nicht von allen Unternehmen akzeptiert?

Ackermann: Viele Fertigungsunternehmen sehen sich in einer kostenorientierten Umgebung, insbesondere bei Energiekosten. Externer Druck, Kundenanforderungen und Kosten sind momentan stärkere Einflussfaktoren als der Wettbewerbsvorteil. Dies wird sich voraussichtlich ändern, wenn Unternehmen den Nutzen von Nachhaltigkeit im Wettbewerb stärker erkennen.

Michels: Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit den regulatorischen Impulsen für ihre ESG- Aktivitäten, wie beispielweise die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) und die EU-Taxonomie. Wir erkennen unterschiedliche Ansätze bei unseren Kunden. Einige sehen ESG bereits als Chance für einen Wettbewerbsvorteil, während andere derzeit vor allem die Erfüllung der Compliance-Anforderungen im Blick haben.

Wir betonen immer wieder, dass die ohnehin notwendigen Transformationsmaßnahmen im Rahmen der CSRD bewusst genutzt werden sollten, um die Möglichkeiten zur Wertsteigerung synergetisch aufzugreifen. Dies kann beispielsweise durch operative Exzellenz oder die Umsetzung von Maßnahmen für Net-Zero-Ziele geschehen. Die Reduzierung des Produkt-Ökobilanz-Fußabdrucks kann wiederum zu einer positiven Wahrnehmung und Kundenbindung und schließlich zu positiven Auswirkungen auf ESG-Ratings und verbesserte Finanzierungsbedingungen beitragen. Dieser Ansatz spielt auch eine Rolle bei der Gewinnung qualifizierter Fachkräfte.

Die Studienergebnisse im Überblick:

  • ESG-Steuerung wird von vielen Fertigungsunternehmen noch nicht als Wettbewerbsvorteil erkannt: Laut Umfrage charakterisieren 48 Prozent der befragten Unternehmen ihre Herangehensweise an ESG-Themen als proaktiv und glauben, sich dadurch Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Branchenübergreifend liegt dieser Wert bei 47 Prozent.
  • Die meisten Fertigungsunternehmen machen ESG zur Chefsache: 64 Prozent der Befragten aus der Fertigungsbranche geben an, dass die Verantwortung für alle nachhaltigkeitsrelevanten Themen bei C-Level und Vorstand liegt. In allen vier Branchen stimmen 63 Prozent dieser Aussage zu.
  • Bei der Definition von Umwelt-KPIs führt die Fertigungsbranche: 72 Prozent der befragten Fertigungsunternehmen geben an, dass sie Kennzahlen (KPIs) zur Steuerung von Umweltaspekten definiert haben. Branchenübergreifend sind es nur 56 Prozent. Nur 44 Prozent bzw. 48 Prozent der Unternehmen verfügen über ein abgestimmtes KPI-Set für soziale Aspekte und Governance-Aspekte. Auch hier hat die Fertigungsbranche die Nase vorn.
  • Fragmentierte Systemlandschaften erschweren das ESG-Reporting von Infrastrukturunternehmen: 44 Prozent der Befragten aus der Fertigungsbranche geben an, dass die Schnittstellen ihrer Systeme und Instrumente in den Prozessen für das ESG-Reporting aus einer Vielzahl von Einzelsystemen bestehen. Dieser Wert liegt leicht unterhalb des Durchschnitts von 48 Prozent über alle Branchen hinweg.

Die Studie zeigt, dass die Verantwortung für ESG-Maßnahmen auf C-Level-Ebene liegt. Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Ackermann: Die klare Platzierung der Verantwortlichkeit auf C-Level-Ebene bietet mehrere Vorteile, insbesondere in Bezug auf die Integration und die daraus resultierende Umsetzbarkeit der ESG-Maßnahmen im Unternehmen. ESG-Themen betreffen in der Regel viele Bereiche in der Fertigungsindustrie. Die Integration muss daher in allen Bereichen erfolgen, und das ist einfacher zu realisieren, wenn die Führungsebene dies unterstützt. Die Erfahrung zeigt, dass ein klarer Tone-from-the-top und klare Verantwortlichkeiten auf C-Level Ebene auch eine stärkere Identifikation auf Ebene der Mitarbeitenden zur Folge hat.

Die fragmentierte Systemlandschaft ist laut Studie die größte Herausforderung. Haben Sie Empfehlungen für ein effektives Reporting?

Michels: Als Startpunkt sollte eine Analyse dienen, ob überhaupt Daten in den Systemen vorliegen  oder diese erst strukturiert erfasst werden müssen. Dies gilt insbesondere im Bereich der Environmental-Daten.

Die heterogene Systemlandschaft, insbesondere bei der Erfassung nicht-finanzieller Daten, ist eine zentrale Herausforderung, wie in unserer Studie herausgestellt und bei unseren Mandanten oft beobachtet. Zwei elementare Punkte sind dabei von großer Bedeutung.

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Erstens ergibt es oft wenig Sinn, mit dem reinen Erwerb eines ESG-Tools die Herausforderung heilen zu wollen, da dies nur neue Schnittstellen schafft. Stattdessen sollte man aus der bestehenden Systemarchitektur heraus denken und die finanzielle und nicht finanzielle Welt sinnvoll integrieren. Neben der Sicherstellung der externen ESG-Berichterstattung geht es darum, ESG in den bestehenden Management Performance Zyklus einzubetten.

Wir betonen den Kosten-Nutzen-Aspekt und raten dazu, pragmatisch zu starten und den Reifegrad mit der Zeit und dem Wissen sukzessive zu erhöhen. Mit zunehmender Automatisierung sinken die Kosten, und ein strukturierter, automatisierter Weg ist effizienter als manuelle Datensammlung und -zusammenführung.

Sie haben Entscheider aus verschiedenen Branchen befragt. Gibt es bewährte Methoden oder Best Practices, von denen die Fertigungsindustrie lernen kann?

Ackermann: Die Fertigungsindustrie kann definitiv von anderen Branchen lernen. Besonders im Bereich der Integration in die Gesamtstrategie, der Einbindung auf C-Level-Ebene und dem konsistenten Datenmanagement gibt es branchenübergreifende Erkenntnisse. Der eben angesprochene Ansatz des "Just do it" ist ebenfalls übertragbar. Ein konkretes Beispiel ist das Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetz (LkSG), bei dem die Nahrungsmittelindustrie als Vorbild dient, da sie bereits Tools und Systeme hat, um genau nachzuverfolgen, was in einem Produkt enthalten ist.

Lilli Bähr
(Bild: L. Bähr)

Die Autorin Lilli Bähr ist Redakteurin bei mi-connect und widmet sich den Themen Robotik & Automation, Digitalisierung sowie Nachhaltigkeit. Als Biologin kombiniert sie ihre wissenschaftliche Neugier mit einer Leidenschaft für das Schreiben. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für den Umwelt- und Naturschutz und auch sonst zieht es sie oft in die Natur, wo sie ihre kreativen Fähigkeiten beim Fotografieren auslebt.

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